Dieter Hecking oder Marco Rose? Schalke verpflichtete David Wagner als neuen Trainer. Nach 100 Tagen im Amt hat das noch niemand bereut. Wir ziehen eine erste Bilanz.

Gelsenkirchen

, 07.10.2019, 18:03 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Weg zum Arbeitsplatz ist kurz. Fünf bis zehn Minuten braucht David Wagner (47) von seinem Wohnnort in Gelsenkirchen-Bismarck bis zur Veltins-Arena.

Schalkes Trainer fährt durch Straßen, in denen das Vereins-Motto nicht extra auf große Werbebanden geschrieben werden muss. Hier wird Schalke auch so gelebt – früher, aktuell und wahrscheinlich auch in Zukunft. Wagner lebt mittendrin, wo das königsblaue Herz schlägt. Nicht in Düsseldorf, wohin Felix Magath abgetaucht war, nicht im Essener Süden, wo Ex-Manager Christian Heidel irrlichternd damit kokettierte, dort sei er den Schalker Fans besonders nahe.

Diese Kandidaten standen auch noch zur Debatte

Marco Rose oder Dieter Hecking? Als Schalke einen Trainer suchte, standen auch andere prominente Kandidaten zur Debatte. Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider entschied sich für David Wagner. Eine mutige Entscheidung, weil nach der extrem unruhigen Saison die Sehnsucht nach einem Trainer-Routinier wie Hecking größer zu sein schien als eine doch eher experimentelle Lösung wie Wagner.

Bilanz nach 100 Tagen: David Wagner ist der Wach-Macher auf Schalke

An der Seitenlinie: Stolz auf die „Laktat-Junkies“. © dpa

Am Dienstag dieser Woche ist David Wagner genau 100 Tage im Amt. Bereut hat die Entscheidung, auf den früheren „Eurofighter“ gesetzt zu haben, noch niemand. Wagner nicht, die Fans nicht, Schneider nicht. Wagner tut Schalke gut.

Wagner ist am 30. Juni 2019 noch gar nicht offiziell im Amt, da hört er gespannt der Rede von Alexander Jobst zu. Schalkes Vorstandsmitglied und Marketing-Chef steht am Mikrofon bei der Jahreshauptversammlung und malt ein düsteres Bild. Gleichgültigkeit habe er festgestellt, auf Schalke habe sich Lethargie breitgemacht.

Applaus selbst nach einem Remis gegen Köln

Als David Wagner verpflichtet wurde, hätten viele Fans nur mit den Schultern gezuckt und geunkt: „Na und? Wird doch eh nichts...“ Jobst redet nicht um den heißen Brei herum. Seine Sorge, das muntere Schalke könne zu einer müden, grauen Maus schrumpfen, ist offensichtlich.



Gut drei Monate später kassiert Schalke in der Nachspielzeit im Spiel gegen den 1. FC Köln den 1:1-Ausgleich in der Nachspielzeit. Eiskalt erwischt, Ernüchterung macht sich breit. Aber das ist nur eine Moment-Aufnahme. Die Stimmung ist schnell wieder ausgelassen, Mannschaft und Trainer werden mit viel Applaus verabschiedet. Dass an diesem Abend die Tabellenführung durch das späte 1:1 verpasst wurde? Schwamm drüber. Manch einer wirkt sogar erleichtert. Das „drohende“ Titel-Gerede würde Schalke aktuell wahrscheinlich nur schaden.

Bilanz nach 100 Tagen: David Wagner ist der Wach-Macher auf Schalke

Beim Training: Die Dinge nicht verkomplizieren. © dpa

Nach dem Jobstschen Abgesang, der sicherlich auch provozieren sollte, hat Schalke die Kurve vorerst wieder gekriegt. Von Gleichgültigkeit keine Spur mehr. David Wagner hat eine Mission schon erfüllt: Er hat den Verein „wachgeküsst“.

Schalkes „Wach-Macher“ setzt erste Zeichen

Und ist auf dem besten Weg, sich selbst in der Bundesliga als Trainer „freizuschwimmen“. Dass er mit dem „Underdog“ Huddersfield Town in die Premier League aufstieg und den Klub dort sogar eine Saison lang hielt, wurde in Deutschland zwar zur Kenntnis genommen. Aber ob es einer auch in der Bundesliga packen kann, muss er erst beweisen. „Ein Kumpel von Klopp“, hieß es. Viel mehr war über den Trainer Wagner nicht bekannt.

Nun hat Schalkes „Wach-Macher“ erste starke Zeichen gesetzt. Eine völlig verunsicherte Mannschaft, die sich zum Großteil gegenüber dem Vorjahr personell nicht verändert hat, hat er zu neuer Stabilität verholfen und ihr den zuletzt vermissten Siegeswillen wieder eingeimpft.

Bilanz nach 100 Tagen: David Wagner ist der Wach-Macher auf Schalke

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider: „David Wagner hat wieder eine Einheit geformt.“ © Matthias Heselmann

Einer Mannschaft, deren Charakter nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch intern keinen guten Ruf genoss, hat Wagner mit seinem Trainer-Team wieder Beine gemacht. Nach dem 3:1-Sieg in Leipzig sprach der Chefcoach stolz von „Laktat-Junkies“.

„Wenn es auf Schalke mal brennt, will ich schnell da sein...“

Wagner gilt als „Menschenfänger“. Er spricht die Sprache der Spieler, versucht die Dinge nicht unnötig zu verkomplizieren, obwohl er in den Trainingsmethoden die wissenschaftlichen Methoden zu nutzen weiß. Ein „Problemfall“ wie Amine Harit feiert unter Wagner seine sportliche Wiederauferstehung.

So wirft sich Wagner vor seine Spieler

Seiner Mannschaft gibt er das Gefühl, ihr zu vertrauen. Als Wagner nach dem 0:3 gegen die Bayern gefragt wurde, ob die Feierlichkeiten mit den Fans nach einer solchen Niederlage nicht möglicherweise zu gefährlicher Selbstzufriedenheit führen könnten, warf er sich in bester Huub-Stevens-Manier schützend vor seine Spieler: „Aber nur, wenn man doof ist.“

Wagner kommt gut an, auch bei den Fans. Er wirkt bodenständig, nicht nur des Wohnortes wegen. Mittendrin. Dabei hat er sich auch aus einem anderen Grund für Bismarck entschieden: „Wenn es auf Schalke mal brennt, will ich schnell da sein...“

Bilanz nach 100 Tagen: Noch brennt nichts. Auch wenn David Wagner das zuletzt auf Sparflamme fackelnde Schalke-Feuer wieder ganz neu entfacht hat.

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