Im Lichtkegel von Handlampen führten Feuerwehrleute die Passagiere des gestrandeten Zuges durch das stockdunkle Gleisbett zum hinteren Bahnsteig des Schwerter Bahnhofs. © Harald Hirsch
Eurobahn-Panne

Dreieinhalb Stunden im kaputten Zug gefangen: Ein Helfer berichtet

Nur 200 Meter vor dem Bahnhof Schwerte ist eine Eurobahn liegen geblieben. Die Evakuierung der Passagiere begann spät. Ein freiwilliger Helfer schimpft über eine unkoordinierte Aktion.

Dreieinhalb Stunden waren sie im Zug gefangen. Dann endlich durften sie über Leitern in die Finsternis herausklettern, wo sie im Leuchtkegel kleiner Handlampen über Bahnschwellen und Schottersteine zum Bahnhof Schwerte stolperten. Was mag den Passagieren der Eurobahn 20082 durch den Kopf geschossen sein, als sich ihnen am Ende dieser Odyssee am Gleis 4 eine Hand entgegenreckte, um sie auf den Bahnsteig zu ziehen? Es war die Hand von Harald Hirsch, der eigentlich nur auf die Ankunft seines Sohnes gewartet hatte. Aber auch, als der längt evakuiert war, half der Ergster freiwillig weiter, bis alle 65 Fahrgäste sicheren Boden unter den Füßen hatten.

Auch Fahrgäste mit Koffern und Hunden

Viele junge Passagiere sprangen selbst die Kante herauf. Andere aber – so berichtet Harald Hirsch – schleppten sogar Koffer in der Hand. Auch ein offensichtlich Obdachloser mit seinen Hunden brauchte Unterstützung. Gruppenweise wurden die Geretteten von der Feuerwehr herangeführt. Im dritten Trupp war endlich auch der Sohn dabei, der die ganze Zeit Handy-Kontakt mit seinem Vater gehalten hatte. So erfuhr er, dass die Eurobahn der Linie R13 kurz vor Erreichen des Schwerter Bahnhofs liegen geblieben war. Der Sohn berichtete zunächst auch, dass man auf offener Strecke in einen Ersatzzug umsteigen solle. Doch dann kam alles ganz anders.

Der Ergster Harald Hirsch half freiwillig bei der Evakuierung der Zug-Passagiere am Schwerter Bahnhof.
Der Ergster Harald Hirsch half freiwillig bei der Evakuierung der Zug-Passagiere am Schwerter Bahnhof. © Harald Hirsch © Harald Hirsch

Um 14.53 Uhr – so berichtet die Bundespolizei Dortmund – war der Zug der Eurobahn, der auf dem Weg von Hamm nach Venlo war, kurz vor dem Schwerter Bahnhof steckengeblieben. Wie eine Sprecherin des Mutterkonzerns Keolis Deutschland mitteilt, sei eine Störung an einem Bauteil aufgetreten, das die Leittechnik mit Spannung versorgt. Ein Mobiles Team des Unternehmens, das „innerhalb kürzester Zeit“ vor Ort gewesen sei, habe feststellen müssen, dass eine Reparatur vor Ort nicht möglich war. Deshalb habe man „unverzüglich ein Schleppfahrzeug beauftragt“. Das funktioniere normalerweise mühelos, aber habe sich diesmal „aufgrund einer Fehlermeldung nicht einfach umsetzen“ lassen.

Passagiere riefen schließlich selbst die Bundespolizei an

Die Fahrgäste mussten zur Selbsthilfe greifen. Mit ihren Handys informierten sie selbst die Bundespolizei – die Rettungskette kam in Gang. Um 17.51 Uhr lief der Alarm bei der Feuerwehr auf. Der Bahnmanager bat um Unterstützung bei der Evakuierung der Passagiere. Wie Feuerwehrleiter Wilhelm Müller berichtet, eilten fünf Einsatzkräfte der Hauptamtlichen Wache zum Bahnhof, die Bahnsteigtreppen herauf und weiter zu dem Zug. Dort brachten sie ihre Steckleiter in Stellung, damit die Menschen zu den Gleisen herabklettern konnten. Anschließend seien sie über das Gleisfeld zum Bahnhof geleitet worden. Nach ersten Kenntnissen der Bahnpolizei wurde niemand verletzt.

„Um 18.20 Uhr konnten alle 65 Fahrgäste unter Aufsicht der Feuerwehr über das Gleisbett aus dem Zug geführt werden“, berichtet die Keolis-Sprecherin. Der Lokführer habe während der Odyssee an sie Wasser verteilt. „Es tut uns außerordentlich Leid, dass die Evakuierung sich derart verzögerte“, sagt sie und entschuldigt sich bei den Passagieren.

Harald Hirsch: Rettungsaktion hätte noch im Hellen ablaufen können

„Warum kam der Einsatz so spät und unkoordiniert?“, ärgert sich Harald Hirsch: „Man hätte die Rettungsaktion auch noch im Hellen machen können.“ Aber der erste Trupp der Evakuierten sei erst gegen 18.40 Uhr am Bahnsteig eingetroffen. Er hätte erwartet, das der Einsatz längst vorher „vernünftig organisiert“ abgelaufen wäre. Was den Ergster noch zusätzlich sorgte: Während die Feuerwehrleute zu der Eurobahn gingen, sei auf dem Nachbargleis 3 noch ein Regionalzug nach Hamm eingelaufen. Er habe an die Scheibe des Führerstands geklopft und das Personal auf die Gefahr aufmerksam machen müssen.

Um die 30 andere Züge erhielten Verspätungen

Die Eurobahn-Panne brachte auch den Fahrplan des übrigen Zugverkehrs in Schwerte durcheinander. Nach Auskunft der Deutschen Bahn erhielten um die 30 Züge eine durchschnittliche Verspätung zwischen 10 und 15 Minuten. Gegen 20 Uhr habe der Betrieb wieder normal weiterlaufen können, nachdem die Eurobahn in ein Betriebswerk gebracht worden sei.

Über den Autor
Redaktion Schwerte
Reinhard Schmitz, in Schwerte geboren, schrieb und fotografierte schon während des Studiums für die Ruhr Nachrichten. Seit 1991 ist er als Redakteur in seiner Heimatstadt im Einsatz und begeistert, dass es dort immer noch Neues zu entdecken gibt.
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