Dritter Corona-Toter, Laumann: Ausbreitung nicht aufzuhalten

Im besonders vom Coronavirus betroffenen Kreis Heinsberg ist ein weiterer Patient gestorben. Es ist der dritte Todesfall in NRW. Laut Gesundheitsminister Laumann ist die Ausbreitung des Virus nicht zu stoppen. Die Folgen für das öffentliche Leben werden immer spürbarer.

11.03.2020, 12:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

In Nordrhein-Westfalen ist ein dritter mit dem Coronavirus infizierter Patient gestorben. Der 73-Jährige starb in der Nacht zum Mittwoch in einem Heinsberger Krankenhaus, wie der von der Epidemie besonders betroffenen Kreis mitteilte. Der Mann aus Übach-Palenberg sei Dialysepatient mit schweren Vorerkrankungen gewesen. Es ist der zweite Todesfall im Kreis Heinsberg und zugleich der dritte in Deutschland.

Die weitere Ausbreitung des neuartigen Coronavirus kann nach Einschätzung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) nicht verhindert werden. „Es wird nicht gelingen, die weitere Ausbreitung der Infektion zu stoppen. Das sagen alle Fachleute. Wir müssen aber alles daransetzen, die Ausbreitung des Virus so gut wie möglich zu verzögern“, sagte Laumann am Mittwoch im Düsseldorfer Landtag.

Die Zahl der nachgewiesenen Erkrankungen im bevölkerungsreichsten Bundesland stieg auch am Mittwoch an: Es gab am Nachmittag (Stand: 16.00 Uhr) 801 Infektionen nach 642 Fällen am späten Dienstagnachmittag (17.30 Uhr), wie das Gesundheitsministerium berichtete. Allein der Kreis Heinsberg zählte am Nachmittag 443 bestätigte Infektionen. In Deutschland sind bislang mindestens 1850 Infektionen bekannt, wie aus einer Auswertung der Deutschen Presse-Agentur hervorgeht.

Wo sich der gestorbene Patient aus Übach-Palenberg angesteckt haben könnte, sei nicht bekannt, erklärte der Kreis Heinsberg. „Die Infektion mit dem Coronavirus hatte seinen Gesundheitszustand zusätzlich beeinträchtigt.“ Am Montag waren erstmals zwei Menschen nach Erkrankungen mit dem neuen Erreger Sars-CoV-2 gestorben. Das erste Todesopfer war eine 89-Jährige aus Essen, das zweite ein 78-Jähriger aus Gangelt im Kreis Heinsberg.

„Je mehr Zeit wir gewinnen, desto besser ist die gute Versorgung der Erkrankten bei den niedergelassenen Ärzten, den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen gewährleistet“, erläuterte Laumann im Landtag. Das gelte nicht nur für die Coronavirus-Erkrankten, sondern für alle Patienten. Seit dem Ausbruch der Infektion im Kreis Heinsberg habe man mit erheblichen „materiellen und personellen Knappheiten“ zu kämpfen. Ein „Nachschubproblem“ müsse verhindert werden. Laumann verwies darauf, dass NRW in der vergangenen Woche eine Million Schutzmasken bestellt habe.

Nach Einschätzung der SPD-Opposition war das Land nicht gut genug auf die Ausbreitung des Coronavirus vorbereitet. Nachdem Frankreich schon am 24. Januar erste Fälle bestätigt habe, hätte in NRW früher gehandelt werden können, kritisierte SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty. Und obwohl das Robert Koch-Institut schon am 13. Februar die Gefahr einer möglichen Pandemie benannt habe, habe Laumann noch am 25. Februar in Interviews versucht, „die Sache kleinzureden“. Laumanns Aussage, dass NRW gut vorbereitet sei, habe sich als falsch erwiesen, betonte er. Tatsächlich hätten Mundschutz und Desinfektionsmittel gefehlt.

Auf heftige Zwischenrufe aus den Regierungsbänken sagte Kutschaty: „Sie verschließen die Augen vor der Wahrheit und sagen: „Ist alles schön und gut hier.““ Die Realität sei eine andere. Ein Beispiel seien die Zustände an einer Kölner Schule: Dort fehlten Seife, Papiertücher, Desinfektionsspender, Toilettenpapier. Insgesamt drei Mal musste Landtagspräsident André Kuper während Kutschatys Rede mit seiner Glocke die Abgeordneten zur Ruhe auffordern.

Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sowie Laumann warfen der SPD eine unangemessene Kritik vor. Zu der Kölner Schule rief Laschet dem Oppositionsführer sichtlich aufgeregt zu: „Nennen Sie mir den Namen. Ich kümmere mich persönlich darum, dass die ihr Papier kriegen - verdammt noch mal.“ Abgeordnete aus den Regierungsfraktionen CDU und FDP warfen Kutschaty vor, die Coronavirus-Epidemie parteipolitisch zu instrumentalisieren.

Trotz der Ausbreitung des Coronavirus in NRW sieht Laschet keinen Anlass, Kitas, Schulen oder Universitäten landesweit zu schließen. Nach derzeitigem Stand sei das nicht erforderlich, bekräftigte er. Wenn es zu einer Lage wie in Italien komme, müsse die Frage neu bewertet werden.

Das NRW-Schulministerium sieht zudem keine Notwendigkeit, die Abi-Prüfungen zu verschieben. Sollten Prüfungen wegen Krankheit, Quarantäne oder vorübergehenden Schulschließungen ausfallen, gebe es vom 7. Mai an die auch sonst üblichen Nachschreibtermine, teilte das Ministerium mit. Für Schüler, die diesen Termin aus vergleichbaren Gründen ebenfalls nicht wahrnehmen könnten, sei ein dezentrales Nachschreibeverfahren vorgesehen. Zeitweise geschlossene Schulen sollten den Abiturienten das Unterrichtsmaterial zur Vorbereitung zuschicken. Zuvor hatte die „WAZ“ über die Regelungen berichtet.

Auch in anderen Bereichen werden die Folgen des Coronavirus immer spürbarer. Die Evangelische Landeskirche von Westfalen empfahl ihren Gemeinden, möglichst viele Veranstaltungen zunächst abzusagen. Das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen will seinen Spielbetrieb erst einmal einstellen. Und das Bochumer Musical „Starlight Express“ reduziert seine Gästezahl. Man werde nach dem Erlass der Landesregierung vorerst keine Veranstaltungen mit mehr als 1000 Anwesenden durchführen, hieß es. Die Stadt Bonn hat ihr für nächste Woche geplantes Beethovenfest wegen der Corona-Epidemie abgesagt.

Die Grünen forderten eine Internetplattform für NRW, auf der Bürger alle nötigen Informationen finden, statt unter Umständen in einer Hotline festzuhängen. „Das darf uns nicht wieder passieren“, sagte Vize-Fraktionschef Mehrdad Mostofizadeh zu den Engpässen bei Hygieneartikeln. Die AfD sieht die Ausbreitung des Virus als Warnschuss, die Notfallpläne zu überprüfen und auf Schwachpunkte für andere Erreger abzuklopfen. Die Krise zeige, wie fragil das „globale Dorf“ sei und wie groß Abhängigkeiten in der Medikamentenherstellung seien, sagte der Landtagsabgeordnete Martin Vincentz.

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