Wie ein SS-Mann und ein KZ-Häftling Freunde fürs Leben wurden

dzLesetipp

Manche Geschichten erinnern an Hollywood - oder sie werden vom Leben selbst geschrieben. So wie diese: Ein Lüner SS-Mann und ein jüdischer KZ-Insasse aus München werden Freunde fürs Leben.

Lünen

, 27.05.2020, 17:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Dass diese Geschichte von einer Freundschaft, die in menschenverachtender Umgebung begann und nach dem Krieg immer enger wurde, nicht in Vergessenheit gerät, ist einem besonderen Filmprojekt zu verdanken. Auch dieses beschäftigt sich mit der dunklen Zeit der Naziherrschaft, mit Menschen, die viel verloren, manche sogar ihr Leben.

Film „Kinder der Turnstunde“

Der Lüner Filmemacher Michael Kupczyk dokumentierte das Schicksal der „Kinder der Turnstunde“, einer Klasse der jüdischen Schule in Lünen. Im Auftrag der Bürgermeister-Harzer-Stiftung, deren Namensgeber sich für eine Aussöhnung von ehemaligen jüdischen Bürgern Lünens mit ihrer Heimatstadt eingesetzt hat.

Dieser Artikel erschien zuerst am 11. Dezember 2018. Die Geschichte von Ewald Inkmann und Benno Notowitz ist unser Lesetipp des Tages.

In dem Film ging es auch um die Töchter der Familie Terhoch aus Gahmen. Jochen Otto von der Bürgermeister-Harzer-Stiftung wollte mehr wissen und recherchierte im Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem Lore Terhoch gefangen gehalten wurde. So kam er mit Bernd Horstmann von der heutigen Gedenkstätte Bergen-Belsen in Kontakt. „Er fragte mich eines Tages, ob ich einen Ewald Inkmann kenne, der aus Lünen kommen sollte und im KZ als SS-Rottenführer eingesetzt war“, so Otto. Inkmann solle in dieser Zeit einem jüdischen KZ-Insassen geholfen haben. Das hatte der Sohn des Überlebenden Horstmann erzählt.

Wie ein SS-Mann und ein KZ-Häftling Freunde fürs Leben wurden

© Repro Rottgardt

Der Name Inkmann sagte Otto erstmal nichts. Doch er begann nachzuhören, erst beim Stadtarchiv, und als da nicht viel zu finden war, versuchte er, Angehörige von Inkmann ausfindig zu machen. Relativ schnell fand er den älteren Sohn Manfred, der mit seiner Familie in Lünen lebt. Man telefonierte und dann besuchte Otto Manfred Inkmann und dessen Frau Elfriede, um über Inkmanns Vater zu sprechen. Und über dessen Freundschaft mit Benno Notowitz, einem jüdischen Maschinenschlosser, der aus München stammte, und mit seiner ersten Frau, seinem Bruder und Eltern im KZ Bergen-Belsen gefangen gehalten wurde.

Als Rottenführer in drei KZ

Ewald Inkmann wurde 1912 in Altenderne-Oberbecker, das heute zu Lünen gehört, geboren, war Metallarbeiter und verheiratet mit Maria Inkmann. Die Beiden hatten zwei Söhne. 1931 wurde er Mitglied der NSDAP, im selben Jahr trat er in die SA ein. 1940 absolvierte Inkmann eine SS-Ausbildung und wurde Rottenführer, was dem heutigen militärischen Dienstgrad eines Obergefreiten entspricht. Lagerdienste führten ihn ins KZ Sachsenhausen und ins KZ Niederhagen-Wewelsburg, bevor er dann nach Bergen-Belsen versetzt wurde.

Manfred Inkmann: „Mein Vater war Klempner und Installateur und in Bergen-Belsen so was wie ein Hausmeister. Immer, wenn es was zu reparieren gab, hatte er seinen Werkzeugkasten dabei und versteckte darin Brot und wohl auch andere Lebensmittel. Da, wo er sicher sein konnte, dass man ihn nicht verriet, steckte er Insassen heimlich das Essen zu.“ Benno Notowitz und seine Familie bekamen von Inkmann immer wieder etwas zu essen. „Das lief alles stillschweigend. Ich weiß aber, dass mein Vater weg wollte von Bergen-Belsen, dass er sich wegbeworben hat, zum Militär. Aber er musste in dem KZ bleiben bis zum Ende.“

In belgischer Kriegsgefangenschaft

Die Familie wusste nicht, wo der Vater nach Kriegsende war, dass er in belgische Kriegsgefangenschaft geriet. „Wir waren in Fritzlar bei Kassel evakuiert, für uns war der Vater vermisst“, erinnert sich der heute 84-jährige Sohn. Als er mit seinem jüngeren Bruder und seiner Mutter zurück nach Lünen kam, wohnte eine andere Familie in ihrer Wohnung und Nachbarn beschimpften die Inkmanns als Nazis. „Es wurden Fenster eingeworfen und gedroht, dass unser Vater nach seiner Rückkehr sofort ins Gefängnis käme, weil er bei der SS gewesen ist.“

Doch alles sollte anders kommen. Und das hat die Familie Benno Notowitz zu verdanken. Der 1918 in München geborene Maschinenschlosser und Unternehmer war als Kind mit seiner Familie in den 30er Jahren in die Niederlande ausgewandert. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie dort von den Nazis festgenommen und nach Westerbork deportiert.

