Schalke war seine erste Station im Profi-Geschäft, Frankfurt die längste: Heribert Bruchhagen kennt sich bei den Klubs, die nun in überraschender Konstellation aufeinander treffen, gut aus.

Gelsenkirchen

, 08.11.2018, 19:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Eintracht Frankfurt gegen Schalke 04, Tabellen-Fünfter gegen den Vierzehnten – so war das vor der Saison nicht zu erwarten. Auch nicht für Heribert Bruchhagen. Im Interview mit unserer Zeitung äußert sich der frühere langjährige Vorstandsvorsitzende der Eintracht zu dieser überraschenden Konstellation – und denkt natürlich auch an seine Zeit auf Schalke zurück.

Was hat Sie mehr verblüfft: Der Frankfurter Höhenflug oder der Schalker Fehlstart?

Der Frankfurter Höhenflug. So sehr ich mich über Schalker Erfolge auch freue: Aber mich hatte Schalke schon in der vergangenen Saison trotz des zweiten Tabellenplatzes nicht in dem Maße überzeugt, dass ich sagen würde, Schalke sei eine Spitzenmannschaft. Insofern musste man vielleicht damit rechnen, dass es mal nicht so gut läuft.


Währenddessen erobert die Eintracht die Liga im Sturm.

Ja, dafür muss ich ein großes Kompliment aussprechen. Damit war so vorher nicht zu rechnen. Fredi Bobic und Bruno Hübner haben mit ihren Transfers absolute Volltreffer gelandet.

Galt Trainer Adi Hütter vor der Saison auch für Sie als einer der ersten Rauswurf-Kandidaten?

Vor über zehn Jahren habe ich mal den Spieler Christoph Spycher nach Frankfurt geholt. Der hat mit Adi Hütter zusammengearbeitet und in den höchsten Tönen von ihm geschwärmt. Und wenn ich Hütter, ohne ihn persönlich zu kennen, bei Interviews sehe, kommt da immer eine gewisse Bescheidenheit rüber. Das gefällt mir sehr gut. Insofern bin ich über Hütters Erfolg nicht überrascht.

Pokalsieg, Europapokal-Teilnahme, aktuell Platz fünf: Zu Ihrer Zeit in Frankfurt war das Mittelfeld Maß aller Dinge. Der Preis für Ihren Kurs, der Ihnen bei der einst „launischen Diva“ den Ruf des Spar-Kommissars einbrachte?

Aufgabe und Ziel war es, Stabilität in die Eintracht hineinzubringen. Stabilität erreicht man durch Kontinuität. Das gilt auch und vor allem für den finanziellen Bereich. Verkürzt gesagt war mein und unser Prinzip, nicht mehr Geld auszugeben, als wir eingenommen haben. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber im Fußball bekommt man dafür nicht nur Beifall.


Zur Person

Heribert Bruchhagen

Heribert Bruchhagen vor Spiel in Frankfurt: „Schalke ist mit damals nicht zu vergleichen“

© dpa

Heribert Bruchhagen, geb. am 4. 9. 1948 in Düsseldorf, begann seine Spieler-Laufbahn bei der TSG Harsewinkel, war dann bei der DJK Gütersloh und dem FC Gütersloh aktiv, mit dem er den Aufstieg in die Zweite Liga schaffte. Trainer war er beim FC Gütersloh und SC Verl. S04-Präsident Günter Eichberg, der ihn gut kannte, holte den Gymnasiallehrer 1989 als Marketing-Chef nach Schalke. Als Manager war Bruchhagen danach beim HSV und Arminia Bielefeld tätig, 2003 begann die Ära, die er bis 2016 bei Eintracht Frankfurt prägte. Im Dezember 2016 kehrte Bruchhagen, der auch hohe Ämter bei der DFL bekleidete, bis März 2018 zum HSV zurück. „Das war“, so Bruchhagen, „definitiv meine letzte berufliche Station.“

Als Geschäftsführer der Marketing GmbH stiegen Sie 1989 auf Schalke ins Profi-Geschäft ein, bei der Eintracht waren Sie von 2003 bis 2016 Vorstandsvorsitzender der Fußball AG. Was hat Sie mehr geprägt?

Schalke war ganz wichtig, weil es meine erste Profi-Station war. Aber bei der Eintracht hatte ich 13 Jahre lang Direktionsrecht, das ist dann schon eine andere Nummer. Auf Schalke musste ich neben dominanten Personen wie Günter Eichberg oder Schatzmeister Rüdiger Höffken ja eher bescheiden, fast im Hintergrund wirken. Und Charly Neumann hat ja auch noch Politik gemacht...

Immerhin haben Sie aber, getarnt als „Herr Hansen vom Norddeutschen Fußball-Verband“, den Kontakt zum von vielen anderen Vereinen umworbenen Star-Einkauf Bent Christensen hergestellt...

