Timo Becker vergoss bittere Tränen. © dpa
Schalke 04

Schalke 04 nach dem Abstieg: Erst Tränen, dann Jagdszenen

Schalke 04 steigt ab – die Chance, das Desaster in Würde zu ertragen, wird verpasst. Hässliche Szenen an der Arena. Der Verein ist total verunsichert.

Bei dem Versuch, die Trauer in Worte zu fassen, landete irgendjemand, der seinen Schmerz nach dem feststehenden Schalker Abstieg in die Welt twittern wollte, bei der Todesanzeige des nach langer Krankheit verstorbenen Rudi Assauer. Der Schalker Manager-Legende wurde im Februar 2019 mit folgendem Satz gedacht: „Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel wird.“

Nun mögen solche Vergleiche immer hinken, aber irgendwie passte das auch zu dem, mit dem sich Assauers sportliche Erben am späten Dienstagabend konfrontiert sahen: Nach der 0:1-Niederlage in Bielefeld war die schon lange untergehende Sonne nicht mehr zu sehen, die Finsternis der Zweitklassigkeit hatte sich über Schalke gelegt.

Becker weint auf der Bank

„Tut doch mehr weh als erwartet. Scheiße!“, war die erste spontane Stellungnahme des Vereins. Und tatsächlich provozierte das Eintreten dessen, was ja am Ende ohnehin kaum noch abzuwenden war, eine emotionale Mischung aus großer Trauer und Mitleid. Timo Becker saß regungslos auf der Ersatzbank der SchücoArena und vergoss bittere Tränen, denen Team-Manager Gerald Asamoah im Sky-Interview mit dem ebenfalls betroffen wirkenden Uli Potofski nahe war. Fast die gesamte Bundesliga kondolierte, auch befreundete Vereine wie der 1. FC Nürnberg und der FC Sevilla wünschten Schalke alles Gute. In den sozialen Netzwerken trösteten sich Fans gegenseitig. Motto: Wir stehen wieder auf!

Es roch in diesen Momenten, als Schalkes vorläufiges Erstliga-Ende nach 30 Jahren ohne Unterbrechung besiegelt war, irgendwie nach einem würdigen Abstieg.

„Es sind Grenzen überschritten“

Bis Schalkes Mannschaftsbus in der Nacht in Gelsenkirchen eintraf.

Was sich dann auf dem und rund um das Gelände der Veltins-Arena abspielte, hatte mit Würde wenig bis gar nichts mehr zu tun und ist mit der Vokabel „Jagdszenen“ wahrscheinlich am besten beschrieben.Eier, Böller, TritteDie Mannschaft wurde von ca. 400 bis 600 „Fans“ empfangen, über die genauen Abläufe danach gibt es zum Teil unterschiedliche Angaben. Aber sogar der FC Schalke 04 selbst, obwohl bemüht, nicht noch zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen, verurteilt die Vorfälle in einer offiziellen Stellungnahme: „Es sind Grenzen überschritten worden.“

In einem Video-Interview, das per E-Mail an alle rund 160.000 Vereinsmitglieder versendet wurde, sagte Sportvorstand Peter Knäbel, es sei „desaströs, wenn man sich um Leib und Leben unserer Mitarbeiter fürchten muss. Was Staff und Spieler da erleben mussten, hat mit dem Leitbild von Schalke 04 überhaupt nichts zu tun. Man hat immer das Gefühl, es geht nicht noch schlimmer – und dann kommt noch was“.

Spieler mit Eiern geworfen

Unstrittig ist, dass die Spieler mit Eiern beworfen wurden und als Drohkulisse „Böller“ gezündet wurden. Dass Spieler körperlich attackiert worden sein sollen, wollte Schalke zwar nicht bestätigen. Auf in den sozialen Netzwerken kursierenden Videos ist allerdings zu sehen, wie sich eine Personengruppe im Sprinttempo in Sicherheit bringt – dabei kann es sich nur um Spieler handeln. Auf Audio-Mitschnitten wird außerdem von tätlichen Angriffen auf Klaas-Jan Huntelaar, Mike Büskens („Hat einen Arschtritt gekriegt“), Trainer Dimitrios Grammozis und Suat Serdar berichtet. Außerdem wurde mindestens ein Spieler-Auto demoliert. Knäbel versprach eine Aufarbeitung der Ereignisse.

Die Polizei war in Erwartung eines derartigen hässlichen Szenarios schon vor der Ankunft der Mannschaft mit einer Hundertschaft präsent, daher sollen sich die Jagdszenen nach relativ kurzer Zeit auch wieder aufgelöst haben. Nun wird ermittelt.

„Angst, pur Angst“

Also doch – jetzt tut der Abstieg tatsächlich richtig weh. Schien es lange so, als habe sich das Schalker Umfeld mit dem bitteren Gang in die Zweitklassigkeit längst abgefunden, gab es nun die volle Breitseite an Reaktionen deutlich jenseits der „roten Linie“.

Als „erschreckend“ verurteilte nicht nur Schalkes unweit der Veltins-Arena wohnender Ex-Trainer Peter Neururer die Vorfälle, die offenbar auch bei den Profis deutliche Spuren hinterlassen haben.

Auch Vorwürfe an Schalke

Bei „Sport1“ soll sich (anonym) ein Schalker Fußballer u. a. wie folgt geäußert haben: „Das war Angst, pure Angst. Ich bin nur noch gerannt. Einige von uns haben Tritte und Schläge abgekommen. Ich bin schockiert und weiß nicht, wie wir die nächsten Spiele noch bestreiten sollen.“

Der so zitierte Profi richtet auch Vorwürfe an Schalke selbst: „Ich verstehe auch nicht, wieso man uns überhaupt den Fans ausgeliefert hat. Es hieß vom Verein, dass es nur einen kurzen Austausch geben wird. Die Polizei hat währenddessen unten gewartet.“

Verunsicherung und Panik

Wie passend: Genau 04 Minuten soll der Spuk gedauert haben, die Wirkung dieser Attacken wird nachhaltig sein. Der ganze Verein befindet sich in einer gespenstischen Gemengelage zwischen Verunsicherung und Panik. Schalke bräuchte jetzt mehr denn je eine starke Führung, die neben der Wiederherstellung einer gesunden Vereinsatmosphäre auch den sportlichen Wiederaufbau schafft. Ob die Riege um Aufsichtsratschef Dr. Jens Buchta, Sportvorstand Peter Knäbel („Dieser Abstieg geht ans Herz“) und auch Trainer Grammozis („Wir müssen die Saison jetzt vernünftig zu Ende bringen“) dazu in der Lage ist, darf zumindest bezweifelt werden.

Dass Schalke sportlich runderneuert werden muss, daran besteht auch für Weltmeister Olaf Thon kein Zweifel: „Wir brauchen einen radikalen Schnitt. Aus diesem Team müssen ganz viele weg, sonst kommen wir aus diesem Strudel nicht mehr heraus. Diese Truppe ist blutleer, da ist nichts mehr rauszuholen. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Ich glaube aber an die Kraft des Tankers Schalke 04.“

Der schippert nun aber erst einmal in einem Gewässer, über dem die Sonne jetzt untergegangen ist und die Dunkelheit für blankes Entsetzen sorgt.

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