Für die Impfungen in Impfzentren werden Ärzte und medizinisches Fachpersonal gesucht. Die Bezahlung ist dabei unterschiedlich. © picture alliance/dpa
Impfzentren

Ein impfender Arzt verdient stündlich 150 Euro, eine Hebamme 40. Ist das fair?

Für Impfzentren werden Ärzte und medizinisches Fachpersonal gesucht. Ihre Aufgabe ist gleich: Impfen. Ihr Stundenlohn ist nicht gleich: Ärzte verdienen fast viermal so viel wie Fachpersonal.

Christine Göke ist Hebamme. Die 43-jährige Schwerterin ist sauer – wegen einer Jobanzeige der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Was sie dort gesehen hat, beschreibt sie als „skandalös“.

Auf der KVWL-Homepage stehen zurzeit Stellenausschreibungen für Ärzte und medizinisches Fachpersonal, die für Corona-Impfzentren gesucht werden. Besetzt werden sollen 27 Zentren in Westfalen-Lippe. Man suche „Ärztinnen und Ärzte sowie medizinisches Fachpersonal für die Impfaufklärung und Durchführung der Schutzimpfungen“.

Christine Göke (r.) ist Hebamme. Die Schwerterin und ihre Freundin und Kollegin Astrid von Arend (l.) ärgern sich über die extrem hohe Vergütung, die Ärzte für das Impfen bekommen.
Christine Göke (r.) ist Hebamme. Die Schwerterin und ihre Freundin und Kollegin Astrid von Arend ärgern sich über die hohe Vergütung, die Ärzte für das Impfen bekommen. © Göke © Göke

Christine Göke und ihre Freundin und Hebammen-Kollegin Astrid von Arend (45) können sich gut vorstellen, in den Impfzentren zu helfen. Deshalb schauen sie sich die Stellenbeschreibung genauer an. Und fallen fast vom Stuhl.

„Oma und Opa umarmen? Mach’s möglich!“

Mit den Werbesprüchen „Oma und Opa umarmen? Mach’s möglich“ und „Einander ohne Maske begegnen? Mach’s möglich“ wirbt die KVWL um Personal. Wobei der zweite Werbeslogan angesichts der aktuellen Corona-Lage selbst nach einer Impfung utopisch erscheint.

Medizinisches Fachpersonal – das sind Fachangestellte (MFA), Gesundheits- und Krankenpfleger, Arzthelfer und Rettungsassistenten, Sanitäter und Medizinstudenten. Und Hebammen. Wie Christine Göke und Astrid von Arend. Sie lesen die Vergütung: 38,50 bis 40 Euro Stundenlohn werden angeboten. Je nachdem ob in der Woche oder am Wochenende. Das ist okay, finden sie.

Dann klicken die beiden auch noch das Jobprofil für Ärzte an. Die Profile ähneln sich: Während das medizinische Fachpersonal hauptsächlich Impfungen durchführt, sollen Ärzte die Patienten aufklären, das Personal beaufsichtigen und „gegebenenfalls“ auch mal einen Pieks verabreichen. So weit so gut. Doch es gibt einen Unterschied bei der Bezahlung. Einen großen Unterschied.

„Nachverhandlungen“ mit dem Ministerium

Der angebotene Satz für Ärzte liegt laut KVWL „im Bereich“ von 150 Euro stündlich. Im Bereich? „Die Vergütung wird derzeit mit dem Ministerium abschließend verhandelt“, steht in der Stellenausschreibung.

Auch bei der Steuerpflicht scheint es einen Unterschied zu geben: In der Stellenausschreibung für medizinisches Fachpersonal steht ausdrücklich, dass die Vergütung steuerpflichtig sei. Dieser Hinweis steht in der Stellenausschreibung für Ärzte nicht. Ein Zufall?

Die Freundinnen sind sauer. Christine Göke: „Das ist echt schon skandalös, das geht gar nicht. Nachdem ich das gelesen hatte, habe ich mir gedacht: Auf gar keinen Fall!“

Höhere Verantwortung: Ja. Aber der vierfache Satz?

Dass ein Arzt durch die Approbation eine höhere Verantwortung hat, streiten die beiden gar nicht ab. „Als Arzt hat man studiert, man hat die längere Ausbildung absolviert. Gegen die doppelte Bezahlung von Ärzten hätte ich ja nichts einzuwenden“, sagt Christine Göke.

Aber ist tatsächlich der fast vierfache Satz gerechtfertigt? Die Aufklärung der Patienten, glauben die Hebammen, werde standardisiert sein. Und im Impfzentrum sei auch kaum damit zu rechnen, dass plötzlich eine komplizierte Knie-Operation durchgeführt werden müsse. Woran misst sich dann ein Gehalt von 150 Euro in der Stunde?

