Weniger Personal, längere Öffnungszeiten, mehr zufriedene Kunden - und das durch den Einsatz von Security und ehrenamtlichen Helfern. Ob diese Rechnung aufgehen kann für die Stadtbibliothek?

Selm

, 07.06.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist der 10. März. Ein Tag, an dem das Wort Corona zwar schon zum allgemeinen Wortschatz gehört, aber noch niemand ahnt, welche Folgen dieses krank machende Virus noch mit sich bringen würde. Als Verwaltungsmitarbeiter und Schulpolitiker in Selm noch über zusätzliche Papierhandtücher und Seifenspender für die Schulen sprechen. Und über die Personalsituation der Stadtbücherei. Sechs Tage später werden alle Schulen geschlossen. Die Stadtbücherei ebenfalls. Das damals dort Gesagte hallt aber noch nach. Bis heute.

Mit weniger mehr erreichen: Geht das?

Der Titel der Untersuchung hört sich spröde an: „Durchführung einer Organisationsuntersuchung der Stadtbibliothek Selm“. Was Joshua Reichel unter dieser Überschrift berichtet, rüttelt die Mitglieder des Ausschusses für Schule, Kultur und Sport an diesem Märztag aber auf. Der Mitarbeiter des international tätigen Beratungsunternehmens Rödl und Partner mit Sitz in Nürnberg will bei der Stadtbibliothek mit weniger mehr erreichen. Die Kommunalpolitiker reagieren mit Skepsis.

Im Dezember 2018 hatte die Bibliothek im neuen Outfit geöffnet.

Im Dezember 2018 hatte die Bibliothek im neuen Outfit geöffnet. © Sabine Geschwinder

Die Stadt hatte sich den Rat des Beratungsbüros nicht ganz freiwillig eingeholt. Die Gemeindeprüfungsanstalt hatte den Impuls dazu gegeben. Als überschuldete Stadt im Stärkungspakt muss Selm nach Möglichkeiten suchen, zu sparen und gleichzeitig effizienter zu werden - auch in der Bib, wie Selmer ihre Stadtbibliothek meistens liebevoll nennen.

Es geht darum, dass die Bib „zukunftssicher bleibt“

„Es soll sichergestellt werden, dass die Bib zukunftssicher bleibt“, sagt Sylvia Engemann: eine Formulierung, die Christina Grave-Leismann Sorgen macht: „Heißt das dann umgekehrt, dass die Bib dicht gemacht wird, wenn die empfohlenen Maßnahmen nicht umgesetzt werden?“ Sie fühle sich da „völlig überrollt“. Dr. Matthias Reintjes von der Gemeindeprüfungsanstalt versucht zu beruhigen. Der Auftrag zur Untersuchung sei „völlig ergebnisoffen“ erteilt worden. Der Ausschuss solle Vorschläge reifen lassen.

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Dazu gehört die Idee, die Öffnungszeiten der Bib großzügig zu erweitern. Auch in den Abendstunden und samstags sollen die Türen zu dem Treffpunkt am Willy-Brandt-Platz 5 offen stehen - und das, obwohl gleichzeitig der aktuelle Personaleinsatz reduziert werden soll.Wie kann das gehen? Reichels Antwort: durch die Einführung des Konzept der „open library“, der offenen Bibliothek.

Offene Bibliotheken in Dänemark sind das Vorbild

In Schweden und den Dänemark ist das Konzept der „offenen Bibliothek“ bereits seit Jahren verbreitet. Inzwischen greift es auch In Deutschland im sich: Öffentliche Bibliotheken können auch außerhalb der personalbesetzten Kernöffnungszeiten genutzt werden trotz eines beschränkten Budgets. Das ist möglich durch das Prinzip Selbstbedienung - und durch Überwachung. Während der Open Library-Zeiten können zur Sicherheit Kameras das Geschehen im Gebäude aufzeichnen. Nur Menschen mit gültigem Nutzerausweis könnten es betreten. Zusätzlich führe ein Wachdienst Kontrollen durch.

Eine andere Idee, um die Bib im Wandel von der Ausleihstelle zu einer Begegnungsstätte stärker voranzubringen: Kinderbetreuung am Samstagvormittag. Ehrenamtlich oder auf Honorarbasis könnten Helferinnen und Helfer Kinder in der Bib betreuen, während deren Eltern in Selm einkaufen gingen. Die Kaufleute, meint Reichel, würden das bestimmt durch Sponsoring unterstützen. Und die Bibliothek erhalte Kunden, die sie bislang nicht hatte.

Ehrenamtliche Kräfte einbinden - wie anderorts auch

Ob für diese Betreuung oder für weitere Aktionen: Die Bib müsse sich stärker vernetzen, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen und, wie der Berater es nennt, „externe Ressourcen gewinnen“. Aktuell, so seine Feststellung, würden in der Selmer Bib gar keine Ehrenamtlichen eingesetzt, anders als es in anderen Bibliotheken üblich sei.

Zum Zeitpunkt von Reichels Analyse gibt es in der Bib 2,69 Vollzeitstellen. Nach der Umsetzung des von ihm erarbeiteten Maßnahmenkatalogs wären es nur noch 2,15. Von Personalabbau will Jutta Röttger von der Stadt Selm dennoch nicht sprechen. Im Gegenteil: Im Stellenplan seien lediglich zwei Stellen vorgesehen. Das sei befristet aufgestockt worden.

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Im Bereich der EDV will das neue Konzept das Personal entlasten: durch Outsourcing der Bibliotheksfachsoftware. Das garantiere störungsfreie Arbeitsabläufe. Wenn es künftig um Software gehe im Arbeitsalltag, dann um die für die Kunden: etwa um Streaming-Dienste oder Computerspiele.

Kritik aus der Politik

Daniela Volle von „Wir für Selm“ bleibt skeptisch. „Wir sollten die Stellen von 2,69 auf 3,69 aufstocken und nicht abbauen“, sagt sie. Auch Thomas Orlowski (SPD) findet es sinnvoller, in Fachpersonal zu investieren als in fachfremde Security-Leute.

Die Kinderbetreuung an Samstagen kommt auch nicht gut an: „An sich ist das toll, aber dafür ist doch nicht unsere Bibliothek da.“, sagt Daniela Volle. Das Ehrenamt werde „immer mehr ausgenutzt“, fügt Christina Grave-Leismann (Grüne) hinzu.

Margit Breiderhoff, die Leiterin kündigt an, die Berechnungen der Berater „noch einmal prüfen“ zu wollen. Neuen Ideen wolle sie sich nicht verschließen. Eines sei aber klar: „Kernaufgaben der Bibliothek aufgeben: Das mache ich nicht.“

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