Social Media als Beobachter: Videos zeigen teils gewaltsames Vorgehen der US-Polizei

Polizeigewalt

Bei den Protesten in den USA spielen die sozialen Medien eine wichtige Rolle. Sie dokumentieren neben Demos und Plünderungen auch das teils gewaltsame Vorgehen der Polizei gegen die Protestierenden.

Washington

02.06.2020, 17:09 Uhr / Lesedauer: 4 min
Zwei Polizisten knien in Anaheim über einem am Boden liegenden Demonstranten, der als Mundschutz eine halbe Clownsmaske trägt.

Zwei Polizisten knien in Anaheim über einem am Boden liegenden Demonstranten, der als Mundschutz eine halbe Clownsmaske trägt. © picture alliance/dpa

Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd gehen in den USA Nacht für Nacht Tausende Menschen auf die Straßen. Ihr Ziel: Protest gegen die Polizeigewalt, die sich nicht erst seit dem Tod Floyds immer wieder gegen die schwarze Minderheit richtet.

Eine bedeutende Rolle bei diesen Protesten spielen seit Beginn auch die sozialen Medien. Beinahe im Sekundentakt liefern Nutzer beim Kurznachrichtendienst Twitter Bilder und Videos. Und sie zeigen neben friedlichen Protesten, Gewalt und Plünderungsszenen vor allem eins: das schockierende Ausmaß von Polizeigewalt in den USA.

Auf unzähligen Videos und Fotos ist zu sehen, wie Polizisten Medienvertreter angreifen, beschießen oder mit Pfefferspray besprühen, Demonstranten umtreten, Schwangere beschießen oder Waffen sogar auf Kinder und deren Eltern richten. Ein Überblick der erschreckendsten Szenen.

Polizeiauto rast in Menschenmenge

Eines der am weitesten verbreiteten Videos stammt vom Nutzer @pgarapon und wurde am 31. Mai innerhalb weniger Stunden zigtausendfach geteilt. Es zeigt ein Polizeiauto des NYPD, das von Demonstranten in New York mithilfe einer Straßenabsperrung umstellt und mit Gegenständen beworfen wird. Kurze Zeit später ist zu sehen, wie ein weiterer Polizeiwagen zu Hilfe eilt – er drängt sich mit Blaulicht und Sirene durch die Menschenmenge.

Der Polizist im anderen Wagen gibt daraufhin Gas und fährt mit voller Wucht in die umstehende Menschengruppe – einige Demonstranten gehen zu Boden. Auf einem anderen Video, das die Perspektive von der Straße zeigt, ist deutlich zu hören, wie die Menschen panisch aufschreien.

Bürgermeister Bill de Blasio sagte später, der Vorfall werde untersucht. Er betonte jedoch, dass die Beamten „möglicherweise keine andere Wahl hatten“.

Tränengas bei friedlicher Demo

Ein Video des Journalisten Andrew Springer vom 2. Juni zeigt, wie die Polizei bei friedlichen Protesten am Weißen Haus Tränengas einsetzt. Hintergrund der Attacke war offenbar, den Weg für Präsident Donald Trump zu räumen.

US-Medien zufolge begab sich Trump zu dieser Zeit zu Fuß zu einer nahe dem Weißen Haus gelegenen Kirche, die bei Protesten am Vorabend durch ein Feuer beschädigt und mit Graffiti beschmiert worden war. Dort posierte der US-Präsident mit einer Bibel in der Hand für Fotos, beantwortete jedoch keine Fragen der Journalisten.

Polizei beschießt schwangere Frau

Der Fotojournalist Jay Janner dokumentiert einen Fall aus Austin. Hier soll die Polizei mit Gummigeschossen mehrfach auf eine schwarze schwangere Demonstrantin geschossen haben.

Augenzeugen berichten der Zeitung „Texas Monthly“, man habe der Frau in den Bauch und als sie auf dem Boden aufschlug zweimal in den Rücken geschossen. Die Frau habe immer wieder „Mein Baby, mein Baby“ geschrien. Passiert ist dem Kind offenbar glücklicherweise nichts – das bestätigte ihr Mann später im Text einer „Go fund me“-Kampagne.

Polizei nimmt friedlichen Demonstranten fest

Zu einer besonders bizarren Szene kam es am Wochenende in Charleston in South Carolina. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Mann zusammen mit anderen Demonstranten einer großen Gruppe von Polizisten gegenübersteht und sagt: „Ich bin nicht euer Feind. Ihr alle seid meine Familie. Ich liebe jeden Einzelnen von euch. Ich möchte euch alle verstehen. Ich würde gerne die beste Seite von allen hier sehen.“

Kurz darauf allerdings ist zu sehen, wie einige Polizisten aus der Menge hervortreten, auf den Mann zukommen, ihn am Arm packen und ihn abführen. Die Menge ist entsetzt: „Wollt ihr uns verarschen?“, schreit beispielsweise eine Frau.

