Virologe Stürmer: „Reisen sollten aktuell europaweit untersagt werden”

Coronavirus

Virologe Martin Stürmer sagt: „Die Hoffnungen des ‚Lockdown light’ haben sich nicht bestätigt.“ Daraus müssten in Deutschland nun Konsequenzen gezogen werden, auch für Weihnachten.

von Maike Geißler |

, 21.11.2020, 11:52 Uhr / Lesedauer: 3 min
Flugreisen sind für den Virologen Martin Stürmer unter Corona-Bedingungen keine gute Idee.

Flugreisen sind für den Virologen Martin Stürmer unter Corona-Bedingungen keine gute Idee. © picture alliance/dpa

Drei Wochen Teil-Lockdown in Deutschland sind um, mit Kontaktbeschränkungen, geschlossenen Restaurants und Kultureinrichtungen sowie touristischem Übernachtungsverbot. Doch bei den Infektionszahlen haben sich die Einschränkungen bisher nur geringfügig bemerkbar gemacht.

Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Martin Stürmer, Facharzt für Mikrobiologie und Laborleiter am IMD Labor für Interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt, über nötige Konsequenzen – und erklärt, warum er die Idee einer generellen Corona-Impfpflicht für Reisen abwegig findet.

Herr Stürmer, sind Reisen aktuell noch vertretbar? Während touristische Übernachtungen in Deutschland verboten sind, lassen andere Länder, auch in der EU, Touristen ja weiterhin einreisen.

Ganz grundsätzlich fände ich es sehr wichtig, dass bestimmte Maßnahmen auf europäischer Ebene abgestimmt werden. Und ich bin der Ansicht, dass in der aktuellen Situation touristische Reisen generell untersagt werden sollten – das sollte man nicht nur deutschlandweit, sondern europaweit so regeln.

Auch, wenn das Reiseveranstalter nicht gern hören werden. Reisen müssen auf ein absolutes Minimum, auf die dringend notwendigen, reduziert werden, weil das Infektionsgeschehen unkontrolliert ist.

Natürlich können viele Menschen jetzt kommen und sagen: Ich will aber nur mit dem Auto in ein einsames Ferienhaus fahren. Ich kann das nachvollziehen, gegen eine solche Reise würde aus virologischer Sicht auch nichts sprechen. Aber solche Ausnahmen würden in der politischen Diskussion um Reiseverbote ein riesiges Fass aufmachen.

Es gibt aber sogar Fernreiseziele wie die Malediven, die Touristen einreisen lassen.

Unbedenkliche Fernreiseziele mag es geben – aber auch hier lautet die Empfehlung, auf diese Reisen zu verzichten. Fernreisen gehen mit so vielen Unabwägbarkeiten einher: Am Flughafen müssen sich die Urlauber Stress und möglicherweise Gedränge beim Check-in, am Gepäckband und beim Boarding aussetzen.

Im Flugzeug selbst sind sie lange Zeit mit anderen zusammen, setzen öfter die Maske zum Essen und Trinken ab, am Reiseziel folgt noch der Transfer … Nein, es ist ganz einfach nicht die Zeit für touristische Reisen.

Mit Blick aufs nächste Jahr hat die finnische Ministerpräsidentin eine mögliche Impfpflicht für Reisen, speziell für Flüge, ins Spiel gebracht. Was halten Sie von der Idee?

Bei der aktuellen flächendeckenden Ausbreitung des Coronavirus muss man über ein solches Thema nicht nachdenken. Und bevor wir das überhaupt diskutieren können, müssen mehrere Voraussetzungen gegeben sein: Wir müssen einen Impfstoff haben, der flächendeckend eingesetzt werden kann.

Ich muss also zum Arzt gehen und dort ganz einfach die Impfung erhalten können. Außerdem muss gewährleistet sein, dass die Schutzwirkung für eine gewisse Zeit garantiert werden kann. Wir müssen also wissen, für wie lange und zu welchem Prozentsatz eine Immunität besteht.

Martin Stürmer ist Facharzt für Mikrobiologie und Laborleiter am IMD Labor für Interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt.

Martin Stürmer ist Facharzt für Mikrobiologie und Laborleiter am IMD Labor für Interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt. © picture alliance/dpa


Rein hypothetisch: Ich halte eine generelle Impfpflicht fürs Reisen nicht für sinnvoll. Die EU-Länder sollten europaweit dafür sorgen, dass die Bevölkerung geimpft werden kann. Für Länder, in denen es nicht gelingt, das Virus in Schach zu halten, könnte aber eine partielle Impfpflicht relevant werden.

Die gibt es bereits für einige Länder und einige tropische Erreger, zum Beispiel Gelbfieber. Mit einer Impfpflicht für die Einreise wollen Länder wie Uganda und Sierra Leone vermeiden, dass Gelbfieber großartig flächendeckend ausbricht.

Und wie stehen Sie zu einer Corona-Testpflicht für Reisen im Jahr 2021? Einige Länder und Airlines setzen ja bereits darauf.

Das ist zum einen eine Frage der Kapazitäten – und die sind nicht unendlich. Zum anderen können Antigenschnelltests oder PCR-Tests zwar eine gewisse Sicherheit geben, sind aber nur ein Moment-Abbild. Der- oder diejenige Getestete könnte sich kurz zuvor oder danach trotzdem infizieren.

Das Testen ist auf lange Sicht nicht die optimale Strategie. Aktuell müssen wir daher einfach abwarten. Generell wäre die Impfung eine gute Alternative – und eine Reise vielleicht für viele Menschen eine zusätzliche Motivation, sich freiwillig impfen zu lassen.

Ich bin aber nicht optimistisch, dass wir im Sommer 2021 flächendeckend impfen können. Das nächste Jahr wird, was das Reisen angeht, ein unabwägbares. Es ist ein Irrglaube, dass 2021 alles wieder normal wird.

Blicken wir mal in die nähere Zukunft: Weihnachten naht – und damit klassischerweise Besuche oder Reisen mit der Familie. Wie sollten wir aus Ihrer Sicht in diesem Jahr die Feiertage verbringen?

Die Hoffnungen des „Lockdown light” haben sich nicht bestätigt. Man sollte versuchen, an dieses Jahr einen Haken zu machen. Es ist ein sehr spezielles Jahr gewesen und ist es noch, das Weihnachtsfest gehört dazu. Es wird Einschränkungen unterliegen müssen.

Die Menschen sollten Besuche auf ein Minimum beschränken und nur die machen, die wirklich dringend nötig sind. Wir müssen schauen, dass wir das Risiko weiter reduzieren und uns die Feiertage trotzdem so schön wie möglich machen. Dafür gibt es ja auch Möglichkeiten.

RND

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