Wenn der Gegner Mitleid hat, ist die höchste Stufe der Alarmbereitschaft erreicht. Auch weil es für Schalkes Trainer im Prinzip nicht das erste Saisonspiel war, sondern Spiel 16 plus eins.

Gelsenkirchen

, 19.09.2020, 09:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer 0:8 verliert - egal in welcher Liga und gegen welchen Gegner - dem sind Hohn und Spott garantiert. Auch auf Schalkes Fußballer wird nach dem Fiasko in München so einiges niederprasseln, aber das haben sie sich auch redlich verdient, und aus der letzten Rückrunde sind sie das ja im Prinzip auch noch gewohnt. Am Freitagabend kam aber eine ganz neue Form der Reaktion dazu, die einer unbeabsichtigten Demütigung gleichkam: Mitleid!

Sein Ex-Klub, so Leroy Sané (jetzt bei den Bayern) nach dem Spiel, habe ihm schon ein wenig leidgetan. So weit ist es also schon gekommen. Mitleid. Spätestens bei dieser Form der unerwünschten Anteilnahme klingeln bei jedem Leistungssportler die Alarmglocken. Auch Schalke darf nach dem Debakel von München jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Auch wenn es natürlich die übermächtigen Bayern waren, auch wenn es der Saisonstart war, auch wenn schon andere Mannschaften dort hoch verloren haben, auch wenn zu frühe Panikmache selten ein guter Ratgeber ist.

So nicht konkurrenzfähig

Aber darum geht es ja gar nicht. Dass Schalke beim Triple-Sieger nicht hoch gewinnen würde, war jedem vorher klar. Eine achtbare Niederlage, ein ordentlicher Auftritt, dann einen dicken Haken hinter das wohl schwerste Spiel der Saison machen und sich mit etwas breiterer Brust auf die Partie gegen Bremen vorbereiten - das war das Ziel. Nach der miserablen Rückrunde wollte Schalke zumindest wieder Stabilität zeigen, eine Entwicklung. Irgendetwas, das Hoffnung macht und Vertrauen schafft. All das ist aber auch komplett in die Hose gegangen. Streng genommen fing die neue Saison so an wie die alte geendet hatte. Damals hatte David Wagner angemahnt: „Wir müssen wieder konkurrenzfähig werden.“

Am Freitag in der Allianz-Arena war Schalke weder „bereit“, wie es Wagner angekündigt hatte, noch konkurrenzfähig. Es war eigentlich alles beim Alten, nur noch viel schlimmer. Wagner würde so gern die letzte Rückrunde abschütteln, will gar nicht mehr drüber reden. Aber am Freitag wurde Schalke sofort wieder eingeholt und hat sich den schweren Rucksack gleich wieder aufgeladen. Es war in der Additon nicht das erstes Saisonspiel, sondern 16 plus eins. Seit 17 Bundesliga-Spielen ist Schalke saisonübergreifend sieglos. Dass die Serie nicht ausgerechnet in München enden würde, war zu erwarten. Aber auch gegen die Bayern muss eine Bundesliga-Mannschaft mehr Gegenwehr zeigen können. Nach einer Stunde hatte sich Schalke am Freitag selbst aufgegeben. Fatal für eine Profi-Truppe.

Trainer hat die Verantwortung

Verantwortlich, da kann es gar keine Diskussion geben, ist für solche Auftritte nun mal der Cheftrainer. Wer sonst? Wagner sprach nach dem Spiel gleich davon, dass er nach wie vor Vertrauen in die Mannschaft habe, er an eine gute Trainingswoche mit einem dann erfolgreichen Abschluss gegen Bremen glaube. Aber wer hat noch Vertrauen, dass Wagner die Kurve mit Schalke noch kriegt? Die Ausreden gehen ihm jetzt so langsam aus - es bedarf schon viel Fantasie daran zu glauben, dass dem Eurofighter von 1997 noch irgendetwas einfällt, um diese jetzt schon wieder völlig verunsicherte Mannschaft auf Vordermann zu bringen.

Dass Sportvorstand Jochen Schneider das ganze Geschehen noch mit ruhiger Hand in den Griff zu bekommen versucht, ist auf der einen Seite durchaus ehrenwert, aber das alleine ist auch noch kein Qualitäts-Merkmal für seine Arbeit. Er hat den Trainer geholt, ihm permanent den Rücken gestärkt und dabei auch interne Wagner-Kritiker zumindest öffentlich ruhig gestellt. Das Spiel gegen Bremen wird Wagner wohl noch bekommen. Ist dann kein Fortschritt in Form eines Sieges zu erkennen, darf sich Schneider nicht zu schade sein, seinen eigenen Grundsatz zu hinterfragen. Denn sonst gerät Schalke auch tabellarisch immer mehr in Schieflage.

Sieg gegen Bremen Pflicht

Schneider sieht sich als Kämpfer gegen die Branchen-Reflexe, bei Misserfolgen sofort den Trainer in Frage zu stellen. Aber das „sofort“ ist ja längst vorbei. Schalke war im freien Fall und scheint den mit Wagner derzeit nicht aufhalten zu können. Es ist auch Aufgabe eines Sportvorstands, auf solche für den ganzen Verein bedrohlichen Entwicklungen zu reagieren.

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