Zwei der drei Angeklagten mit ihren Verteidigern im Hagener Landgericht. © Jörn Hartwich
Folterhaus von Ergste

„Folterhaus“-Prozess startet unter schwierigen Vorzeichen – Opfer via Skype vernommen

In einem Haus in Schwerte wird ein Mann (36) tagelang misshandelt. Der Fall hatte unter dem Schlagwort „Folterhaus von Ergste“ für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht.

Die Angeklagten schweigen, das Opfer soll in Polen im Gefängnis sitzen: Unter schwierigen Vorzeichen hat in Hagen am Dienstag (19.1.) der Prozess um die angeblich tagelange Misshandlung eines 36-Jährigen begonnen. Der Fall hatte im vergangenen Sommer unter dem Schlagwort „Folterhaus von Ergste“ für Schlagzeilen gesorgt.

Als zwei der Angeklagten von den Wachtmeistern in den Gerichtssaal geführt wurden, blickten sie sich unsicher um. Keine bulligen Typen, eher noch Jungs, die sich bereits seit Monaten in Untersuchungshaft befinden. Der dritte Angeklagte ist schon wieder auf freiem Fuß. Nach vorläufiger Einschätzung der Richter soll er die anderen angefeuert, aber nicht selbst zugeschlagen haben.

„Ohr als Aschenbecher“

Zwei Tage lang sollen die aus Polen stammenden Angeklagten einen Bekannten gequält und misshandelt haben. Tatort war ein Bungalow Am Derkmannsstück. Hier soll der 36-Jährige damals gewohnt haben.

In der Anklage ist von Schlägen, Tritten, Schlägen mit einem Aschenbecher und mit einem Kabel die Rede. Dem Opfer sollen Zigaretten auf dem Körper ausgedrückt worden sein, ein Ohr wurde laut Anklage als Aschenbecher benutzt.

Die Staatsanwältin spricht am ersten Verhandlungstag von „erheblichen Straftaten“. Und so sehen es auch die Richter der 9. Strafkammer. Sollten die Vorwürfe zutreffen und bewiesen werden können, drohen zumindest den beiden Hauptangeklagten lange Haftstrafen.

Ohne Geständnis lange Haftstrafen

Ohne Geständnis müssen sich die 23 und 29 Jahre alten Männer auf über fünf Jahre Gefängnis einstellen. Das haben ihnen die Richter nach einer Zwischenberatung bereits signalisiert. Doch auch mit einem Geständnis sei laut Gericht nicht an eine Strafe zu denken, die deutlich unter fünf Jahren Haft liege.

Die Hintergründe der Tat sind unklar. Die Staatsanwaltschaft war ursprünglich von einer Erpressung ausgegangen. Rund 330 Euro waren mit der EC-Karte des 36-Jährigen abgehoben worden. Die Richter haben inzwischen allerdings Zweifel. Es könnte sich auch um eine berechtigte Forderung gehandelt haben.

Opfer via Skype vernommen

Auch das Opfer hatte sich dazu bisher nicht äußern wollen. Der 36-Jährige war im Vorfeld des Prozesses in seiner polnischen Heimat via Skype vernommen worden. Dabei sei er laut Richter Christian Hoppe jedoch nicht in der Lage oder nichts willens gewesen, den wahren Grund der Übergriffe zu nennen.

Noch gehen die Richter allerdings davon aus, dass sie den 36-Jährigen auch noch einmal direkt befragen können. Sie haben ihn für den 8. Februar als Zeugen geladen – und zwar an seiner polnischen Privatanschrift. Ob er auftauchen wird, ist zurzeit allerdings noch völlig unklar.

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Gerichtsreporter
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