Fische fahren Aufzug: Fischlift an Ruhr-Stauwehr in Betrieb

Fische in der Ruhr haben es künftig leichter, flussaufwärts zu ihren Brutplätzen und Winterquartieren zu schwimmen: Ein fast neun Meter hohes Wehr im Essener Süden können sie jetzt mit Hilfe eines Lifts überwinden. Die ersten Tiere haben sich schon getraut.

17.08.2020, 15:42 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sind Fische eigentlich neugierig? Ein bisschen abenteuerlustig scheinen sie auf jeden Fall zu sein: An einem Stauwehr der Ruhr in Essen fahren seit ein paar Wochen die ersten Tiere mit einem echten Aufzug - nur für Fische. Doch nicht zum Spaß: Koppe, Aal oder Quappe hatten dort bislang keine Möglichkeit, flussaufwärts die fast neun Meter Höhenunterschied zu überwinden - auf der Suche nach Brutplätzen, Nahrung oder einem Winterquartier. Am Montag war offizielle Inbetriebnahme des sogenannten Fischlifts, des ersten in Nordrhein-Westfalen.

„Bereits in der ersten Testphase haben jede Mengen Rotaugen, Barsche und kleinere Fischschwärme die neue Aufstiegsmöglichkeit in den Baldeneysee genutzt“, sagt der Vorstandsvorsitzende des Ruhrverbands, Norbert Jardin. Die Beobachtungskameras hätten in einer Vorkammer sogar einen großen Wels registriert. Auf etwa 1,40 Meter Länge schätzt er ihn. Hat sich der Raubfisch etwa am Ausgang des Lifts für ein müheloses Abendessen auf die Lauer gelegt? Alles Spekulation. „Beim Fressen wurde er nicht beobachtet“, sagt Markus Rüdel, Sprecher des Ruhrverbandes.

Der Lift war nötig geworden, um den Vorgaben der europäischen Wasserrahmenrichtlinie nachzukommen. Sie fordert, Fließgewässer für Fische und andere Lebewesen wieder durchgängig zu machen. „Es geht um die ökologische Aufwertung unserer Gewässer“, betont Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU). Eine Fischtreppe wie sonst an vielen Wehren in der Ruhr kam am Baldeneysee unter anderem aus Platzgründen nicht in Frage. Die Bauzeit betrug gut zwei Jahre. Rund 6,8 Millionen Euro kostete die Anlage.

Das Liftsystem funktioniert wie eine doppelte Schleuse: Die ahnungslosen Fische schwimmen dabei in eine durchgängig geflutete, etwa 2,50 Meter hohe Transportkabine mit einem Durchmesser von 2,80 Meter, die sich in einem Zylinder auf und ab bewegen kann. Dann schließt sich eine Klappe. Geht es flussaufwärts, strömt Wasser unter die Kabine und treibt das Becken nach oben. Umgekehrt wird für eine Abfahrt einfach die Kammer geleert - das Becken sinkt nach unten. Am Zielort öffnet sich eine gegenüberliegende Klappe und die Fische schwimmen weiter. Damit die Fische jederzeit flussauf- und -abwärts Aufzug fahren können, gibt es zwei „Kabinen“, die gegenläufig arbeiten.

Nach dem offiziellen Start soll das System noch ein Jahr lang feinjustiert werden. Danach soll der Betrieb noch zwei Jahre lang beobachtet werden, um weitere Erfahrungen zu sammeln. Läuft alles gut, will der Ruhrverband einen zweiten Fischlift an einem Wehr flussabwärts in Essen-Kettwig bauen. Dann fehlt nur noch ein Aufstieg an der Ruhrschleuse in Duisburg, damit der Fluss trotz insgesamt 17 Wehren komplett durchgängig ist. Auch dort sollen laut Jardin die Bauarbeiten in den nächsten Jahren beginnen.

Stefan Jäger, Geschäftsführer der Ruhrfischereigenossenschaft, ist jetzt schon froh über den neuen Fischlift. „Wir sehen, dass die Fische wandern.“ Er glaubt, dass sich die Bestände durch den Lift stabilisieren werden. Und wenn dann eines Tages alle Hindernisse beseitigt seien, träume er „vom Lachs, der irgendwann hier hochschwimmen kann“.

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