Verbunden trotz Kontaktverbote: Wie eine App ein ganzes Dorf vernetzt

Coronavirus

Beim Digitaltag schaut der Bundespräsident nicht ins Silicon Valley oder nach Berlin Mitte. Sondern nach Ovenhausen bei Höxter. Wie hilft die Digitalisierung, um besser durch die Krise zu kommen?

Berlin/Ovenhausen

19.06.2020, 17:12 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war beim Digitaltag per Videoschalte mit je drei Bürgern aus den Digitalen Dörfern Betzdorf (Rheinland-Pfalz) und Ovenhausen (NRW) verbunden.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war beim Digitaltag per Videoschalte mit je drei Bürgern aus den Digitalen Dörfern Betzdorf (Rheinland-Pfalz) und Ovenhausen (NRW) verbunden. © picture alliance/dpa

Familien durch Kontaktverbote getrennt, die Arbeit ins Homeoffice verlegt, das öffentliche Leben lahm gelegt: Die Corona-Pandemie hat den Menschen in Deutschland in den vergangenen Wochen Vieles abverlangt. Aber es hätte schlimmer kommen können - ohne die Möglichkeiten, die die digitale Technik heute bietet, um miteinander zu kommunizieren, zu arbeiten und den Alltag zu organisieren.

„Uns miteinander vernetzen, um verbunden zu bleiben - diese Erfahrung haben wir während der Pandemie besonders intensiv gemacht“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitag. Es ist der erste bundesweite Digitaltag. Und Steinmeier will erfahren, wie die digitale Technik in der Corona-Krise das Leben ein stückweit leichter gemacht hat.

„Ich mag mir gar nicht vorstellen, wo wir heute wären, hätten wir die digitalen Möglichkeiten nicht gehabt“, sagt er. Sein Blick richtet sich auf das Land, also dorthin, wo die Menschen sich gegenüber der Großstadt oft abgehängt fühlen. Wo aber die Digitalisierung längst Einzug gehalten hat.

Mit einer Nachricht wird jede Familie im Dorf erreicht

Etwa in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Ovenhausen, wo die Bürger untereinander mit der DorfFunk-App und in Kontakt stehen, sich austauschen, Hilfe suchen und Hilfe anbieten sowie einen direkten Draht zu ihrer Gemeindeverwaltung haben.

Die vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern entwickelte App ist ein Messenger-Dienst mit lokaler Reichweite, die sich auch auf Nachbargemeinden erstrecken kann. Bundesweit wird der Dienst bereits von rund 50.000 Menschen genutzt. In Ovenhausen hat die App gerade in der Hochphase der Corona-Krise besonderen Zuspruch erhalten.

Gut 500 der 1030 Einwohner hätten sie sich inzwischen aufs Handy geladen, sagt Hans-Werner Gorzolka von der örtlichen Kirchengemeinde. „Ich behaupte mal, dass wir jede Familie in Ovenhausen erreichen mit unseren Nachrichten.“ Die Vernetzung der Bürger steht hier unter der Überschrift „Sorgendes Dorf“. Im Gespräch mit dem Bundespräsidenten zeigt sich Agnes Klocke aus Ovenhausen begeistert: „Ich weiß einfach, an wen ich mich wenden kann, wenn ich Hilfe brauche.“

Digitales Angebot stärkt ehrenamtliches Engagement vor Ort

Nach ihrer Beobachtung stärkt das digitale Angebot auch das ehrenamtliche Engagement der Bürger. „Das Ehrenamt war vor ein paar Jahren ja doch ein wenig Stiefkind. Jeder hat so sein privates Ding gemacht.“ Jetzt werde es wieder mehr. Vereine blühten beispielsweise wieder auf.

Diese Erfahrung hat auch Martina Voss von der örtlichen Caritas gemacht. Aus ihrer Sicht zahlen sich die digitalen Angebote für die Bürger aus: „Wir haben gedacht, wir müssen neue Wege gehen, vor allem auch die digitalen. Seitdem wir das gedacht haben, haben wir mehr Mitglieder gewonnen, mehr Begeisterte, die mitmachen.“

Die Corona-Krise also als Chance? Aus Steinmeiers Sicht ist sie dies jedenfalls mit Blick auf den Stand der Digitalisierung in Deutschland insgesamt. Denn: „Die Krise hat viele digitale Defizite schonungslos ausgeleuchtet, ganz besonders in den Schulen und in der öffentlichen Verwaltung.“ Und sie zeige, dass Deutschland auch beim gerechten Zugang zur digitalen Grundversorgung viel aufzuholen habe.

dpa

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