„Tatort: Ich hab im Traum geweinet“: Der radikalste Sonntagskrimi seit Langem

ARD-Krimi am Sonntag

Am Sonntag läuft der „Tatort: Ich hab im Traum geweinet“ in der ARD. Der Krimi überrascht mit viel Freizügigkeit. Dass der Film um 20.15 Uhr schon gezeigt werden darf, wundert.

Hannover

von Ernst Corinth

, 23.02.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) lassen sich im Tatort: „Ich hab im Traum geweinet"durch die tollen Tage treiben.

Die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) lassen sich im Tatort: „Ich hab im Traum geweinet"durch die tollen Tage treiben. © picture alliance/dpa

Beinahe das ganze Elend der Mann-Frau-Beziehung in einem 90-minütigen Film zu zeigen, ist schon ein sehr ambitioniertes Kunststück. Ob jedoch der „Tatort“ dafür das richtige Medium ist, muss am Sonntagabend (23.2.) jeder Zuschauer ganz allein mit seiner Fernbedienung entscheiden. Jedenfalls ist die von Jan Bonny inszenierte Schwarzwald-Folge „Ich hab im Traum geweinet“ (Drehbuch: Jan Eichberg) der radikalste und schmutzigste Sonntagskrimi, der seit Jahren gesendet wird.

Und dass er überhaupt schon um 20.15 Uhr zu sehen ist, grenzt fast schon an ein Wunder. Ein anderer ähnlich radikaler Fernsehfilm des 41-jährigen Regisseurs, „Barbarossaplatz“, hat die sich keusch gerierende ARD nämlich vor gut drei Jahren vorsichtshalber im späten Nachtprogramm versteckt. Und auch sein „Tatort: Borowski und das Fest des Nordens“ (2017) ist extrem verstörend gewesen.

Wer also Bonny verpflichtet, weiß eigentlich, worauf er sich einlässt: auf ungeschönte Bilder, auf Nacktheit, die nicht keusch versteckt oder weichgezeichnet wird, und auf Gewalt, die in ihrer ganzen Wucht und Hässlichkeit vorgeführt wird.

Auftaktleiche lässt lange auf sich warten

Auf die obligatorische Auftaktleiche muss der Zuschauer jedoch sehr lange warten. Und dann geschieht der Mord auch noch eher beiläufig, ja wie ein Unfall, der einfach mal passieren kann – vor allem wenn soviel Alkohol in der Luft liegt, wie in diesem „Tatort“. Er spielt nämlich zur Fastnacht, die hier wie ein unangenehm riechender Rausch aus Suff und Schweiß daherkommt.

Selbst die Straßenumzüge der Narren scheinen alles andere als lustig, wenn dabei beispielsweise von maskierten Narren auf Passanten mit Stöcken, an denen Schweins- und Rinderblasen befestigt sind, wild eingedroschen wird.

Gleich zu Anfang erwischt es ein Pärchen mit Kind. Opfer der närrischen Prügelei ist die Frau, während ihr Mann David ihr nur sehr halbherzig zur Hilfe kommt. Dabei handelt es sich um Romy, die als eigenwillige Krankenschwester in einer Kleinstadt in einer Schönheitsklinik arbeitet, wo auch ihr Lebensgefährte als Arzt beschäftigt ist.

Gespielt wird sie von der in Russland geborenen und in Bochum großgewordenen Darja Mahotkin, der Entdeckung dieses „Tatorts“. Und auch ihr überzeugend agierender Partner, Andrei Viorel Tacu, ist ein weitgehend unbekanntes Fernsehgesicht.

Nach dieser Auftaktszene geht’s dann aber erst richtig in die Vollen: Man sieht unter anderem Romy bei ihrer früheren Beschäftigung in Karlsruhe, wo sie als Prostituierte gearbeitet hat. Und man sieht sie im heftigsten Stellungskrieg mit ihren Freiern.

Ermittler geben sich die Kante

Danach folgt ein radikaler Schnitt auf eine Liebesszene mit ihrem jetzigen Partner, während fast gleichzeitig die beiden Freiburger Ermittler, Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner), vermutlich in ihrem Kommissariat ausgelassen Fastnacht feiern und sich dabei, man kann es nicht besser sagen, die Kante geben.

Kurz danach landen sie im Bett, was sehr freizügig gezeigt wird. Und am nächsten Morgen wirkt Berg ein wenig bedröppelt und verunsichert, während sie das bisschen Sex eher locker nimmt.

Diese nackte Ehrlichkeit macht den „Tatort“ sehenswert

Dann nach 20 oder 30 Minuten geschieht endlich ein Mord. Romy hat in ihrem Krankenhaus einen alten Kunden, einen Richter aus Karlsruhe, wiedergetroffen, sich mit ihm spontan zum Sex im Hotel verabredet, und auch der läuft nicht ohne Gewalt ab. Und am nächsten Morgen wird der Richter erschlagen in seinem Zimmer aufgefunden.

Natürlich ist Romy schnell die Hauptverdächtige, doch beileibe nicht die einzige, aber eigentlich ist die Auflösung des Falls ziemlich egal. Regisseur Bonny geht’s in seinem Film halt nicht wie in Krimis üblich um Mord und Mordermittlung, sondern er will in ihm vor allem zeigen, was sich hinter all den künstlichen Fassaden der Menschen verbirgt, die sich bei den gezeigten Sauf- und Maskenorgien ausleben. Das ist eben nicht immer schön. Und selbst die auch vorhandene Sehnsucht nach Liebe, die bisweilen aufleuchtet, kommt ziemlich schmutzig daher und erlischt stets tragisch.

Diese nackte Ehrlichkeit macht den Film so sehenswert und interessant. Und auch die Titelmusik nach einem Gedicht von Heinrich Heine und gespielt sowie gesungen vom Jazz-Performer Jens Thomas ist hörenswert und natürlich extrem. Aber mit einem klassischen „Tatort“ hat der Film dennoch nicht allzu viel zu tun. Was ja nicht weiter schlimm ist.

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