Im Februar 1944 wurde Notowitz mit Frau und Eltern in das Austauschlager des KZ Bergen-Belsen gebracht. Hier, so Bernd Horstmann von der Gedenkstätte, versammelte die SS jüdische Geiselhäftlinge um sie gegen im Ausland internierte deutsche Zivilisten auszutauschen. Die Eltern Samuel und Helene Notowitz wurden dann tatsächlich Ende Januar 1945 ausgetauscht. Am 10. April schickten die Nazis Notowitz mit seiner Frau Irene auf einen Räumungstransport des Austauschlagers - mit dem Ziel Theresienstadt. 13 Tage später befreite die sowjetische Rote Armee den Zug in Tröbitz.

Erfolgreicher Geschäftsmann

Notowitz baute sich nach dem Krieg ein erfolgreiches Leben in Amsterdam auf und setzte alles daran, Ewald Inkmann zu finden. Denn für ihn war der sechs Jahre ältere Lüner sein Lebensretter in Bergen-Belsen. Er erreichte, dass Inkmann und dessen Familie wieder in Ruhe in Lünen leben konnten. „Es kam ganz früh ein Brief von ihm an meinen Vater. Oft ist Benno Notowitz zu uns nach Lünen gekommen, einmal war mein Vater auch bei ihm in Amsterdam“, erinnert sich Manfred Inkmann.

Später eröffnete Notowitz ein Reisebüro in Düsseldorf. „Da haben sich meine Eltern und Notowitz´ Familie noch öfter besucht.“ Auch als Ewald Inkmann in Rastatt arbeitete, besuchte Notowitz ihn. „Die Beiden waren eher wie Brüder.“ Familienfeste wurden gemeinsam gefeiert. Notowitz, dem es finanziell gut ging, schickte Pakete an die Familie Inkmann. „Da war auch richtig teure Schokolade drin.“

Zwei der Briefe, die Benno Notowitz 1948 an seinen Freund Ewald Inkmann geschrieben hat, der linke ist in Paris abgeschickt worden, der rechte in Amsterdam.

Zwei der Briefe, die Benno Notowitz 1948 an seinen Freund Ewald Inkmann geschrieben hat, der linke ist in Paris abgeschickt worden, der rechte in Amsterdam. © Repro Beate Rottgardt

Manfred Inkmann erzählt von bewegenden Begegnungen: „Immer, wenn die Beiden sich sahen, haben sie beide geweint. Und wir Kinder haben das gesehen und mitgeweint.“ Die enge Verbindung der beiden Männer hielt bis zum frühen Tod von Benno Notowitz im Februar 1962 in Düsseldorf. 21 Jahre später starb Ewald Inkmann in Lünen.

Ein ganzer Karton voller Briefe

Als dann vor vier Jahren Manfred Inkmanns Mutter starb, fand er in ihrer Wohnung in einem Karton „die ganzen Briefe, die Notowitz meinem Vater geschickt hatte. Ich hab alle gelesen“. Inkmann weiß, dass Benno Notowitz dafür gesorgt hat, dass sein Vater nach der Kriegsgefangenschaft wieder Arbeit bekam. In einem Brief stand: „Sollte es Schwierigkeiten geben, helfen wir.“

Und am 8.8.1948 schrieb Notowitz: „Du kannst Dir bestimmt nicht den Kopf zerbrechen, wie das gut zu machen ist, denn wir sind noch lange nicht quitt.“ Notowitz gesamte Familie hat das KZ überlebt und daran, davon war Notowitz überzeugt, hatte Ewald Inkmann großen Anteil.

„Sie haben sich unter so schwierigen Verhältnissen kennengelernt, wo eigentlich keiner dem anderen trauen konnte“, so Jochen Otto. Elfriede Inkmann glaubt, dass ihr Schwiegervater etwas wieder gut machen wollte, indem er der Familie Notowitz Essen zusteckte, damit diese das KZ überleben konnte.

Jüngster Sohn forschte nach

Immer wieder wurden Briefe hin und her geschickt. Manfred Inkmann: „Immer wenn man mal länger nichts voneinander hörte, machten sich beide Sorgen und fragten nach.“ Notowitz schickte Fotos von seinen Kindern. Als er starb, war sein jüngster Sohn aus dritter Ehe gerade vier Jahre alt. Und genau dieser Sohn machte sich später auf die Suche nach der Vergangenheit seines Vaters.

Er nahm Kontakt mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen auf und daraufhin wandte sich Horstmann an Jochen Otto, um mehr über Ewald Inkmann zu erfahren. Mittlerweile haben auch Horstmann und Manfred Inkmann Kontakt. Der Sohn jenes Lüners, der, so Jochen Otto, ein großes Risiko einging, um anderen Menschen zu helfen. Und dabei einen Freund fürs Leben fand.

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