Schimanski-Erfinder Hajo Gies: "Die alten TV-Kommissare waren Patriarchen"

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Als Miterfinder des Tatort-Kommissars Horst Schimanski schrieb Hajo Gies ein Stück deutscher TV-Geschichte. Im Interview erklärt er, warum die Reihe Anfang der 80-er einen Neustart brauchte.

17.11.2020, 12:29 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der gebürtige Lüdenscheider Hajo Gies revolutionierte den deutschen Krimi. Gemeinsam mit seinem Bruder Martin und dem Autor Bernd Schwamm schuf er den Duisburger Kult-Kommissar Schimanski und etablierte eine neue Form des Erzählens in der Tatort-Reihe. Im Gespräch erklärt der Regisseur wie es dazu kam.

? Herr Gies, wie stark fühlen sie sich mit dem Tatort noch verbunden?

Der Tatort hat einen großen Teil meines Lebens bestimmt. Dabei war das damals noch nicht absehbar. Die Zukunft des Tatorts stand 1979 auf der Kippe. Damalig waren die Zuschauerzahlen stark eingebrochen. Bei der produzierenden Bavaria suchte man etwas Neues, was den Tatort wieder nach vorne bringen sollte in der Zuschauergunst.

Die alten TV-Kommissare waren Patriarchen wie Horst Tappert oder Erik Ode, die eine fast göttliche Aura umgab. Sie schwebten über dem Geschehen. Wir wollten aber keine reinen Funktionsträger mehr, sondern Menschen mit denen man sich identifizieren sollte.

Unser Kommissar sollte nicht einfach nur ein „Abfrager“ bei der Spurensuche sein, sondern auch Emotionen zeigen. Er sollte dem Zuschauer vermitteln, wenn ihm etwas nicht passt, was er da von einem Zeugen gerade hört. Und das Ganze konnte am besten gelingen, wenn wir akzeptierten und nutzten, was diese Serie eigentlich war – eine Polizeiserie. Dramaturgisch bedeutet das, dass sie ausschließlich aus der Sicht der Polizei erzählt werden musste.

Der Zuschauer erfährt sukzessive nur das, was auch die Polizei weiß. Der Kommissar ist der Macher. Er sollte nicht fehlerlos sein, aber ehrlich und integer, eine moralische Institution. Schimanski - den Namen hatte Bernd Schwamm in einem Duisburger Telefonbuch gefunden - war seinerzeit etwas total Neues. Das lag nicht nur allein an Götz George und seiner Rolle, sondern auch an der Ästhetik und Erzählweise. Das hatte man so im TV-Krimi noch nicht gesehen.

? Welche Vorbilder gab es für die Figur Schimanski?

In deutschen Krimis hatte man zu der Zeit Schauspieler wie Heinz Drache oder Hansjörg Felmy als Ermittler. Unsere Vorbilder waren damals andere als die, die man im deutschen Fernsehen sah. Die Idole kamen aus dem Kino. Das waren Clint Eastwood, Jean-Paul Belmondo oder Lino Ventura.

Wir wollten da hingelangen, wo das US-Kino schon jahrzehntelang war. Wir hatten natürlich viele Vorbilder. Regisseur Don Siegel zum Beispiel. Und ich für meinen Teil die Regisseure der Nouvelle Vague wie Claude Chabrol. Deutsche Filme waren zu der Zeit noch viel zu bieder. Dieser Umstand hatte Bernd Schwamm und mich schon während unserer Zeit an der Filmhochschule geärgert. Als Bernd dann bei der Bavaria die Serienabteilung übernommen hatte, war das eine willkommene Gelegenheit, da frischen Wind rein zu bringen.

? Wie ergab sich die Auswahl von Götz George als Darsteller des Kommissars?

Götz George war in den 1950er-Jahren ein Star in den deutschen Heimatfilmen und den Karl-May-Verfilmungen gewesen, aber der Neue Deutsche Film konnte mit ihm nichts anfangen. Um 1980 hatte er daher beruflich gerade nicht so viel zu tun. Das lag daran, dass die Vertreter des Neuen Deutschen Films ihn als Darsteller nicht beachteten.

Weder Fassbinder, noch Volker Schlöndorff wären auf die Idee gekommen, George in ihren Filmen zu besetzen. Denn Götz George wurde jenen zugerechnet, die ihre großen Erfolge mit Filmen hatten, die man damalig „Papas Kino“ nannte.

