Schalke und Gazprom: Zu Anfang der Partnerschaft regte sich Widerstand. Aufregung deswegen gibt es kaum noch welche, im Gegenteil: Viele sehen das Verhältnis mittlerweile positiv.

Gelsenkirchen

, 17.11.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Sonntag (Anstoß 13 Uhr) absolviert der FC Schalke 04 ein Freundschaftsspiel. Gegner ist der russische Klub Zenit St. Petersburg, eingeladen zu dem Spiel bei seinem „Haus-Verein“ hat Schalkes Hauptsponsor Gazprom. S04-Fans können die zweitägige Reise mitmachen und sogar Plätze im Mannschaftsflieger buchen. Ein königsblauer Wochenend-Ausflug. Samstag hin, Sonntag Abend zurück. Am Montag ist dann trainingsfrei.

Eine weitere Zusammenarbeit zwischen Schalke und Gazprom ist nicht ausgeschlossen

Große öffentliche Beachtung findet der Schalker Familien-Trip nach Russland nicht. Gazprom und Schalke - das ist in der Fußball-Bundesliga mittlerweile ein Stück Normalität. Kein Wunder: Seit Anfang 2007 ist der russische Staatskonzern Schalkes Hauptsponsor, der Vertrag wurde bereits zwei Mal verlängert und es ist gut möglich, dass das Engagement von Gazprom auch über das nun angedachte Vertragsende bis 2022 hinausgeht. Ca. 18 Millionen Euro als „Basis-Summe“ soll Gazprom pro Saison zahlen. Insgesamt hat der russische Energie-Konzern seit Vertragsbeginn 2007 schon geschätzte weit über 150 Millionen Euro auf die Schalker Konten gepumpt, um seinen Bekanntheitsgrad in Deutschland und Europa weiter zu steigern.

Schalke und Gazprom - ein Beispiel dafür, wie sich auch politisch motivierte Aufgeregtheiten im Fußball schnell wieder legen. Denn als im Herbst 2006 bekannt wurde, dass Gazprom auf Schalke einsteigen würde, war der nationale Aufschrei groß. Sowohl bei vielen Schalker Fans als auch bei Berufs-Skeptikern wie dem Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, der vor einem „subtilen Kampf um unser Unterbewusstsein“ warnte. So kompliziert drückten es die erbosten Schalke-Anhänger nicht aus, sie befürchteten vielmehr eine „feindliche Übernahme“ ihres Vereins durch den russischen Konzern.

Die Politik bleibt außen vor

Zwar gibt es noch immer einige Hartgesottene, die sich aus Prinzip kein Schalke-Trikot mit dem Aufdruck des Sponsors kaufen, die Schalker Merchandising-Umsätze steigen trotzdem Jahr für Jahr. Die Masse macht’s. Wenn heute in Fan-Foren über die Schalker Arbeitskleidung diskutiert wird, geht es hauptsächlich um die Farben, die Gestaltung und natürlich den Preis. Die ja durchaus umstrittene und auch heftig kritisierte Politik Russlands bleibt da meistens außen vor.

Gazprom als Hauptsponsor ist auf Schalke längst kein Aufregerthema mehr

Gazprom verfügt über einen Sitz im Schalker Aufsichtsrat. Dort ist aber dennoch Clemens Tönnies der starke Mann. © dpa

Viele Schalker Fans sind im Gegenteil mittlerweile sogar ganz froh darüber, dass die Königsblauen einen „stabilen“ und verlässlichen Partner haben, der sich eben nicht wie befürchtet einmischt, sondern tatsächlich „nur“ als Sponsor betätigt. Zwar hat Gazprom, wie vorher andere Schalker Hauptsponsoren auch, einen ständigen Sitz im S04-Aufsichtsrat, aber von größeren Einflussnahmen wurde bislang nichts bekannt. Starker Mann im Schalker Kontroll-Gremium ist Clemens Tönnies - der Aufsichtsrats-Chef, im Hauptberuf Fleisch-Fabrikant, hat geschäftlich intensive Kontakte nach Russland und ist auch mit Staatspräsident Wladimir Putin gut bekannt. Für Tönnies sind Geschäftsbeziehungen mit Russland eine ganz normale Angelegenheit, warum sollten sie es dann nicht auch für Schalke sein?

Fan intervenierte mit Erfolg

Wenn es mal Widerstände aus Fan-Kreisen gibt, wie 2014 anlässlich eines geplanten Schalker Mannschaftsbesuchs bei Putin, verweisen die Königsblauen rasch auf ihren tatsächlichen Berufsstand als Sportler. „Wir sind doch hier nicht beim Polit-Barometer“, zischte der damalige Manager Horst Heldt, als ein Fan vehement gegen den Besuch intervenierte. Immerhin mit Erfolg: Die Visite fand dann doch nicht statt.

Gazprom als Hauptsponsor ist auf Schalke längst kein Aufregerthema mehr

Das Trainingslager in Mittersill hat sich für Schalke etabliert. © dpa

Auch beim Schalker Fan-Club-Dachverband löst der Hauptsponsor Gazprom längst kein Stirnrunzeln mehr aus. Vorstandsmitglied Uwe Schabio: „Das ist eine Entscheidung des Vereins. Uns ist wichtig, dass der Hauptsponsor keinen Einfluss auf die Vereinspolitik nimmt und die Kommerzialisierung in einem vertretbaren Rahmen bleibt, wie zum Beispiel bei der Wahl der Trainingslagerorte. Wenn das Sommertrainingslager in Mittersill in Österreich stattfindet, ist das für viele Fans eine runde Sache.“

Es gibt andere Dinge zu diskutieren

Die Relationen haben sich verschoben, auch in der Fan-Szene: Schreckte viele Gazprom 2006/07 noch ab, ist nun die Hauptsache, dass der Traditionsverein Schalke sich nicht mit Haut und Haaren an einen Investoren verkauft - ein Hauptsponsor wie Gazprom gilt da fast schon als „Trumpf“, das nicht zu tun. Pyro-Technik, Spieltags-Zersplitterung, Gehälter und Ablösesummen aus dem Reiche Absurdistan - es gibt auch beim „Kumpel- und Malocher-Klub“ über ganz andere Dinge zu diskutieren als über einen Sponsor aus Russland.

Und so wird am Sonntag nach dem Freundschaftsspiel wohl mehr über das Ergebnis gesprochen werden als über die politische Note dieser Reise. Die fällt unter die Rubrik „Normalität“. Genauso wie die Partnerschaft zwischen Gazprom und Schalke.

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