Die Fortschritte bei den Impfungen könnten darüber entscheiden, ob es weitere Lockerungen gibt oder nicht. Die Zahl der Neuinfektionen würden dann nicht mehr eine so entscheidende Rolle wie bisher spielen. © picture alliance/dpa/BERNAMA
Wochenbilanz

Corona-Daten lassen Spielraum für starke Lockerungen – oder auch nicht

In der Corona-Wochenbilanz gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Frage, welche von beiden Politiker für wichtiger halten, entscheidet, ob es Lockerungen gibt oder nicht.

Beginnen wir mit den wenig erfreulichen Zahlen der Corona-Neuinfektionen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) registrierte zwischen dem 22. Februar und dem 1. März in Deutschland 56.140 neue Fälle einer Corona-Infektion. Das sind 4199 Fälle mehr als in der Woche zuvor. In der Woche vom 15. bis 22. Februar betrug der Anstieg noch 1499 Fälle. Das heißt: Die Zunahme hat sich im Wochenvergleich also stark beschleunigt.

Gegen Ende der Woche hat sich der Anstieg zwar leicht abgeschwächt, aber trotzdem stimmt er bedenklich, auch wenn wir zum Glück nach wie vor weit entfernt sind vom bisherigen Höchststand. Den gab es in der bisher schlimmsten Woche zwischen dem 14. und 21. Dezember, als 173.574 neue Fälle einer Infektion mit dem Coronavirus registriert wurden. In der zurückliegenden Woche gab es weniger als ein Drittel.

Todesfälle gehen weiter zurück

Und nun zur guten Nachricht: Die Zahl der Menschen, die an oder mit einer Corona-Infektion sterben, geht weiter zurück. Zwischen 22. Februar und 1. März wurden dem RKI 2.827 Corona-Tote gemeldet. Das sind 625 Todesopfer weniger als in der Woche zuvor. Zudem war der Rückgang in der Vorwoche um 51 Fälle niedriger ausgefallen. Die rückläufige Tendenz verstärkt sich also leicht.

In der Woche zwischen dem 7. und 14. September wurden in Deutschland 25 Corona-Tote registriert. Seither kletterte die Zahl der Corona-Toten pro Woche nach oben, seit Anfang November in einer extrem steilen Kurve. Eine Ausnahme gab es lediglich in der Weihnachtswoche zwischen dem 21. und 28. Dezember, was aber mit Sicherheit auf Meldeverzögerungen an den Feiertagen zurückzuführen ist. Die höchste Zahl an Corona-Toten wurde in der Woche zwischen dem 4. und 11. Januar mit 6112 gemeldet.

Ein Vergleich mit dem vergangenen Frühling, als die erste Infektionswelle über unser Land schwappte, macht deutlich, wie ernst die Lage nach wie vor ist. Damals gab es innerhalb von sieben Tagen die meisten Neuinfektionen, zwischen dem 30. März und 6. April, nämlich 38.093. Diesen Wert haben wir auch in der letzten Februarwoche noch um mehr als 18.000 Fälle überschritten. Bei den Corona-Toten gab es die meisten Opfer zwischen dem 13. und 20 April: genau 1.605. In der vergangenen Woche waren es noch immer 597 mehr.

Auch bei der 7-Tages-Inzidenz (65,8) haben sich die Zahlen in den vergangenen sieben Tagen leider nicht verbessert. Der Wert gibt an, wie viele Menschen sich innerhalb der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner mit dem Coronavirus infiziert haben.

Als in der letzten Oktoberwoche der Lockdown light für November beschlossen wurde und unter anderem alle Kneipen und Restaurants schließen mussten, lag die Inzidenz bei etwas mehr als 80, doch der erhoffte Effekt blieb aus. Als Ende November der Lockdown light verlängert wurde, lag die Inzidenz bei rund 143. Auch diese Verlängerung konnte keine grundlegende Kehrtwende einleiten. Im Gegenteil.

Als der harte Lockdown daraufhin Mitte Dezember verkündet wurde, war die Inzidenz auf rund 176 gestiegen. Am 22. Dezember wurde mit 197,6 der bisher höchste Wert gemessen, dann ging er – mit einem zwischenzeitlich erneuten Anstieg – auf 58,9 am 15. Februar zurück. Jetzt ist er bis zum 1. März wieder auf 65,8 gestiegen.

Große regionale Unterschiede

Nach wie vor gibt es regional große Unterschiede. Ziel des harten Lockdowns ist es, die Inzidenz unter die Schwelle von 35 zu bringen. Das war zuletzt vor viereinhalb Monaten am 15. Oktober mit 34,1 der Fall. In Nordrhein-Westfalen liegt die Inzidenz aktuell bei 64,4, in Thüringen aber beispielsweise noch immer bei 126,5

Insgesamt 3,9 Millionen wurden bis zum 26. Februar in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Gut zwei Millionen von ihnen erhielten bereits eine zweite Impfung. Derzeit werden nach Angaben des RKI täglich 143.499 Menschen gegen Corona geimpft. Im Schnitt erhält also alle 0,6 Sekunden ein Mensch eine Anti-Corona-Spritze.

Die Folgen für die politische Diskussion um Lockerungen

Da in Deutschland zunächst die Menschen geimpft werden, die im Falle einer Infektion in aller Regel am schwersten erkranken und die höchste Sterblichkeitsrate aufweisen, sinkt mit jedem Impftag die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Intensivstationen überlastet werden und die Todesraten wieder steigen.

Das bedeutet auch, dass tendenziell die Bedeutung der 7-Tages-Inzidenz für die Bewertung der notwendigen Schutzmaßnahmen sinkt. Selbst wenn die Zahl der Infektionen stiegt, dürfte es sich im weit überwiegenden Maße um Menschen handeln, die eher keine schweren Krankheitsverläufe zu befürchten haben. Und für die anderen, die etwa trotz ihres jungen Alters und fehlender Vorerkrankungen noch sehr schwere Folgen haben, gäbe es dann genügend Behandlungsplätze.

Wenn die Politik in den nächsten Tagen über weitere Lockerungen entscheidet, geht es daher um die Frage: Schaue ich eher auf die Zahl der Infektionen – dann gibt es eher wenige Lockerungen – oder blicke ich auf die Zahl der schweren Verläufe und Todesfälle? Dann gibt es einen größeren Spielraum.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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