Emily (l.) und Rebekah sind Freundinnen. Die Sechstklässlerinnen nehmen am Ferienprogramm ihrer Schule teil. Im Homeschooling waren sie vor allem in Mathe ins Schlingern geraten. © Martina Niehaus
Homeschooling

Emily, elf Jahre: „Ich fand das Homeschooling echt grauenvoll“

In den Ferien bieten viele Schulen Programme an. Kinder sollen so ihre Lernlücken füllen. Wir haben mit zwei Freundinnen gesprochen, die einfach froh sind, wieder in die Schule zu dürfen.

Als der Schulsozialarbeiter die beiden Mädchen fragt, ob sie etwas erzählen möchten, versuchen Emily und Rebekah gerade, ein TikTok-Video auf dem Schulhof zu produzieren. „Mensch, Herr Schunck, jetzt sind Sie ins Bild gelaufen“, lachen sie.

Jonas Schunck entschuldigt sich. Der 38-Jährige ist Sozialarbeiter an der Gesamtschule Gänsewinkel in Schwerte. Dort läuft in der ersten Ferienwoche ein besonderes Programm, das die Schule gemeinsam mit dem VSI-Schwerte anbietet, dem „Verein für Soziale Integrationshilfen“. Viele Schulen bieten gerade solche Ferienprogramme an.

„Wir tanzen generell sehr gerne.“

Neben „Lerntheken“ im Vormittagsbereich, an denen die Mädchen und Jungen mögliche Lernlücken aufarbeiten, finden an der GSG Tanz und Graffiti, Bewegung und Sport statt. Die Mädchen erzählen als erstes von ihrem Tanzkurs.

In vielen AGs, so auch in der Graffiti-AG, lernen die Kinder ihre Schule kennen - und verschönern können sie sie obendrein.
In vielen AGs, so auch in der Graffiti-AG, lernen die Kinder ihre Schule kennen – und verschönern können sie sie obendrein. © Jonas Schunck © Jonas Schunck

„Wir haben ganz viele Schritte gelernt“, erzählt die elfjährige Emily. Eigentlich heißen sie und die zwölfjährige Rebekah anders – aber damit die Mädchen frei reden können, sollen sie unerkannt bleiben.

Emily redet schnell wie ein Wasserfall, drückt sich dabei aber ziemlich gewählt aus. Der Tanzlehrer sei cool, und sie sei gespannt auf die Vorführung des Tanzes am nächsten Tag. „Meine Freundin und ich tanzen generell sehr gerne, obwohl ich nicht so der Sporttyp bin“, erklärt sie. „Gerade wollten wir ein Tanz-TikTok drehen.“

„Es ist blöd, wenn kein Lehrer dabeisteht zum Helfen.“

Doch vor dem Tanzen kommt ja noch das Lernen. Denn beide Mädchen haben keine guten Erinnerungen an das Homeschooling. „In Mathe war ich noch nie so gut, ich habe da früher schonmal eine Vier oder Fünf geschrieben“, gibt Rebekah zu. Im Homeschooling sei dann alles viel schlimmer geworden. „Es ist von zu Hause halt blöd, wenn kein Lehrer direkt dabeisteht zum Helfen. Das nervt schon ein bisschen.“

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An der “Lerntheke”: Eine Woche lang haben die Mädchen und Jungen die Chance, Lücken zu stopfen. Nach einer Pause starten dann die AGs. © Jonas Schunck © Jonas Schunck

Emily verdreht beim Wort „Homeschooling“ demonstrativ die Augen. „Ich fand das echt GRAU-EN-VOLL“, sagt sie. „Mama konnte nur zweimal in der Woche von zu Hause aus arbeiten, Papa war immer arbeiten. Und was sollte ich dann machen, wenn plötzlich die Druckerpatrone leer war?“

„Es war nicht so einfach, das alles zu timen.“

Die Elfjährige hat auch einen kleinen Hund, auf den sie aufpassen muss. Dabei vergisst sie einige Videokonferenzen, verliert irgendwann den Überblick. „In manchen Fächern hatte man fast nichts auf, in anderen richtig viel. Es war echt nicht so einfach, das alles zu timen“, erinnert sie sich.

