Tränen bei der Berlinale: Der iranische Film „Es gibt kein Böses“ gewinnt den Goldenen Bären

Preisverleihung

Das iranische Episodendrama „Es gibt kein Böses“ über die Todesstrafe wird mit dem Goldenen Bären gewürdigt - Regisseur Rasoulof durfte aber nicht aus dem Iran zur Preisvergabe anreisen.

Berlin

01.03.2020, 09:26 Uhr / Lesedauer: 3 min
Baran Rasoulof steht mit dem Goldenen Bären für ihren Vater, dem Regisseur Mohammad Rasoulof, für den Besten Film „Es gibt kein Böses“ vor dem Berlinale Palast.

Baran Rasoulof steht mit dem Goldenen Bären für ihren Vater, dem Regisseur Mohammad Rasoulof, für den Besten Film „Es gibt kein Böses“ vor dem Berlinale Palast. © Jens Kalaene/dpa

Der Regisseur des besten Berlinale-Films 2020 konnte den Goldenen Bären nicht persönlich in Empfang nehmen. Mohammad Rasoulof saß fest im Iran, als am Samstagabend „Es gibt kein Böses“ den Hauptpreis der 70. Berlinale gewann. Das iranische Regime hatte ihm seinen Reisepass abgenommen – zudem ist er zu einer noch nicht angetretenen Haftstrafe verurteilt.

Baran Rasoulof nimmt Preis entgegen

Stattdessen hielt seine Tochter die Trophäe im Berlinale-Palast in die Höhe. „Ich bin sehr traurig, denn dieser Preis ist für einen Filmemacher, der heute nicht hier sein kann“, rief Baran Rasoulof. Sie spielt in dem Episodenwerk mit – als eine Tochter, die von ihrem Vater getrennt ist und in Deutschland lebt, weil dieser seinen politischen Überzeugungen treu geblieben ist.

Genauso verhält es im Fall von Regisseur Mohammad Rasoulof: Der 48-Jährige war in den Iran zurückgegangen, um einen Spielfilm über die Todesstrafe zu drehen. In seinem Land wird diese so häufig verhängt wie in kaum einem anderen.

„Es gibt kein Böses“ aus dem Iran überzeugt

Einige Gesichter der Filmcrew in den Sitzreihen des Berlinale-Palasts waren im Moment der Preisvergabe tränenfeucht: Die Parallele zwischen Fiktion und Leben war offenkundig. „Alle Mitwirkenden haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um an diesem Film mitzuwirken“, sagte einer der Produzenten.

„Es gibt kein Böses“ handelt von der Verantwortung des Einzelnen auch in einem totalitären Regime. Die Filmfiguren müssen sich entscheiden, wie sie sich zur Todessstrafe verhalten. Einige junge Kriegsdienstleistende in einem Exekutionskommando betrifft das ganz konkret: Sind sie bereit, den Schemel umzustoßen, auf dem ein Todeskandidat mit dem Strick um den Hals steht?

Auszeichnung eines politischen Werks unter neuer Doppelspitze

In einem Wettbewerb, der keinen eindeutigen Favoriten kannte, ist Rasoulofs Film eine gute Wahl – und dürfte doch manchem Berlinale-Beobachter Kopfschmerzen bereiten: Das iranische Drama hätte bestens in das Beuteschema des nicht ganz freiwillig in den Ruhestand verabschiedeten Berlinale-Chefs Dieter Kosslick gepasst.

Kosslick stand in der Kritik, politische Statements über die Kunst zu stellen. Und nun wird im ersten Amtsjahr der neuen Doppelspitze Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek ausgerechnet ein eminent politisches Werk ausgezeichnet.

Weitere Gewinner:

Auch der große Jury-Preis für das intime Drama „Never Rarely Sometimes Always“ behandelt ein bedrängendes Thema: Eine schwangere 17-Jährige fährt aus der amerikanischen Provinz nach New York, um unbeirrt ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung durchzusetzen und das Kind abtreiben zu lassen. US-Regisseurin Eliza Hittman bedankte sich in Berlin bei all jenen Organisationen, „die Menschen schützen, die einen Uterus haben“.

Und die Deutschen? Der Darstellerinnen-Preis für Paula Beer als moderne Nixe in „Undine“ (Regie: Christian Petzold) greift eine schöne Tradition auf. Schon in den vergangenen Jahren haben die Jurys die Leistungen von Nina Hoss (in diesem Jahr in „Schwesterlein“ dabei) oder auch Sandra Hüller mit Silbernen Bären gewürdigt.

Bei den Männern gewann der Italiener Elio Germano für die Darstellung eines drangsalierten Außenseiters. In „Hidden Away“ („Volevo nascondermi“) spielt er den verhaltensgestörten Maler Antonio Ligabue – und zwar mit so viel geradezu animalischer Leidenschaft, dass er von Beginn dieser Berlinale an als heißer Kandidat gehandelt wurde.

Auch die meisten anderen Ehrungen dürften kaum Widerspruch hervorrufen – weder der Regiepreis für den Koreaner Hong Sangsoo für seinen Frauenfilm „The Woman Who Ran“ noch der Drehbuchpreis für die italienischen D’Innocenzo-Brüder für das düstere Drama „Favolacce“ oder der zum 70. Berlinale-Geburtstag eigens ausgelobte Preis für die Komödie „Effacer l’historique (Regie: Benoît Delépine und Gustave Kervern) über den ganz normalen digitalen Wahnsinn.

70. Berlinale mit nachvollziehbarer Bären-Vergabe

Anders sieht das schon aus mit dem Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung: Dieser wurde dem aus Hannover stammenden Kameramann Jürgen Jurges zugesprochen. Er hatte das umstrittene russische Werk „Dau.Natasha“ über eine Art stalinistisches „Big Brother“-Camp gefilmt, in dem eine Frau Fürchterliches erleiden muss, womöglich nicht nur in der Fiktion.

Wollte die Jury um ihren Präsidenten Jeremy Irons so ihre künstlerische Unbestechlichkeit beweisen? Offenbar war um diese Entscheidung innerhalb des Gremiums heftig debattiert worden.

Insgesamt aber ist die 70. Berlinale mit einer nachvollziehbaren Bären-Auslese zu Ende gegangen. Unkompliziert war die Premiere für das neue Führungsduo nicht: Erst wurde die NS-Vergangenheit des Gründungsdirektors Alfred Bauer bekannt, dann erreichte der Terror von Hanau das Festival just am Eröffnungstag, und schließlich löste das sich ausbreitende Coronavirus Unbehagen aus. Bei der 71. Berlinale 2021 bekommen Chatrian und Rissenbeek vielleicht etwas weniger Gegenwind zu spüren.

RND

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