Alessandro Schöpf gilt als sehr ehrgeizig. Im Interview spricht der 25-Jährige über Rückschläge, den Spaß am Fußball und seine Zukunftspläne.

Gelsenkirchen

, 29.01.2020, 17:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Fahren Sie mit einem mulmigen Gefühl nach Berlin?

Nein. Wir spielen bis jetzt eine sehr gute Saison. In München kann man verlieren, auch wenn die Art und Weise nicht gut war. Aber jetzt gilt es nach vorn zu schauen.

Meine Frage zielte eher auf das letzte Schalke-Spiel in Berlin ab, wo Sie vor fast genau einem Jahr vom Herthaner Spieler Karim Rekik schwer verletzt wurden.

Ach so. Diese Geschichte habe ich abgehakt. Ich bin ein Mensch, der sich nicht so viel mit der Vergangenheit beschäftigt.

Aber die Diagnose – Außenbandriss und Kapselverletzung – muss doch niederschmetternd für Sie gewesen sein. Hatten Sie Angst um Ihre Karriere?

Ich hatte mit drei Monaten Pause gerechnet. Dann kam Dr. Boenisch in Augsburg nach der Operation zu mir ins Krankenzimmer und meinte, die ganze Sache sei doch gravierender. Das Außenband sei nicht mehr vorhanden und müsse sozusagen neu aufgebaut werden. Da denkst du im ersten Moment schon, was bedeutet das jetzt für dich? Ich musste schlucken, denn diese Diagnose war für mich sehr schwer zu verdauen.

Wie ging es dann weiter?

Nach der Operation konnte ich erst einmal gar nichts machen. Der Fuß wurde hochgelegt und ständig gekühlt. Danach durfte ich leichte Bewegungen machen, aber immer nur unter Anleitung von Physiotherapeuten. Anschließend habe ich große Teile der Reha hier auf dem Vereinsgelände im Medicos absolviert.

Wann standen Sie das erste Mal wieder auf dem Platz?

Über drei Monate hat es gedauert. Doch beim Schusstraining habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Dr. Boenisch hat dann festgestellt, dass eine von zwei Schrauben, die mein Band fixiert haben, nicht richtig saß und eine Entzündung die Folge war. Sollte die Entzündung nicht zurückgehen, müsste ich noch einmal operiert werden.

O weh...

Das habe ich auch gedacht und habe dann zwei Wochen überhaupt nichts gemacht und meinem Körper absolute Ruhe gegönnt. Das war die richtige Entscheidung. Es wurde besser und nach vier Monaten durfte ich langsam wieder anfangen und hatte keine Beschwerden mehr.

Was haben Sie aus dieser Verletzung gelernt?

Dass ich mir länger Zeit lassen muss, um eine Verletzung bzw. Beschwerden auszukurieren. Das sagt sich als Hochleistungssportler allerdings so leicht, aber die Umsetzung ist schwierig, weil ich sehr gern meinen Sport betreibe. Ich muss cooler bleiben und darf nicht so ungeduldig sein wie in der Vergangenheit.

In diesem Zeitraum ist Ihre Laune wohl auch nicht besser geworden, weil Karim Rekik sich nur auf Instagram recht unpersönlich für sein Foul entschuldigt hat.

Wenn mir so etwas passiert wäre, hätte ich den betreffenden Spieler im Krankenhaus besucht. Aber ich will diese Geschichte nicht mehr aufwärmen. Ich bin kein nachtragender Mensch.

Trotzdem bleibt Ihr Ehrgeiz ungebrochen. Sie haben sich wieder herangekämpft.

Das war ein langer Prozess, in den ich viel Zeit investiert habe. Jetzt bin ich froh, dass ich wieder ohne Probleme Fußball spielen kann.

Und auch Tore erzielen. Ihr Treffer beim Pokalspiel in Bielefeld dürfte Sie besonders gefreut haben.

Auf jeden Fall. Ich habe das auch als Belohnung empfunden für die Anstrengungen, die ich unternommen habe, um wieder fit zu werden.

Ihre Fitness ist ein gutes Stichwort. Gegen Mönchengladbach sind Sie sagenhafte 13,7 Kilometer gelaufen. Trainieren Sie so hart oder haben Sie so viel Talent?

Beides. Ich hatte schon immer eine gute Ausdauer, der liebe Gott hat mir offenbar dafür gewisse Gene mitgegeben. Ich bin grundsätzlich jemand, der im Training mehr machen will.

Trainer David Wagner favorisiert eine laufintensive Spielweise. Das müsste Ihnen zugutekommen.

Das denke ich auch. Ich kann in der Raute fast alle Positionen spielen.

Wie hat Wagner auf das deftige 0:5 in München reagiert?

Der Trainer bleibt ruhig und sachlich, hat uns Videos von den Fehlern gezeigt und uns empfohlen, dieses Spiel so schnell wie möglich zu vergessen.

Haben die Spieler nach dieser Enttäuschung vermehrt den Rat von den Experten aus dem erweiterten Funktionsteam gesucht?

Nein. Die aktuelle Situation ist eine andere als in der vergangenen Saison, wo wir mit dem Rücken zur Wand im Abstiegskampf steckten. Jetzt haben wir ein Spiel schwach gespielt, deshalb sollte man diese Partie auch nicht zu hoch hängen.

Was kann Schalke in dieser Saison erreichen?

Möglich ist im Fußball immer alles. Wir sollten nicht jeden Tag auf die Tabelle schauen, sondern uns auf unseren Spielstil konzentrieren. Das Wichtigste ist für uns, dass sich die Mannschaft gut weiterentwickelt. Wenn das klappt, können wir nächste Saison europäisch spielen.

2021 läuft Ihr Vertrag aus. Bleiben Sie Schalke treu?

Ich habe dem Verein sehr viel zu verdanken. Hier bin ich Bundesligaspieler geworden, habe Champions- und Europa-League gespielt. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn der Verein weiter mit mir plant.

Letzte Frage: Wie sehr leiden Sie mit ihrem Landsmann Guido Burgstaller, der immer noch auf sein erstes Bundesligator in dieser Saison wartet?

Klar fiebere ich mit ihm mit. Es ist das Schlimmste für einen Stürmer, wenn er lange kein Tor erzielt hat. Ich wünsche ihm, dass er schnellstmöglich wieder trifft. Aber ich mache mir nicht so viele Sorgen um ihn, weil ich seine mentale Stärke kenne.