„Fest entschlossen“: Acht Jahre Haft für Rizin-Bombenbauerin

Vor zwei Jahren entdeckte die Polizei in Köln ein Bomben- und Giftlabor: Der erste Terroranschlag in Deutschland mit einem biologischen Kampfstoff wurde knapp vereitelt. Nun ist eine siebenfache Mutter als Bombenbauerin verurteilt worden.

26.06.2020, 12:21 Uhr / Lesedauer: 2 min

In einer Wohnung der berüchtigten Kölner Hochhaussiedlung Chorweiler waren die monatelangen Vorbereitungen weit gediehen. Der Tunesier Sief Allah H. und seine deutsche Frau Yasmin hatten das Supergift Rizin hergestellt, an einem Hamster ausprobiert und eine Testexplosion ausgelöst. Außerdem hatten sie 250 Stahlkugeln und Teile für den Bau eines Fernzünders besorgt.

Eine Explosion der Bombe wäre der erste Terroranschlag mit einem biologischen Kampfstoff in Deutschland gewesen. Nachdem der Tunesier bereits im vergangenen März zu zehn Jahren Haft verurteilt worden war, erhielt seine Frau am Freitag im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts acht Jahre Haft für den Bau der Bombe und die Vorbereitung eines Anschlags.

Die Richter ließen keinen Zweifel an der Schuld der siebenfachen Mutter. Die hatte behauptet, zwar vom Bombenbau, aber nichts von einem Anschlag gewusst zu haben. Ihr Mann habe sich nur Fertigkeiten für seine Zeit beim IS aneignen wollen.

Doch die Gesamtschau der Indizien lasse keinen Zweifel daran, dass es sich bei der 44-Jährigen um eine radikale und eifrige Mittäterin handele, die das Töten von Andersgläubigen als legitimes Mittel angesehen habe.

Das gefährliche Treiben in dem 15-stöckigen Hochhaus war den deutschen Behörden monatelang verborgen geblieben, obwohl es in unmittelbarer Nähe der Zentrale des Bundesamtes für Verfassungsschutz stattfand. Ein ausländischer Geheimdienst schöpfte wegen der Online-Käufe großer Mengen Rizinus-Samen Verdacht und gab einen Tipp.

Mitte Juni 2018 griffen die Ermittler zu. Der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, sprach angesichts der Funde von einem geplanten Anschlag „einer neuen Dimension“. In ABC-Schutzanzügen mussten die Ermittler die Beweise sichern.

Zunächst hielten sie den Tunesier für einen Alleintäter, doch bald ergaben die Ermittlungen, wie groß die Rolle war, die seine Frau dabei spielte. Einige Wochen später wurde auch sie festgenommen.

Ein Gutachten ergab: Rein rechnerisch hätten durch die Giftmenge 13 500 Menschen sterben können. Bei der geplanten Verbreitung durch eine mit Stahlkugeln gespickten Streubombe wären es etwa 200 Tote gewesen.

Für den Sprengstoff war der Ehemann zwei Mal nach Polen gereist, um ihn aus illegalen sogenannten „Polenböllern“ zu gewinnen, angeleitet von seiner Frau. Gemeinsam habe das Paar auch einen Hamster für einen makaberen Tierversuch mit dem Rizin gekauft, den der Nager überlebte.

„Sie wollten den Dschihad in die westliche Welt tragen und in der deutschen Bevölkerung ein Klima der Angst und Verunsicherung schaffen“, sagte der Vorsitzende Richter Jan van Lessen.

Die Putzfrau und Helferin in einem Altenheim habe sich gezielt einen Salafisten als Ehemann gesucht. Sie sei bereits 2004 zum Islam konvertiert. Zuletzt habe sie von monatlich 2000 Euro staatlicher Zuwendungen gelebt. Aus religiösen Gründen habe ihre Tochter keinen Kindergarten besuchen dürfen und es sei Spielzeug aus der Wohnung entfernt worden.

In Chats des Messengers Telegram habe sich das Paar dann von mutmaßlichen Hintermännern des IS motivieren und anleiten lassen, Anschläge in Deutschland zu begehen, nachdem die Ausreise des Tunesiers nach Syrien gescheitert war.

Das Gericht zitierte Zeugenaussagen von Nachbarinnen, wonach die inzwischen 44-Jährige zu ihrem Sohn gesagt habe: „Wenn du mal groß bist, wirst du auch Attentäter und kannst dich in die Luft sprengen.“ Und: „Wenn Allah sagt, wir sollen töten, dann töten wir.“

Der Prozess ging am Freitag nach über einem Jahr und 49 Verhandlungstagen zu Ende. Er hätte schon vor Monaten beendet werden können, sagte Richter van Lessen. Die Verteidiger der 44-Jährigen hätten ihn unnötig in die Länge gezogen.

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