Neuer Besitzer von Schwerter Schrottimmobilie wohnt in Bangladesch

dzReichshofstraße

Eine Schrottimmobilie in Westhofen, eine Firma, deren Firmensitz ein Haus mit Bordell in Manchester ist und ein Firmenchef mit Adresse in Bangladesch – die Geschichte wirkt wie ein Krimi.

Schwerte

, 22.09.2020, 13:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer am Haus an der Reichshofstraße 95 nur vorbeifährt, sieht nicht viel Neues. Das fast 200 Jahre alte Backsteinhaus ist weiterhin verfallen, Fenster zugenagelt und die Fassade schief und beschädigt. Wer aber genauer hinsieht, entdeckt ein einfaches Schild in der Tür hinter dem Bauzaun. Dieses Objekt ist vermietet.

Was der Besitzer, eine britische Firma, damit bewirken will, ist unklar. Wahrscheinlich ist aber, dass es nur ein Statement sein soll.

Gesetzeslücke macht es möglich

Denn dass die Firma, die das Haus im Herbst vergangenen Jahres ersteigert hat, die Immobilie auch bezahlen wird, ist zumindest nicht sicher. Eine Gesetzeslücke macht es nämlich möglich, dass man eine Immobilie ersteigert und dann als neuer Besitzer gleich weiter vermietet, bevor man auch nur einen Cent bezahlt hat.

Das geht allerdings nur dann, wenn es sich um Schrottimmobilien mit geringem Wert handelt. Denn normalerweise muss man bei der Versteigerung zehn Prozent des Verkehrswertes als Sicherheitsleistung hinterlegen.

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Doch wer mietet ein Gebäude, das halb verfallen ist, komplett unter Denkmalschutz steht und eigentlich noch nicht einmal betreten werden kann?

Peter Jürgens ist der Gläubiger, der die Zwangsversteigerung des Hauses im vergangenen Jahr beantragt hatte. Und er glaubt, dass hier weder ein Mieter mit ernsten Absichten im Spiel ist noch, dass der neue Besitzer jemals das Haus bezahlen wird. Und dafür gibt es deutliche Anhaltspunkte. Denn nach dem Kauf des Hauses änderten sich die Besitzverhältnisse und der Name der Pegasus Property Nr 8. Das Unternehmen hat jetzt den schmucklosen Namen „11998391 LTD“.

Und neuer Direktor ist ein Pakistani, der keine Zustelladresse mehr in Deutschland oder Großbritannien, sondern in Bangladesch hat.

Gläubiger: „Gerichtspost muss nach Bangladesch zugestellt werden“

„Bisher gab es in Deutschland ein Zustelladresse“, erklärt Jürgens. Wenn man jetzt die Firma unter Druck setzen oder verklagen wolle, müsse man in Bangladesch zustellen. Ob das formell überhaupt möglich sei, wisse er nicht.

Ohnehin ist die 11998391 LTD nur eine von einer ganzen Reihe englischer Firmen, die immer wieder ihren Besitzer und Geschäftsführer wechseln und miteinander offensichtlich verwoben sind. Die Adressen dazu gehören meist zu englischen Postfächern.

Als die Firma noch Pegasus Nr. 8 hieß, hatte sie ihren Firmensitz in einem Haus mit einem Bordell und einem Kramladen in Manchester. Die 11998391 LTD gibt als Firmenadresse ein Postfach in London an. Ab 110 Pfund kann man hier für ein Jahr lang eine Londoner Adresse mieten, aus der nicht auf Anhieb sichtbar ist, dass es sich nur um ein Postfach handelt.

Virtuelle Büros, die Briefe und Anrufe weiterleiten oder beantworten hat man in der 27 Old Gloucester Street auch im Angebot.

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Für die Stadt Schwerte kann dies ein großes Problem werden. Denn was passiert, wenn das Haus baufällig wird und man eingreifen muss? „Dann müsste man sich die Kosten dafür in Bangladesch wiederholen“, schätzt Jürgens. Denn auch die Zwangsvollstreckung müsste dort zugestellt werden und nicht bei der Firma selbst in London.

Die Masche dahinter kann man nur vermuten

Ob eine Masche hinter dem großen Aufwand steckt? Das kann man nur vermuten. Das Gebäude soll übrigens von einem Deutschen für die britischen Firmen ersteigert worden sein.

Was passieren kann, zeigen ähnliche Fälle: Oftmals hatten ausländische Firmen jahrelang nicht gezahlt, bis andere Immobilien ausreichend verfallen und der Denkmalschutz erloschen war. Dann stimmten die Besitzerfirmen doch neuen Zwangsversteigerungen zu.

Da das Gebäude aber langfristig vermietet ist, lohnt es sich für normale Investoren nicht, die Schrottimmobilie zu ersteigern. Schließlich will niemand aufwendig die Mieter herausklagen oder finanziell abfinden. Also tritt erneut eine britische Firma auf, die dann das Gebäude für einen Mindestpreis ersteigert.

Die Mieter, meist auch britische Firmen aus dem selben Firmengeflecht, lösen wie von Geisterhand die Mietverträge auf und man verfügt über ein Grundstück für einen Spottpreis.

Lediglich an der Tür steht ein kopierter Zettel mit dem Vermerk: Dieses Objekt ist vermietet und einer Telefonnummer.

Lediglich an der Tür steht ein kopierter Zettel mit dem Vermerk: Dieses Objekt ist vermietet und einer Telefonnummer. © Heiko Mühlbauer

Was Jürgens besonders ärgert: „Das hat man doch schon bei der Zwangsversteigerung gewusst.“ Besonders ärgerlich für ihn: Auch die städtische Immobiliengesellschaft wollte das Haus ersteigern. Als der deutsche Bevollmächtigte der Pegasus Property Nr. 8 aber 40.000 Euro geboten hatte, gab man auf. Bislang wurde von den 40.000 Euro noch nichts bezahlt.

Das musste der Kunde allerdings auch nicht. Denn Jürgens fechtet das Ergebnis der Zwangsversteigerung an.

Eine schriftliche Anfrage der Redaktion an die im Fenster genannte E-Mail-Adresse des Verwalters – einer Firma mit Sitz am Niederrhein – wer denn die Mieter seien und was sie mit dem Objekt planen, blieb bislang unbeantwortet.

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