Obwohl sie eigentlich gern am iPad sitzt, habe sie manchmal Kopfschmerzen bekommen. „Ist ja logisch, wenn man da Vierundzwanzig Sieben reinguckt“, sagt sie. [Anmerkung der Redaktion: „24/7“ bedeutet „24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche“]

Zwei Freundinnen. Sie sind einfach froh, dass sie wieder in die Schule können. Urlaubsreif sind sie trotzdem.
Zwei Freundinnen. Sie sind einfach froh, dass sie wieder in die Schule können. Urlaubsreif sind sie trotzdem. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Zum Glück hat Emily engagierte Lehrer, die mitbekommen, dass etwas nicht rund läuft. „Ich konnte meinen Lehrern immer schreiben, wenn etwas war. Das habe ich dann auch gemacht“, sagt sie. „Auf dem Zeugnis hatte ich dann auch ein paar Einsen.“

Im Ferienprogramm hat sie vor allem ihre Mathelücken gestopft. „Die Rechengesetze sind nicht so meins, aber jetzt bin ich da auch wieder besser geworden. Und Frau Weber hat mir auch toll geholfen, mit meiner Lese-Rechtschreib-Schwäche“, freut sich die Schülerin.

„Ich habe viele Konferenzen verpasst.“

Für Rebekah war das Homeschooling eine leidvolle Erfahrung. „In der alten Wohnung hatten wir kein WLAN, da bin ich immer zu Oma und Opa gegangen. Und als wir dann umgezogen sind, hab ich geholfen und deshalb auch viele Konferenzen verpasst.“

In der neuen Wohnung ist das Lernen von zu Hause trotz WLAN-Anschluss schwierig. Beide Eltern sind arbeiten, „die Mama kam nachmittags irgendwann.“ Rebekah ist oft bei einer Freundin, dort lernen die Mädchen zusammen. Trotzdem – auch Rebekah verliert in Mathe zwischendurch den Anschluss.

Probleme haben sich bei manchen Kindern verschärft

Schulsozialarbeiter Jonas Schunck kennt solche Probleme. „Bei einigen unserer Sorgenkinder haben sich die Probleme verschärft, und viele Auswirkungen werden sich erst später bemerkbar machen“, sagt der 38-Jährige.

Schulsozialarbeiter Jonas Schunck (38):
Schulsozialarbeiter Jonas Schunck (38): “Die Kinder lernen sich und ihre Schule kennen, das ist enorm wichtig.” © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Doch die Schule gebe alles, um es den Kindern leichter zu machen. So sagt Lehrerin Andrea Weber: „Wir kennen ja unsere Kinder und auch deren Stärken und Schwächen. Unsere Schulleitung und das Kollegium haben in Coronazeiten richtig viel gemacht, die haben alle rotiert.“ Sie freut sich darüber, dass die rund 40 Kinder auch das Lernen so gut annehmen. „Die halten sich supertapfer.“

„Dann brauche ich echt Urlaub!“

Für Jonas Schunck ist es wichtig, dass Kinder im Rahmen des Ferienprogramms auch wieder Kinder treffen. „Gerade die Fünfer kannten sich nur mit Maske. Viele Dinge konnten nicht stattfinden. Hier haben die Schüler die Chance, sich und ihre Schule besser kennenzulernen.“

Teamarbeit: In den AGs und in Teambildungsprojekten lernen die Kinder sich kennen - und lernen, sich zu vertrauen.
Teamarbeit: In den AGs und in Teambildungsprojekten lernen die Kinder sich kennen – und lernen, sich zu vertrauen. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Das tun auch Emily und Rebekah – und flitzen nach der Lerneinheit wieder zum Tanzkurs. Mit dem coolen Lehrer Jens. Denn zur Abschlussaktion am Freitag möchten sie ihren Tanz aufführen. Und anschließend vielleicht noch ein TikTok-Video drehen.

„Und dann“, sagt Emily, und wirft dabei ihr Haar zurück, „dann brauche ich ECHT Urlaub!“

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Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus

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