Schalke 04 und die Reise nach Jerusalem

Schalke 04

Auch Julia Goessler verfolgt die Entwicklung des FC Schalke 04 seit vielen Jahren mit Interesse. Sie arbeitet als Expertin für Mentaltraining und Aurachirurgie in Berlin.

Gelsenkirchen

, 26.11.2020, 17:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mentaltrainerin Julia Goessler verfolgt intensiv das Geschehen rund um Schalke.

Mentaltrainerin Julia Goessler verfolgt intensiv das Geschehen rund um Schalke. © Privat

Viele Sportler aus unterschiedlichen Disziplinen gehören zu ihren Klienten. Im Interview mit den Ruhrnachrichten macht sie Schalke 04 Mut. Der Klassenerhalt in der Bundesliga sei noch längst nicht außer Reichweite.

Welche Rolle spielt im Hochleistungssport die mentale Komponente?

Goessler: Eine immer größer werdende. Ganz genau lässt sich das nicht sagen. Einige Experten sprechen von 50 Prozent, andere sogar von 80 Prozent. Das hängt mit der großen Leistungsdichte zusammen. Der Kopf wird immer wichtiger, um sportlich erfolgreich zu sein.

Erfolg hat Schalke seit vielen Monaten nicht mehr. Was macht das mit Sportlern?

Unter diesem Gesichtspunkt schaue ich mir besonders genau die

Pressekonferenzen mit den Trainern an. Bei Herrn Baum ist zu sehen,

unter welchem enormen Druck er steht. Er leidet und weiß genau, dass er jedes Wort abwägen muss. Manchmal wird er sicher gedacht haben: O Gott, was haben wir da gemacht.

Das kann ich mir auch gut in der Halbzeitpause gegen Wolfsburg vorstellen...

Da hat Herr Baum in meinen Augen hervorragend reagiert. Denn nach dem 0:2-Rückstand musste man aus Schalker Sicht ja das Schlimmste

befürchten. Das hätte auch schnell mit einem 0:6 enden können. Hat es aber nicht. Dafür bekommt die Mannschaft mit dem Trainer meine Anerkennung. Baum hat umgestellt in der Abwehr und es lief besser. Auch wenn Schalke verloren hat, sollte der Verlauf des Spiels den Spielern ein bisschen Mut geben.

Aber innerhalb der Mannschaft scheint es ja auch nicht zu stimmen, wenn man an den Vorfall zwischen Naldo und Ibisevic denkt.

Vom Verstand denken wir jetzt: Das ist eine Geschichte, wo der Trainer unbedingt die Gründe ermitteln sollte, warum es dazu kam. Es gibt aber sehr viele andere Möglichkeiten, den Konflikt so aufzulösen, dass es eine Befreiung für die ganze Mannschaft ist. Wenn Manuel Baum das schafft, kann das ein Durchbruch für eine positive Entwicklung sein. Ich habe es schon oft erlebt, dass der Grund für ein Fehlverhalten ganz woanders liegt. Auf diesen Fall bezogen: Vielleicht hat der Ursprung des Zwists zwischen Naldo und Ibisevic gar nichts mit Fußball zu tun.

Schalke hat einen Kader mit 28 Spielern. Kann ein Trainer sich in der Kürze der Zeit wie Baum so schnell ein Bild von allen Spielern machen?

Er sollte es zumindest versuchen. Niemand darf sich ausgegrenzt fühlen.

Ist es für Schalke ein besonderer Nachteil, dass wegen Corona nicht vor Zuschauern gespielt werden kann?

Schwer zu sagen. Einerseits lieben die Fans ihren Klub und können die

Spieler anfeuern, was Kräfte freisetzen kann. Andererseits: Schalke hat

zuletzt leider so schwach gespielt, da könnte es auch viele Pfiffe geben.

Schalke hat ja selbst einen Psychologen beschäftigt. Macht er schlechte Arbeit, weil die Negativserie immer noch anhält?

Das wäre total unfair, Kritik zu üben. Das kann ich aus der Entfernung

überhaupt nicht beurteilen. Ich bin ganz sicher, dass der

Schalke-Psychologe sich im Rahmen seiner Möglichkeiten sehr viele Gedanken macht, damit jeder Spieler für die 90 Minuten mental gut gerüstet ist.

Worauf kommt es besonders an?

Man muss mentale Techniken anwenden, die zur Mannschaft bzw. den

Spielern passen. Was für den einen gut ist, bringt den anderen nicht voran. Es gibt aber Methoden, genau das herauszufinden, was auf den jeweiligen Spieler passt. Außerdem empfehle ich in solch schwierigen Situationen auch mal unkonventionelle Wege zu gehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Warum sollte nicht mal jeder Spieler die Möglichkeit bekommen, seine emotionalen Blockaden energetisch aus dem Energiefeld löschen zu lassen. Oder zur Auflockerung die Reise nach Jerusalem spielen. Sie rollen jetzt mit den Augen, aber glauben Sie mir, gerade solche ungewöhnlichen Dinge können Blockaden lösen. Weil sie nicht das wiederholen, was all die anderen bekannten Methoden machen. Ich habe das mal mit Managern aus der Wirtschaft gemacht. Zuerst haben Sie die Nase gerümpft und sich veräppelt gefühlt. Später konnten sie gar nicht mehr aufhören. Das hat unwahrscheinlich viel Energie freigesetzt, die sie hinterher für die Zielerreichung nutzen konnten.

Schafft Schalke den Klassenerhalt?

Davon bin ich überzeugt. Wenn der Knoten mit einem Sieg mal geplatzt

ist, werden die Spieler befreiter aufspielen. Das Potenzial, aus der

Abstiegsregion rauszukommen, hat die Mannschaft.

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