Zweijähriger ertrank im Schwimmbad: Mutter im Fokus

Wie konnte ein Zweijähriger in einem öffentlichen Schwimmbad unter Wasser geraten und minutenlang um sein Leben kämpfen, ohne dass ihm jemand half? Auch ein Prozess gab darauf keine klare Antwort. In den Fokus der Ermittlungen rückt jetzt die Mutter des Jungen.

28.10.2020, 03:02 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um den Tod eines Zweijährigen in einem Gelsenkirchener Schwimmbad ist die angeklagte Tante des Jungen freigesprochen worden. Es sei nicht nachgewiesen worden, dass die Mutter des Jungen, die ebenfalls im Schwimmbad war, ihrer Schwester die Aufsichtspflicht übertragen hatte, erklärte das Gericht am Mittwoch. Die Tante könne deshalb nicht belangt werden. Nun werde erneut geprüft, ob die Mutter selbst ihre Aufsichtspflicht verletzt habe, kündigte die Staatsanwaltschaft an.

Der fast dreijährige Junge war im Juni 2019 im Nichtschwimmerbereich eines Beckens ertrunken. Nach Feststellung eines Sachverständigen im Prozess war er zuvor zwei bis drei Minuten unter Wasser gewesen, ohne dass ihm jemand geholfen hatte. An der Fundstelle im Becken war das Wasser laut Gericht 1,10 Meter tief, der Junge war 1,07 Meter groß.

Die 25 Jahre alte Tante hatte sich nach dem Unglücksfall bei der polizeilichen Vernehmung selbst bezichtigt. „Ich bin schuld“, habe sie gesagt. Das sei „ein halbes Geständnis“ gewesen, sagte der Richter.

Offenbar lag dem aber eine Absprache zwischen der Mutter und ihrer Schwester, der Tante des Jungen, zugrunde, sagte ein Gerichtssprecher. Die Mutter habe Angst gehabt, dass ihr das Jugendamt ihr vierjähriges anderes Kind wegnehmen könnte. Deshalb seien die beiden Frauen übereingekommen, dass die Schwester die Schuld auf sich nehmen sollte, so der Sprecher. Später habe die Tante das aber widerrufen.

Was im Schwimmbad genau passiert ist, blieb im Prozess letztlich unklar. Ein am Mittwoch vernommener Zeuge berichtete, dass beide Schwestern auf einer Rutsche gesessen und sich hätten filmen lassen. Auf die Frage des Richters, wer in der Zeit auf den Jungen aufgepasst habe, gab es keine klare Antwort. Kleine Kinder müssen in Schwimmbädern nach früheren Gerichtsurteilen lückenlos beaufsichtigt werden, da sie bei Problemen im Wasser nicht auf sich aufmerksam machen können, sondern in der Regel lautlos versinken. Das hatte auch der Sachverständige bei seiner Aussage vor Gericht bestätigt.

Die Anklage hatte auf fahrlässige Tötung gelautet (Az.: 614 Ds 137/20). Dafür sind theoretisch bis zu fünf Jahre Haft möglich. Der Fall wurde allerdings vor einem Einzelrichter verhandelt, der maximal zwei Jahre Haftstrafe verhängen kann.

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