Telefonseelsorger in der Corona-Krise: Einsamkeit wird für psychisch Kranke zum Problem

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Noch ist die Zahl derer, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, gering. Ein Anstieg wird auch zu vermehrten Anrufen bei der Telefonseelsorge führen. Dort bereitet man sich vor.

Lünen, Dortmund

, 26.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

In Berlin gibt es eine spezielle Hotline, bei der Menschen explizit mit Fragen, Sorgen und Ängsten rund um das Coronavirus anrufen können. Hier gibt es das nicht. Erster Ansprechpartner ist weiterhin die Ökumenische Telefonseelsorge. Dort bereitet man sich darauf vor, dass die Corona-bedingten Anfragen zunehmen werden.

„Deutschlandweit gibt es bei den Telefonseelsorgen einen Anstieg von rund 50 Prozent, bei uns ist es noch nicht soweit“, berichtet Ingrid Behrendt-Fuchs, Leiterin der Telefonseelsorge für Dortmund, Lünen, Unna und Fröndenberg.

„Quarantäne zehrt an den Nerven“

Was man schon bemerke: „Die Quarantäne zehrt an den Nerven, die Leute melden sich deswegen.“ Einsamkeit sei ohnehin ein bestimmendes Thema bei den Anrufern der Telefonseelsorge. Durch Kontaktverbote und Quarantäne würde die Lage noch einmal dramatischer. Viele Anrufer leiden außerdem an psychischen Vorerkrankungen. Die verordnete Isolation ist für sie eine besondere Belastung.

Experten befürchten zudem, dass der Rückzug in die Kernfamilie, der durch Corona unabdingbar geworden ist, zu Eheproblemen und steigenden Fallzahlen im Bereich häuslicher Gewalt führen werden. Genau das ist in Wuhan passiert, dort, wo das Virus seinen Ursprung nahm.

Noch spiegele sich das bei der Telefonseelsorge nicht wider, sagt Behrendt-Fuchs. Gewalt sei aber ohnehin kein bestimmendes Thema dort. Auffällig sei, dass es über die Chatfunktion der Seelsorger häufiger angesprochen werde als am Telefon.

Seelsorger arbeiten trotz Coronavirus weiter

Die rund 80 extra ausgebildeten ehrenamtlichen Seelsorger bereiten sich jetzt explizit auch inhaltlich auf die kommenden Wochen vor. Arbeiten müssen sie alle, abgesehen vom Chat-Dienst, aus technischen Gründen aus der Zentrale in Dortmund. Nur wenige haben sich wegen der Corona-Krise zurückgezogen. „Ich bin berührt, wie viele den Mut haben, sich weiterhin bei uns zu engagieren“, sagt sie. In einer 3,5-Stunden-Schicht nimmt ein Ehrenamtlicher im Schnitt fünf bis sechs Anrufe entgegen: „Wir sorgen dafür, dass wir arbeitsfähig und unsere Ehrenamtlichen gesund bleiben.“

Die Hotline in Berlin sei hoffnungslos überlastet, sagt Behrendt-Fuchs, sie befürchtet, dass es sich mit der Telefonseelsorge hier genau so verhalten wird und Anrufer in der Warteschleife stecken bleiben. Vorausschauend sollte hier als Alternative auch eine staatliche Hotline geschaltet werden, meint sie.

Träger der Seelsorger ist zwar der evangelische Kirchenkreis in Dortmund, in der Beratung spielt Religion aber keine Rolle - es sei denn, Anrufer möchten explizit theologische Themen besprechen.

Die Telefonseelsorge ist unter den Telefonnummern (0800) 1110 111 und (0800) 1110 222 zu erreichen. Die Chat- und Mail-Funktion ist auf der Homepage unter www.telefonseelsorge-dortmund.de zu erreichen. Erreichbar sind die Gesprächspartner rund um die Uhr (auch an Feiertagen), die Gespräche sind anonym und vertraulich.

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