Zeugenaussagen im „Fall Marvin“: Teenager wurde für sexuelle Handlungen bezahlt

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Der Angeklagte soll den zweieinhalb Jahre lang vermissten Teenager möglicherweise bezahlt haben. Das geht aus einem Foto des Jungen hervor, das er einem Bekannten des Angeklagten geschickt hatte.

Bochum

, 15.06.2020, 22:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Prozess um den Fall Marvin kommen immer traurigere Details ans Licht. Am Montag ist bekannt geworden, dass der Angeklagte den anfangs 13-Jährigen möglicherweise regelrecht bezahlt hat. Das geht aus einem Foto hervor, dass Marvin einem Bekannten des 45-jährigen Recklinghäusers geschickt haben soll.

Darauf ist der Wohnzimmertisch des Angeklagten zu sehen, darauf zwei Kinderhände, 80 Euro und zehn Schachteln Zigaretten. Darunter soll gestanden haben: „Das ist mein Stundenlohn.“

Der Empfänger brauchte nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass es um sexuelle Handlungen ging. „Ich nehme an, dass das so war“, sagte der 53-Jährige als Zeuge vor der 8. Strafkammer des Bochumer Landgerichts.

„Getroffen, verliebt, mitgenommen“

„Der Marvin – der war sein Heiligtum“, hatte der Bekannte des Angeklagten schon bei der Polizei zu Protokoll gegeben. „Er hat ihn getroffen, sich verliebt und mitgenommen.“ Das mache er immer so.

Dass Marvin möglicherweise nicht der erste Junge war, zu dem der Angeklagte Kontakt geknüpft hat, geht aus angeblichen Prahlereien des 45-Jährigen hervor. So soll er zwei eigene Söhne - „Leon“ und „Finn“ – erfunden haben, von denen es auch Fotos gebe, die aber angeblich bei der Mutter lebten. Nach Angaben des Zeugen sollen die beiden Jungs zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein.

Außerdem soll der Angeklagte ihm eine eingeschweißte Boxershorts gezeigt haben, die er in einem Schrank deponiert hatte. „Er hat mir gesagt, dass das ein Andenken an einen Jungen ist“, so der Zeuge im Prozess.

WhatsApp-Gruppe für Erwachsene

Die beiden Männer hatten sich über eine WhatsApp-Gruppe kennengelernt, zu der nur Personen ab 18 Zutritt hatten. Ihr gemeinsames Interesse galt dem Fußball und offenbar auch der Kinderpornographie. „Ich vergreife mich aber nicht an Kindern“, hatte der 53-Jährige schon bei der Polizei gesagt.

Er selbst hatte den Angeklagten fast jedes Wochenende besucht – bis zum Sommer 2018. Dann war plötzlich Marvin da. Von da an durfte der 53-Jährige, der in Paderborn wohnt, nicht mehr in Recklinghausen übernachten. „Er (der Angeklagte) wollte mit dem Jungen allein sein.“

Von der Fahndung nach Marvin hatte er übrigens auch mitbekommen. Warum er keinen Hinweis gegeben hat? „Ich habe auf Facebook geschrieben, dass man mal in Recklinghausen gucken soll.“ Was anderes sei ihm nicht eingefallen.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, den heute 16-jährigen Marvin zweieinhalb Jahre lang versteckt und immer wieder missbraucht zu haben. Er selbst schweigt zu den Vorwürfen. Der Prozess wird Dienstag mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

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