Virusschleudern über den Wolken? So beeinflussen Klimaanlagen das Infektionsrisiko in Flugzeugen

Coronavirus

Fluggesellschaften stufen das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus in den Flugzeugkabinen als gering ein. Experten halten diese Aussage jedoch für bedenklich.

Berlin

24.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Klimaanlagen sorgen in den Flugzeugkabinen für Luftverwirbelungen.

Klimaanlagen sorgen in den Flugzeugkabinen für Luftverwirbelungen. © picture alliance / dpa

Können Klimaanlagen in Flugzeugen das Risiko erhöhen, sich mit dem Coronavirus zu infizieren? Diese Frage wird derzeit von Fluggästen, Airlines und der Wissenschaft stark diskutiert.

„Grundsätzlich ist das Risiko, sich während einer Flugreise mit dem Virus anzustecken, sehr gering“, teilt die Lufthansa Group mit. „Die gesamte Rezirkulationsluft wird gefiltert und von Verunreinigungen wie Staub, Bakterien und Viren aus der Kabinenluft gesäubert. Die gefilterte Luft im Flugzeug entspricht den Luftfilter-Qualitätsstandards von Operationssälen.“

HEPA-Filter entfernen 99,95 Prozent der Viren

Möglich machen die „sterile“ Luft sogenannte HEPA-Filter (High Efficiency Particulate Air), die in fast allen Maschinen verbaut sind. Diese Schwebstofffilter können nach Angaben des Umweltbundesamts (UBA) rund 99,95 Prozent der viralen Partikel aus der Luft entfernen. „Sowohl Coronaviren selbst als auch die durch den Atem exhalierten Tröpfchen können durch HEPA-Filter grundsätzlich zurückgehalten werden“, heißt es vom UBA.

Auch der Flugzeughersteller Airbus sieht keine erhöhte Infektionsgefahr für Passagiere. „Die Luft wird alle zwei bis drei Minuten ausgetauscht“, schreibt das Unternehmen zu einem eigens veröffentlichten Video, dass die Luftzirkulationen in der Flugzeugkabine verdeutlichen soll.

Flugzeugsystemingenieur: Luft wird nicht verdrängt, sondern verwirbelt

Dieter Scholz, Professor für Flugzeugsysteme an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, hält diese Aussagen für fragwürdig. Im Interview mit dem Wissensmagazin Nano des Fernsehsenders 3sat verweist er darauf, dass die Luft in der Flugzeugkabine nicht komplett verdrängt, sondern nur vermischt werde. Dadurch würden zwangsläufig Verwirbelungen entstehen, die Viren im Innenraum verteilen.

Diese Luftzirkulationen waren auch der Grund, wieso ein mit Sars infizierter Passagier im Jahr 2003 auf einem Flug von Hongkong nach Peking mehr als 20 weitere Reisende anstecken konnte. Ein Forscherteam um Qingyan Chen, Professor für Maschinenbau an der Purdue University in West Lafayette im US-Bundesstaat Indiana, hatte die Verwirbelungen in der Flugzeugkabine mithilfe einer Simulation veranschaulicht.

Für die Untersuchung zugrunde gelegt wurde ein Kabine mit sieben Reihen. In der Mitte saß der infizierte Passagier. „Die ausgeatmeten Tröpfchen hatten sich innerhalb von 30 Sekunden in der Reihe des Patienten ausgebreitet – sowie in der Reihe davor und dahinter“, heißt es in der Studie, die 2011 in der Fachzeitschrift Indoor Air veröffentlicht wurde. „Auf alle sieben Reihen waren die Tröpfchen innerhalb von vier Minuten verteilt.“

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt untersucht Partikelausbreitung

Auch die Übertragung des Coronavirus basiert laut Robert Koch-Institut (RKI) auf diesen Tröpfchen – also Partikeln, die größer als fünf Mikrometer sind. Ebenso spielen Aerosole, die kleiner sind als Tröpfchen, eine entscheidende Rolle. „Während insbesondere größere respiratorische Tröpfchen schnell zu Boden sinken, können Aerosole – auch über längere Zeit – in der Luft schweben und sich in geschlossenen Räumen verteilen“, heißt es im Sars-CoV-2-Steckbrief des RKI.

Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) untersuchen derzeit, wie sich potentiell virusbeladene Tröpfchen in Zügen und Flugzeugen ausbreiten. Dabei nutzen die Wissenschaftler Computersimulationen und führen Experimente im generischen Zuglabor Göttingen durch.

Im Zuglabor befinden sich 24 Dummies mit Sensoren als Passagiere. Ein Dummy stößt aus dem Mund Luft mit beigemischten Tröpfchen sowie ein Spurengas aus. Dieses Gemisch zeichnen Highspeed-Kameras und Gassenoren auf, sodass die Verbreitung der Partikel genau nachverfolgt werden kann.

Die Studie des DLR ist derzeit in vollem Gange. „Nach Abschluss der Untersuchungen werden wir uns zu einem gegebenen Zeitpunkt zu den Ergebnissen äußern“, sagte ein Sprecher des Forschungszentrums.

Designfirma setzt auf Warmluftvorhang

Mehrere Firmen wie Teague arbeiten bereits an einer Lösung, wie Viruspartikel an der Ausbreitung in der Flugzeugkabine gehindert werden könnten. Das Designunternehmen schlägt mit „AirShield“ eine Art Warmluftvorhang vor, wie er in den Wintermonaten beim Betreten vieler Einzelhandelsgeschäfte zu finden ist.

„AirShield bildet eine Barriere um jeden Sitz, die die normale Luftzirkulation stört“, beschreibt Teague das Projekt auf seiner Webseite. „Während wir versuchen, das Problem in einer dicht besiedelten Flugzeugkabine zu lösen, können die Erkenntnisse auch auf Mobilität und gebaute Umgebungen außerhalb der Luftfahrtindustrie angewendet werden.“

RND

Schlagworte: