Lehrer, Eltern und Schüler beklagen gleichermaßen die schleppenden Fortschritte bei der Digitalisierung der Schulen. Dabei stehen beim Land Mittel in dreistelliger Millionenhöhe für die Schulen bereit, für die aber bisher kein Interesse angemeldet wurde. © Foto: unplash/ Kelly Sikkema
Schulen in NRW

287 Millionen Euro stehen zur Schul-Digitalisierung bereit – aber keiner will sie

Viele Schulen im Land klagen über die schleppende Digitalisierung. Dabei liegen beim Land viele Millionen an Fördermitteln für die Schulen im Land auf Halde. Sie werden einfach nicht abgerufen.

Es ist eine absurde Situation. Zahlreiche Schulen im Land klagen über die nur im Schneckentempo fortschreitende Digitalisierung. Es fehle nicht nur an der technischen Ausstattung der Gebäude, sondern auch an der Ausstattung der Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer mit mobilen Endgeräten wie Laptops oder Tablets. Das machte nicht zuletzt eine große Umfrage unserer Zeitung deutlich, an der sich mehr als 2.300 Schüler, Eltern und Lehrer aus der Region beteiligt haben.

Nachfragen beim Schulministerium des Landes ergaben nun, dass in Düsseldorf viele Millionen Euro quasi abholbereit darauf warten, dass jemand sie anfordert und damit die Digitalisierung ein gutes Stück voranbringt.

Konkret geht es dabei um drei Förderprogramme:

1. An erster Stelle steht der „Digitalpakt Schule“, in dem für Nordrhein-Westfalen 500 Millionen Euro aus Bund- und Landesmitteln bereitstehen. Das Geld ist vor allem dazu gedacht, die IT-Infrastruktur auszubauen. Gefördert werden aber auch die Anschaffung von digitalen Arbeitsgeräten, mobilen Endgeräten sowie weitere Maßnahmen, die von den Schulen unmittelbar genutzt werden können.

Bis zum 31. Januar, so teilte das Schulministerium mit, wurden erst 1.223 Förderanträge mit einem Gesamtvolumen von rund 258 Millionen Euro gestellt – also nur für etwas mehr als die Hälfte der bereitstehenden Mittel. Interesse an den restlichen 242 Millionen Euro wurde bisher nicht angemeldet.

Bewilligt wurden übrigens bisher 926 Anträge mit einer Fördersumme von 164 Millionen Euro.

2. Ein zweites Förderpaket steht unter einer „Zusatzvereinbarung zum Digitalpakt Schule“ bereit, um Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten auszustatten. Bund, Land und Kommunen bringen dafür zusammen 178 Millionen Euro allein für Nordrhein-Westfalen auf. Die schulgebundenen mobilen Endgeräte werden an bedürftige Schülerinnen und Schüler von der Schule ausgeliehen. Eine individuelle Bedürftigkeitsprüfung ist hierbei nicht vorgesehen.

Mit Stand vom 31. Januar 2021 haben die Schulträger in NRW nach Auskunft des Schulministeriums 799 Anträge mit einem Gesamtvolumen von rund 145 Millionen Euro gestellt. 744 Anträge in Höhe von rund 139 Millionen Euro sind bereits bewilligt. Für rund 33 Millionen Euro liegen also bisher noch keine Anträge vor.

3. In einem dritten Programm unterstützt das Land die Schulen auch bei der Anschaffung digitaler Endgeräte für Lehrerinnen und Lehrer mit 103 Millionen Euro. Für dieses Programm wurden bis Ende Januar 666 Anträge mit einem Gesamtvolumen von rund 91 Millionen Euro gestellt. Auch hier gibt es also bis jetzt für 12 Millionen Euro noch keine Interessenten.

Rechnet man alle drei Programme zusammen, so wurden bisher 287 Millionen Euro, mit denen die Schulen die Digitalisierung vorantreiben sollen, nicht abgerufen. Daher hat das Land die Frist, bis zu der man Anträge stellen kann, bis zum 31. Juli verlängert.

Kompliziertes und aufwändiges Antragsverfahren als Ursache genannt

Als Ursache, warum die Mittel bisher so zögerlich abgerufen worden sind, wurde in den vergangenen Monaten von Schulträgern und Gewerkschaften immer wieder ein vorgeblich sehr kompliziertes Antragsverfahren angeführt. In der Tat kann man beispielsweise den im September 2019 vom Land festgelegten Richtlinien zum Digitalpakt entnehmen, welche Unterlagen eine Schule vorlegen muss, um in den Genuss von Mitteln aus dem Digitalpakt zu kommen.

Dazu zählen unter anderem ein Investitionsplan, ein Konzept zur technischen Betreuung der geförderten Ausstattung, eine Bestandsaufahme bestehender und benötigter Ausstattung, ein „technisch-pädagogisches Einsatzkonzept mit Berücksichtigung medienpädagogischer, didaktischer und technischer Aspekte“. Die Bedingungen zu erfüllen, sei gerade unter den erschwerten Corona-Bedingungen kaum zu leisten, kritisierte unter anderem die Lehrergewerkschaft GEW.

Das mäßige Interesse an der Lernplattform Logineo

Dass die Digitalisierung an den Schulen in Nordrhein-Westfalen noch erheblichen Entwicklungsperspektiven hat, zeigt auch ein Blick auf die vom Land bereitgestellte digitale Lernplattform Logineo. Von den rund 5.200 allgemeinbildenden Schulen arbeiten nach Auskunft des Schulministeriums Stand Mitte Februar erst 1.875 Schulen mit der im November 2019 eingeführten Schulplattform Logineo NRW.

2.363 Schulen nutzen das im Juni 2020 freigeschaltete Lernmanagementsystem von Logineo und 1.875 Schulen den Logineo Messenger, der im August 2020 als Alternative zu WhatsApp und Telegram eingerichtet und im Januar 2021 um ein Videokonferenztool ergänzt wurde.

Über den Autor
Redakteur
Ulrich Breulmann, Jahrgang 1962, ist Diplom-Theologe. Nach seinem Volontariat arbeitete er zunächst sechseinhalb Jahre in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten, bevor er als Redaktionsleiter in verschiedenen Städten des Münsterlandes und in Dortmund eingesetzt war. Seit Dezember 2019 ist er als Investigativ-Reporter im Einsatz.
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