„Hohe medizinische und gesellschaftliche Verantwortung“

Dazu erklärt die KVWL auf Anfrage: „Die in den Impfzentren tätigen Ärzte tragen eine hohe medizinische sowie gesellschaftliche Verantwortung. Es ist korrekt, dass der Impfvorgang eine delegierbare Leistung ist, die auch von einer medizinischen Fachkraft durchgeführt werden kann, allerdings geschieht dies unter Aufsicht eines Mediziners, der sich hier verantwortlich zeichnet.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe wirbt um Personal für die Impfzentren.
Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe wirbt um Personal für die Impfzentren. © Martina Niehaus © Martina Niehaus

Dass die Impfaufklärung zum größten Teil standardisiert sei, räumt die KVWL ein. „Viele Bürger werden jedoch auch individuelle Fragen haben, sodass auf ärztliche Sachkenntnis bei der Impfaufklärung nicht verzichtet werden kann.“

Was die Steuerpflicht betrifft, erklärt die Pressesprecherin der KVWL: „Sowohl die Tätigkeit des medizinischen Fachpersonals als auch der Mediziner in den Corona-Impfzentren ist steuerpflichtig, sie unterliegen jedoch unterschiedlichen Vertragsgrundlagen.“ Und sie weist darauf hin, dass die Stundenvergütung für das Fachpersonal bereits „übertariflich“ sei.

Ärztesprecher verweist auf die KVWL

Doch Christine Göke ist nicht wütend, weil der ihr angebotene Stundenlohn zu gering wäre. Sondern weil der Lohn der Mediziner so viel höher ist. Was sagen die Ärzte dazu? Jörg Rimbach, Facharzt für Allgemeinmedizin und Sprecher der Ärzte in Schwerte, hält sich mit seiner persönlichen Meinung zu dem Thema zurück. Er verweist auf Anfrage unserer Redaktion direkt auf die Kassenärztliche Vereinigung. „Diese haben auch die Tarifverhandlungen geführt.“

Vielmehr führen sie sie noch: Dass die Verhandlungen mit den Ärzten um ein noch höheres Gehalt noch laufen, bestätigt die KVWL indirekt. Man könne „noch keine finalen Aussagen zur inhaltlichen Ausgestaltung“ der Verträge machen. „Die Verträge werden mit dem Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales NRW ausgehandelt“, so die Pressesprecherin.

„Wir sind nah dran und tragen auch das höhere Risiko“

Es gibt übrigens noch einen weiteren Punkt, der Christine Göke in Rage bringt. „Wir impfen, und die Ärzte beaufsichtigen. Wir sind also einen ganzen Tacken näher an den Menschen dran. Damit tragen wir auch ein höheres Risiko. Eine Aufklärung kann man mit Mindestabstand durchführen, eine Impfung nicht!“

Obwohl es in der zweiten Corona-Welle wieder an medizinischem Fachpersonal mangelt, habe sich in den Augen der beiden Hebammen nichts getan. „Wir werden wieder über den Leisten gezogen und bekommen keine Anerkennung“, sagt Christine Göke. Und Geld sei nun mal eine Form der Anerkennung.

Gesundheitsminister lobt „Welle der Solidarität“

Insgesamt hat das Gesundheitsministerium NRW 53 Impfzentren eingerichtet. Die Kosten für Einrichtung und Betrieb wurden zuletzt mit rund 65 Millionen Euro veranschlagt. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hatte Mitte Dezember verkündet, dass 11.000 Freiwillige bereitständen, die sich in einem zentralen Register eintragen können.

Dazu hatte er gesagt: „Die Welle der Solidarität ist ausgesprochen groß. Das ist ein gutes Zeichen und freut mich sehr.“ Auch die KVWL lobt die „riesengroße Bereitschaft“ der Freiwilligen. Man setze sich dafür ein, „für alle Helfer die bestmöglichen Rahmenbedingungen auszuhandeln.“

Offensichtlich hatten Ärzte bei der Aushandlung dieser Bedingungen mehr Erfolg als ihre Kollegen vom medizinischen Fachpersonal. Das Gesundheitsministerium hat auf Anfrage unserer Redaktion zur ungleichen Bezahlung von Ärzten und medizinischem Fachpersonal in Impfzentren bis Mittwochnachmittag (16.12.) noch nicht geantwortet.

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Redakteurin
Begegnungen mit interessanten Menschen und ganz nah dran sein an spannenden Geschichten: Das macht für mich Lokaljournalismus aus.
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Martina Niehaus
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