Viel wichtiger für den Verein war das Zurückholen der Vermarktungsrechte, die der Vorgänger-Vorstand an diverse Personen verkauft hatte. Die größte Nummer war aber der Deal mit Müllermilch, der für Schalke eine immense Bedeutung hatte – und hinter dem Rücken des Präsidenten abgewickelt werden musste..

Warum das?

Eins vorweg: Ich habe Günter Eichberg viel zu verdanken. Er hat mich nach Schalke geholt, ohne ihn wäre ich wohl Gymnasiallehrer und Drittliga-Trainer geblieben. Aber Sie wissen ja selbst: Er neigte halt dazu, so etwas vorzeitig auszuplaudern. Und das ist bei Geschäften dieser Größenordnung selten förderlich.

Sie wurden später auf Schalke zum Manager „befördert“. Warum 1992 der plötzliche Wechsel zum HSV?

Als Geschäftsführer der Marketing GmbH hatte ich damals schon Einblicke bekommen in Dinge, die im Argen lagen und die später ja auch publik wurden. Ich habe mehrmals intern darauf aufmerksam gemacht, aber es gab keine Reaktion. Mir wurde immer mulmiger zumute. Dann kam das Angebot vom HSV. Am 30. Juni 1992 hatte ich meinen letzten Arbeitstag auf Schalke, von da aus bin ich direkt nach Hamburg gefahren. Arbeitsbeginn: 1. Juli.

Ist Schalke für Sie nur noch Erinnerung?

Nein, ich habe nach wie vor große Sympathien für diesen Verein, sehe viele Schalker Spiele und bin auch noch ganz gut vernetzt. Mit Clemens Tönnies gehe ich regelmäßig in die Sauna, und Olaf Thon hat mich sogar zur Weihnachtsfeier der Traditionsmannschaft eingeladen.

Vorsicht: Er könnte versuchen, Sie als Spieler für sein Team zu rekrutieren...

Keine Sorge. Mit meinen 70 Jahren habe ich ein sehr gutes Argument, dieses Angebot – sollte es denn kommen – auszuschlagen.

„Ich habe nach wie vor große Sympathien für diesen Verein.“
Heribert Bruchhagen

Hätten Sie auf Schalke nach dem Fünf-Niederlagen-Fehlstart mehr Unruhe erwartet?

Nein. Weil ich die auf Schalke handelnden Personen gut kenne. Auch Christian Heidel kenne ich ja schon seit über 20 Jahren. Das ist jetzt alles mit dem Schalke von damals nicht mehr zu vergleichen. Bei dieser Stabilität war mir klar, dass es keine Diskussionen über Trainer Domenico Tedesco geben würde.

Steht Frankfurt im Rückspiel immer noch vor Schalke?

Dazu fehlen mir hellseherische Fähigkeiten. Schön wäre es, wenn beide Mannschaften am Ende zwischen Platz vier und sechs landen würden. Das ist meiner Meinung nach auch für Schalke noch zu schaffen, trotz des Fehlstarts.

Sie sind am Sonntag im Stadion: Hüpft Ihr Herz bei einem Frankfurter oder Schalker Tor höher vor Freude?

Eine gemeine Frage. Aber ich will ehrlich antworten: 13 Jahre in Frankfurt in verantwortlicher Position haben schon größere Spuren bei mir hinterlassen. Insofern tendiere ich zur Eintracht.

Schließlich haben Sie Frankfurt auch Ihren Sprung in die Film-Branche zu verdanken. Wie war das 20006 mit „Ein Fall für Zwei“?

Die haben im Frankfurter Stadion gedreht, und Claus-Theo Gärtner, der den „Matula“ spielte, kam in den Drehpausen hin und wieder auf einen Kaffee vorbei. Und plötzlich entstand die Idee, dass Trainer Friedhelm Funkel und ich auch eine Rolle bekommen sollten. Es war aber nur eine ganz kleine...

Dann sind Sie ja Experte: Welche Branche ist denn verrückter – Fußball oder Film?

Für eine Beurteilung der Film-Branche war mein Ausflug dahin zu kurz. Aber der Fußball ist schon verrückt genug. Für mich kaum vorstellbar, dass es da noch eine Steigerung gibt.

Gute Überleitung zum Abschlussthema: Super League – wie lange begnügen sich die Bayern noch mit der Bundesliga?

Wissen Sie: In diesen ganzen Online-Portalen und Leaks dieser Welt wird so viel Staub aufgewirbelt und am Ende kommt ganz viel heiße Luft dabei heraus. Todsicher: Weder die Bayern noch Borussia Dortmund werden die Bundesliga verlassen. Dazu sind beide viel zu schlau.

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