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Vom Alter her gehörte Götz George nicht in die Sparte von "Papas Kino", aber er gehörte halt zum alten Kino, das sich immer noch an den Filmen der 1950er-Jahre orientierte. Da war die Besetzung Georges für uns schon eine Sache, die anderen in der Zeit völlig gegen den Strich vorkam. Was wir brauchten, war jemand, der als Held taugte, der Actionszenen machen konnte und ebenso auch Gefühle glaubhaft darstellen musste. Götz war ein unheimlicher Glücksfall für uns. Er entwickelte die Figur Schimanski in einem Maße weiter, das weit darüber hinausging, was wir auf dem Papier hatten.

? Nach der Erstausstrahlung des Schimanski-Debüts „Duisburg Ruhrort“ waren die Kritiken vernichtend.

Wenn wir gute Kritiken gehabt hätten, dann hätten wir was falsch gemacht. Wir wollten Aufmerksamkeit erregen, die Leute provozieren. Wenn man die alten Tatort-Filme vorher gut fand, dann konnte man unseren Beitrag schließlich nicht gutheißen. So waren wir hoch erfreut, dass die Bild am Sonntag gegen uns feuerte. Die hatten damals drei Seiten dafür aufgebracht. Da hieß es zum Beispiel: „Das Ruhrgebiet kocht!“ oder „Weg mit diesem Schmudellkommissar!“ - Das war fantastisch!

? Von Seiten der Stadt Duisburg gab es damals auch Beschwerden?

Natürlich! Die Stadt Duisburg hat es bis heute noch nicht begriffen, dass Schimanski eine riesen Reklame für sie bedeutet hat. Ich glaube, dass sich die Stadt immer noch für Schimanski schämt. Die wollten sogar, dass wir im Abspann die Danksagung an sie rausnehmen. Den Unterschied zwischen der Realität und der Filmrealität hatte man da nicht verstanden: Schimanskis Duisburg war ja nur eine Imitation der realen Stadt, eine Fiktion.

? Und das, obwohl es mittlerweile eine Horst-Schimanski-Gasse in Duisburg gibt...

Ja, die Sache mit der Benennung war ein totaler Witz: Da hatte man sich von Seite der Duisburger Politik lange gegen gewehrt. Es wurde so argumentiert, dass ein Platz oder eine Straße nicht nach noch lebenden Personen benannt werden dürfte, bis man bemerkt hat, dass Schimanski eine fiktive Person ist. Wenn man bedenkt, was Schimanski für das Image von Duisburg getan hat, dann müsste er eigentlich eine Allee bekommen. Soweit ich mich erinnere, gab es sogar mal einen Vorschlag der Bochumer Jusos die Ruhr-Universität in „Horst-Schimanski-Universität“ umzubenennen, Das muss so um 1985 auf dem Höhepunkt von Schimanskis Popularität gewesen sein. Also, als der Film „Zahn um Zahn“ mit großem Erfolg im Kino lief.

? Der zweite Kino-Schimanski „Zabou“ war dann nicht mehr so erfolgreich, oder?

Nun, dass „Zabou“ nicht erfolgreich gewesen sei, das sagt man wohl so. Erfolgreich war der Film auf jeden Fall, aber eben nicht so erfolgreich wie der vorherige. „Zahn um Zahn“ war 1985 einer der erfolgreichsten Film des Jahres in den deutschen Kinos, spielte circa 2,9 Millionen Mark ein. Bei „Zabou“ waren es 1987 dann circa 1,7 Millionen Mark. Dass eine Fortsetzung nur etwa die Hälfte des ersten Films einspielt, ist ein ungeschriebenes Gesetz. Klar, wenn man großen Erfolg hat, dann will man mit dem nächsten Film dann noch mehr Erfolg haben. Wenn das nicht so ist, dann ist man natürlich enttäuscht.

? Aber zwischen „Zabou“ und dem 2016er Til Schweiger-Vehikel „Tschiller: Off Duty“ gab es keinen Kino-Tatort.

Das ist kein Wunder, denn es sind ja nicht die Sender, die dahinter stehen und das wollen, sondern das muss von den Machern ausgehen, dass man ins Kino damit will. Damalig an der Filmhochschule in München war ich Assistent und mein späterer Produzent Bernd Eichinger Schüler, daher kannte man sich. Man hatte sich mal getroffen und dann sprach man miteinander darüber, dass ich eigentlich immer Kino machen wollte und so ergab sich das mit „Zahn um Zahn“.

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