Vor wenigen Monaten hätten Nassim Boujellab (20) und Jonas Carls (22) nicht im Traum daran gedacht, bei Schalke 04 Profi zu werden.

Gelsenkirchen

, 13.10.2019, 17:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Doch dank guter Leistungen haben es die beiden jungen Spieler geschafft. Im Interview sprechen sie über Gefühle bei ihrer Bundesliga-Premiere, ihren großeren Förderer Huub Stevens und persönliche Ziele.



Im Frühjahr versuchten Sie beide, auf dem Spieler-Parkplatz an der Arena einen Fußball in einen offenen Kofferraum zu schießen. Gehören Sie noch zur Kategorie der Straßenfußballer?
Jonas Carls (guckt verblüfft): Das haben sie beobachtet? Es stimmt tatsächlich. Zu Ihrer Frage: Ja, ich habe als kleines Kind auf der Straße angefangen mit Fußball. Das war mein Leben – schon damals in ganz jungen Jahren.

Nassim Boujellab: Bei mir war es genauso. Der Ball gehörte immer dazu. Wo immer es möglich war, war Kicken angesagt.



Nassim, Sie wechselten 2014 zum FC Schalke 04. Wussten Sie im Vorfeld, dass Sie von Schalke beobachtet werden oder kam das überraschend für Sie?

Ich spielte in einem kleinen Verein in Iserlohn. Da denkt man zunächst nicht an Schalke. Aber unsere Mannschaft war dann sehr erfolgreich und qualifizierte sich fürs Westfalenpokal-Finale. Deshalb standen alle Spieler im Fokus. Hinzu kam, dass Oliver Ruhnert neben seiner Tätigkeit als Leiter der Knappenschmiede auch noch ein bisschen für Iserlohn arbeitete. Er hat mir gesagt, dass Schalke Interesse hat. Dann habe ich ein Probetraining unter Willi Landgraf gemacht, das wohl überzeugte. So kam ich zum FC Schalke 04.


Jonas, Sie haben Leverkusen im Jahr 2016 nach zehn Jahren verlassen. Warum?

Ich habe dort alle Jugendmannschaften durchlaufen. Danach stellte sich für mich die Frage: Schaffe ich sofort den Sprung zu den Profis oder gehe ich einen anderen Weg? Als Leverkusen seine U23 abmeldete, musste ich abwägen: Schaffe ich es von der U19 sofort zu den Profis oder wechsele ich den Verein. Ich habe mich für die zweite Alternative entschieden, bin nach Nürnberg gegangen, wo ich für die zweite Mannschaft in der Regionalliga gespielt habe und dann zum FC Schalke 04 gewechselt.

Wer hat das in die Wege geleitet?

Jonas: Hauptsächlich Manfred Dubski (heute Scout auf Schalke, d. Red.), mit dem ich schon engen Kontakt hatte, als ich noch für Leverkusen spielte. Schon damals zeigte Schalke erstmals Interesse, aber das hat sich dann zunächst zerschlagen.

Nassim, Sie haben dann später die Schule von A-Jugendtrainer Norbert Elgert durchlaufen. Was macht ihn so besonders?

Nassim: Norbert Elgert hat mir sehr viel beigebracht. Man lernt von ihm für sein gesamtes Leben. Nicht nur, was den Fußball angeht, sondern generell viele Dinge, die gar nichts mit dem Sport zu tun haben.

Huub Stevens hat Sie beide stark gefördert. Vermissen Sie Ihn ein bisschen?

Nassim: Wir mussten ihn auch erst mit Leistung überzeugen. Er hat uns ja nicht aus einer Laune heraus zu den Profis hochgezogen. Aber richtig ist auch: Huub Stevens hat uns Vertrauen geschenkt. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Jonas: Das sehe ich genauso. Den ersten Profivertrag bei so einem großen Verein zu unterschreiben, das ist etwas Besonderes. Jetzt ist ein neuer Trainer da, den wir auch mit guter Arbeit auf dem Platz überzeugen wollen.



Wo liegen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen David Wagner und Huub Stevens?

Nassim: Bei David Wagner wollen wir mehr Fußball spielen, in Ballbesitz bleiben. Dagegen hat Huub Stevens mehr Wert darauf gelegt, dass wir kompakt stehen. Dieser Unterschied hängt aber mit der sportlichen Situation zusammen. Unter Stevens war die Lage bedrohlich, da war es ganz wichtig, erst einmal Stabilität in die Mannschaft zu bekommen.

Jonas: Damals blieb Huub Stevens ja gar keine Zeit für große Umstrukturierungen.



Seid Ihr ein Stück weit ernüchtert, weil Ihr in der neuen Saison bisher nicht zum Einsatz kamt?

Nassim: Ich denke viel nach. Es hätte für mich auch ganz anders laufen können. Im Testspiel gegen Villarreal war ich gut drauf, so dass ich mir für das DFB-Pokalspiel in Drochtersen große Einsatzchancen erhofft habe. Dann kam leider die Jochbeinverletzung dazwischen, die mich vier Wochen zurückgeworfen hat. Das war bitter für mich und hat mich gefrustet. Aber jetzt schaue ich nach vorn und warte auf meine Chance.

Jonas: Bei mir war es etwas anders. Zwar hat mich auch eine Verletzung, ein Knochenmarksödem am linken Fuß, einige Wochen gekostet, doch ich habe ja erst einen Bundesligaeinsatz hinter mir. Da kannst du nicht erwarten, dass du in einer neuen Saison bei einem neuen Trainer sofort spielst.



Sprechen wir über Eure Bundesliga-Debüts. Wie war die Gefühlslage?

Nassim: Als ich von Huub Stevens hörte, dass ich gegen Hannover im Kader bin, war ich sehr glücklich. Mit einem Einsatz hatte ich noch nicht gerechnet. Dann wurde ich schon nach 20 Spielminuten zum Warmmachen geschickt, da wurde ich langsam nervös. Als ich dann reinkam, war es ein unbeschreibliches Gefühl. Was dann auf dem Spielfeld abgelaufen ist, daran kann ich mich kaum noch erinnern. Man steckt regelrecht in einem Tunnel.

Jonas: Es war unglaublich für mich, vor 60.000 Zuschauern gegen Hoffenheim aufzulaufen. Und dann noch sofort über 90 Minuten bei meiner Bundesligapremiere. Hinterher war ich brutal platt. Vor dem Spiel hatte ich Gänsehaut und habe kaum realisiert, wo ich eigentlich bin. Im Spiel ist man dann total konzentriert und bekommt nicht mit, was außerhalb passiert. Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch viele solcher Erlebnisse habe.



Wie hat sich Euer Leben verändert?

Nassim: Man wird öfter erkannt auf der Straße, wird um Autogramme geben. Ich freu mich darüber und mache das gerne.

Jonas: Grundsätzlich hat sich nicht viel verändert. Man lebt professionell und versucht, in jedem Training das Beste zu geben.

Was sind Eure persönlichen Ziele für diese Saison?

Jonas: Weitere Einsätze in der Bundesliga zu bekommen. Deshalb spielen wir beide auch gern in der zweiten Mannschaft. Das empfinden wir als Chance sich zu empfehlen und nicht als Zurückstufung. Wir stecken den Kopf nicht in den Sand, sondern geben weiter Gas.

Nassim: Letztes Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich jetzt da bin, wo ich bin. Das gibt mir Zuversicht.

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