Schüsse bei Wohnungsdurchsuchung: SEK-Beamter getötet

Bei Ermittlungen wegen Drogendelikten will die Polizei eine Wohnung durchsuchen. Doch der Beschuldigte schießt auf die SEK-Beamten. Ein Schuss trifft einen 28-jährigen Polizisten der Spezialeinheit tödlich - trotz Schutzkleidung und Schulung für solche Situationen.

29.04.2020, 10:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Weil sie ahnten, dass der Einsatz gefährlich werden könnte, wollten sich die Polizisten wappnen - und verloren doch einen Kollegen: Ein 28-jähriger SEK-Beamter aus Münster ist bei einer Wohnungsdurchsuchung in einer Siedlung in Gelsenkirchen am Mittwochmorgen von der Kugel eines Beschuldigten getroffen worden. Kurz nach dem Einsatz starb er im Krankenhaus.

Die Spezialeinsatzkräfte (SEK) waren hinzugezogen worden, um bei der Vollstreckung eines Durchsuchungsbefehls in einem Drogendelikts-Verfahren mitzuhelfen. „Uns lagen Hinweise vor, dass der Beschuldigte über eine Waffe verfügt“, sagt Polizeisprecher Christopher Grauwinkel am Mittwoch in Gelsenkirchen. Die für solche Situationen vorbereiteten, mit Westen und Helmen ausgestatteten Kollegen des SEK waren deshalb eingebunden worden. Sie sollten helfen, die Wohnung sicher zu betreten.

Was die Drogenfahnder dem 29-Jährigen Gelsenkirchener genau vorwerfen, dazu machten die Behörden zunächst keine Angaben. Nur so viel: Bis dahin sei der Mann der Polizei nicht bekannt gewesen. Nun wird nicht nur wegen Drogenbesitzes und -handels gegen den Gelsenkirchener ermittelt, sondern auch wegen der Tötung eines Polizisten.

Am Mittwochmorgen gegen 6 Uhr soll er mit einer Schusswaffe zwei Mal auf die SEK-Beamten geschossen haben. Laut Polizeigewerkschaft sollen die Schüsse beim Öffnen der Wohnungstür gefallen und durch das Türblatt gegangen sein. Einer verfehlte die Truppe, ein anderer traf den jungen Kollegen, wie Grauwinkel berichtet. Die angegriffenen Polizisten hätten das Feuer erwidert, aber den Tatverdächtigen nicht getroffen. „Danach hat er sich widerstandslos festnehmen lassen.“ Wo genau die Kugel den SEK-Polizisten traf, dazu wollte der Polizeisprecher keine Angaben machen. Der junge SEK-Mann wurde noch ins Krankenhaus gebracht, berichtet er. Doch dort erlag er der Verletzung.

„Die Schutzkleidung schützt nicht den ganzen Körper“, sagt Grauwinkel. „Auch geschulte Spezialkräfte können nun mal bei einem solchen Angriff verletzt werden.“ Wie sich die Tat im Detail ereignet hat, das ermitteln nun Polizisten aus Krefeld - aus Neutralitätsgründen haben sie den Fall übernommen.

Flatterband ist am Vormittag quer durch den Garten des Mehrfamilienhauses mit brauner Klinkerfassade gespannt. Polizisten der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen gehen ein und aus, sammeln hinter der geöffneten Tür zum Treppenhaus Beweise, um den Tathergang zu rekonstruieren. Der mutmaßliche Schütze wohnte in der Dachgeschosswohnung. Am Fenster jault ein Hund, der zum 29-Jährigen gehören soll.

Die nordrhein-westfälische Polizei reagierte betroffen auf den Verlust des noch jungen Kollegen. Umgehend taten viele Dienststellen in den sozialen Medien ihre Bestürzung kund und sprachen den Angehörigen ihr Beileid aus. „Wir sind unendlich traurig“, hieß es da. Oder: „Wir trauern mit den Angehörigen.“ Die Profilbilder der Polizei bei Facebook und Twitter trugen als Ausdruck der Anteilnahme schwarze Trauerflor-Balken. Auch für die Streifenwagen des Landes wurde Trauerflor angeordnet.

Als oberster Dienstherr sprach Innenminister Herbert Reul (CDU) von einem „schwarzen Tag“ für die NRW-Polizei. Der Tod des jungen Mannes führe schmerzhaft vor Augen, welches Risiko Polizisten jeden Tag eingehen, um die Bürger zu schützen. „Ihr Beruf ist lebensgefährlich, das wissen wir. Umso erschreckender und gnadenloser trifft uns der Tod dieses Kollegen. Heute stehen alle Beschäftigten der Polizei Nordrhein-Westfalens in Trauer vereint als Polizeifamilie zusammen.“

„Wir wissen alle, dass sich die Polizistinnen und Polizisten, die uns vor Straftätern schützen, selber in Gefahr begeben. Trotzdem macht uns der Tod unseres Kollegen fassungslos“, teilte der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Michael Maatz, mit. „Mit 28 Jahren stand er erst am Anfang seines Lebens, das jetzt so abrupt beendet worden ist.“ Gezielte Schüsse auf Polizisten, um sich der Strafverfolgung zu entziehen, seien als Mord zu bewerten und müssten entsprechend bewertet werden. Ähnlich äußerte sich Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Eine derartige Tat sei von niedrigen Beweggründen geprägt, „eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Täter würde nicht außer Verhältnis zur Tat stehen.“

Die Ermittlungen dauern an. Nach der Durchsuchung der Wohnung teilte die Polizei am Mittwochabend mit, dort Marihuana im Wert von 1000 Euro sowie geringe Mengen weiterer Drogen gefunden zu haben; dazu eine größere Menge Bargeld, einen scharfen Revolver, mehrere Luftgewehre, Messer und selbstgebaute Pyrotechnik. Erst am Donnerstag sollte der Tatverdächtige einem Haftrichter vorgeführt werden.

Weitere Meldungen