Wie die regionale Zeitung „The Post and Courier“ berichtet, sollen die Polizisten dem Mann sogar Handschellen angelegt haben. In einem Interview mit der Zeitung sagt der 23-Jährige, man habe ihn ins Bezirksgefängnis gebracht, wo er die Nacht verbringen musste. Der Grund: Er habe gegen die rechtmäßige Ordnung verstoßen.

Der Polizeichef von Charleston verteidigte die Reaktion gegenüber der Zeitung: Vor der Videoaufzeichnung habe es einen „angespannten Protest“ gegeben, die Gruppe sei daraufhin aufgefordert worden, sich zu trennen. „Wir haben mehrfach ausdrücklich darum gebeten, dass sie sich trennen. Wir haben ihnen gesagt, wenn sie das nicht tun, werden sie verhaftet.“

Polizist hält Waffe auf kleines Mädchen

Der Journalist Richard Grant postete ein selbst geschossenes Foto aus Long Beach, Kalifornien, auf Twitter. Darauf ist zu sehen, wie ein kleines Mädchen auf den Schultern eines schwarzen Mannes sitzt, während diesem von einem Polizeibeamten die Waffe vor den Kopf gehalten wird.

Nach Angaben Grants wurde das Bild am Sonntagabend aufgenommen, bei der Waffe habe es sich um ein Gewehr für Gummigeschosse gehandelt. Abgefeuert habe der Polizist diese aber nicht.

Polizist tritt Demonstrantin um

Erschreckende Szenen sind auch auf einem Video von @the7goonies zu sehen. Er postete ein vielfach geteiltes Video, auf dem ein Polizist eine am Boden sitzenden Demonstrantin brutal umtritt. Twitter-Nutzern zufolge hat sich der Vorfall in Erie, Pennsylvania, abgespielt.

Gegenüber der Regionalzeitung „The Patriot-News“ gab die Frau später an, sie sei „zu 100 Prozent friedlich“ gewesen – sie habe nur „ihr Recht zu demonstrieren“ nutzen wollen.

Polizist zeigt rassistische Geste

Auf einem Video des Twitter-Nutzers @chadloder ist zu sehen, wie ein Polizist bei Protesten in New York gegenüber Demonstranten eine rassistische Geste zeigt. Bei der Handbewegung handelt es sich um das „White Power“-Zeichen, vergleichbar mit der „Okay“-Geste. Es wird von rassistischen Gruppen instrumentalisiert, um eine angebliche „weiße Macht“ darzustellen.

Als der Polizeikollege des Mannes die Handbewegung erkennt, lächelt dieser. Wie die „Daily Mail“ berichtet, hat sich das NYPD bislang nicht zu dem Vorfall geäußert.

Gewalt gegen Medienvertreter

Immer wieder kommt es bei den Demonstrationen auch zu Gewalt von Polizeibeamten gegenüber Medienvertretern. Ein Video der Deutschen Welle aus Minneapolis zeigt, wie Polizisten auf ein Presseauto der Reporter schießen.

Laut DW-Reporter Stefan Simons sei das bereits der zweite Fall innerhalb kurzer Zeit. Zu den Schüssen sei es gekommen, nachdem er und seine Crew aufgefordert worden waren, den Ort zu verlassen und wegzufahren. Kurz nachdem sie ins Auto gestiegen waren, schoss die Polizei auf das Team.

Bereits am Tag zuvor sei Simons‘ Team von der Polizei beschossen worden, in einem anderen Fall sei ihm auch die Verhaftung angedroht worden, berichtet er.

Über ähnliche Fälle berichtet CNN-Reporter Josh Replogle auf Twitter. Er schreibt: „Ein Video von der Polizei, die mich in D.C. verletzt hat. Ich habe eine CNN-Kamera unterstützt, die Polizei wusste, dass ich von der Presse bin. Ich stand an der Seite und habe versucht, die Polizisten vorbeigehen zu lassen. Die Polizei hielt mich fest, ein Polizist schlug mit einem Schlagstock auf mein Knie, während ein anderer Polizist mich festhielt. Ich bin verletzt, aber okay.“

Auf einem Video von „Vice News“ aus Minneapolis ist zu sehen, wie ein Reporter offenbar an einer Tankstelle auf die Knie geht und die Hände erhebt, während Polizisten mit gezogenen Waffen auf ihn zukommen. „Ich bin von der Presse“, ruft der Journalist mehrmals, wird dann von einem Polizisten brutal zu Boden geworfen. „Okay, ich geh runter“, sagt der Reporter.

Die Polizisten laufen mit gezückten Waffen und Schlagstöcken das Gebiet ab, als sie wieder näher kommen, wiederholt der Mann: „Ich bin von der Presse.“ Beenden kann er seinen Satz jedoch nicht – ein Polizist sprüht ihm umgehen Pfefferspray ins Gesicht. Danach ist zu sehen, wie der Mann hustend am Boden liegt.

RND