Tönnies will Lohnkostenerstattung notfalls gerichtlich durchsetzen

Tönnies

Nach dem Corona-Ausbruch in seinem Stammwerk steht Fleischproduzent Tönnies an vielen Fronten unter Beschuss - ist sich aber keiner Schuld bewusst.

Bielefeld

18.07.2020, 13:02 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Fleischproduzent Clemens Tönnies will trotz heftiger Kritik nicht darauf verzichten, Lohnkostenerstattung wegen der behördlichen Schließung seines Hauptwerks geltend zu machen. (Archivbild)

Der Fleischproduzent Clemens Tönnies will trotz heftiger Kritik nicht darauf verzichten, Lohnkostenerstattung wegen der behördlichen Schließung seines Hauptwerks geltend zu machen. (Archivbild) © picture alliance/dpa

Der Fleischproduzent Clemens Tönnies will trotz heftiger Kritik nicht darauf verzichten, Lohnkostenerstattung wegen der behördlichen Schließung seines Hauptwerks geltend zu machen. Der 64-jährige Unternehmer will das notfalls gerichtlich durchfechten. „Darüber wird im Zweifelsfall auch Recht gesprochen werden“, sagte er dem „Westfalen-Blatt“ (Samstagsausgabe).

„Wir haben uns immer an Recht und Gesetz gehalten“

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) geht davon aus, dass Tönnies keinen Regress für die vierwöchige Zwangspause nach massenhaften Corona-Infektionen im ostwestfälischen Stammwerk geltend machen kann. Tönnies hielt dagegen, er wolle verhindern, dass seine Mitarbeiter und Dienstleister bei der Verteilung von Quarantänehilfen „stigmatisiert“ würden.

„Manch einer hat einen politischen Feldzug gegen Tönnies geführt und dagegen wehren wir uns jetzt auch.“ Bei Tönnies hatten sich rund 1400 Arbeiter nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Vorübergehend waren deshalb, neben der inzwischen aufgehobenen Betriebsschließung in Rheda-Wiedenbrück, weitgehende Corona-Einschränkungen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf verhängt worden.

Tönnies und mehrere Subunternehmer hatten bereits vor einiger Zeit Anträge auf Erstattung von Lohnkosten durch das Land NRW gestellt. Unter anderem hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) dieses Vorgehen kritisiert. Der Chef des größten deutschen Schlachtkonzerns sieht seinerseits keine schuldhaften Versäumnisse. „Wir haben uns immer an Recht und Gesetz gehalten“, versicherte er.

Verschärfte Hygiene-Schutzmaßnahmen für den Tönnies-Betrieb

„Wir wissen bis heute nicht, welchen Rechtsbruch wir begangen haben sollen.“ Er leide aber mit den Menschen in seiner Heimat, die so starke Auflagen hinnehmen mussten. Die enden nun aber endlich: Ab sofort dürften grundsätzlich „alle bislang in Quarantäne Befindlichen ihre Häuser und Wohnungen wieder verlassen“, teilte die Stadt Rheda-Wiedenbrück mit. Die Allgemeinverfügung des Kreises Gütersloh, alle Tönnies-Mitarbeiter und deren Haushaltsangehörigen in Quarantäne abzusondern, sei in der Nacht zu Samstag ausgelaufen.

Wer eine konkrete Einzelverfügung für eine häusliche Quarantäne habe, müsse die aber entsprechend der angegebenen Frist fortführen. Verschärfte Hygiene-Schutzmaßnahmen für den Tönnies-Betrieb sollen aufrechterhalten werden, „solange eine pandemische Lage von nationaler Tragweite vorliegt“. Aus Sicht von Tönnies hat der massenhafte Corona-Ausbruch in seinem Werk „nichts mit Werkvertragsarbeit oder den Wohnverhältnissen zu tun“, sondern vor allem mit der „Umluftkühlung, die eigentlich jeder Betrieb hat“.

Dennoch wolle er sich künftig um die Lage seiner osteuropäischen Beschäftigten kümmern: „Wir wollen, dass 30 Prozent der Mitarbeiter, die heute nicht privat wohnen, zu einem vorgegebenen Standard wohnen können.“ Er sei zudem dafür, „den Mindestlohn für die Fleischwirtschaft erheblich zu erhöhen und allgemeinverbindlich zu machen“.

Rücktrittsforderungen weist der Firmenboss zurück

Bis September werde er „in einem ersten Schritt 1000“ bisherige Werksvertragsarbeitnehmer fest anstellen, kündigte Tönnies an. Rücktrittsforderungen wies der Firmenboss zurück: „Nein, der Kapitän gehört bei rauer See auf die Brücke, nicht in die Koje“, antwortete Tönnies auf die Frage, ob er „hinschmeißen“ wolle.

„Natürlich werde ich hier nicht mit dem Rollator rausfahren.“ Dafür sei das Leben zu schön. „Zuallererst will ich dieses Schiff wieder richtig flott machen.“ SPD-Bundestagsfraktionsvize Katja Mast bekräftigte ihre Kritik an Tönnies' Haltung. „Dieses Verhalten zeigt: Es fehlt jegliche Einsicht und jegliches Gespür, um was es geht. Um Anstand und Verantwortung“, sagte sie der dpa.

„Was Tönnies macht, unterstreicht einmal mehr: Gesetzesverschärfungen sind dringend nötig und müssen kommen. Und das werden sie.“ Unterdessen vermeldete Rheda-Wiedenbrück für den gesamten Kreis Gütersloh 220 noch aktive Corona-Infektionen und 2339 davon Genesene. Seit Beginn der Pandemie seien im Kreisgebiet 20 Personen gestorben, die sich mit dem Virus infiziert hätten.

Gesundheitsministerium meldet rund 46 000 registrierte Infektionsfälle

Das NRW-Gesundheitsministerium meldete am Samstag rund 46 000 bislang registrierte Infektionsfälle landesweit, wovon die weitaus meisten wieder genesen seien. Mehr als 1700 Menschen mit dem Coronavirus sind in NRW gestorben. 15 Städte und Kreise weisen der Liste zufolge vierstellige Fallzahlen auf: darunter Köln, Düsseldorf, Duisburg, Dortmund sowie der Kreis Heinsberg.

dpa

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