Proteste gegen Polizeigewalt: Plötzlich herrscht Aufbruch in Amerika

Rassismus

Die Tötung des Afroamerikaners George Floyd bei einer Polizeiaktion hat viele US-Bürger schockiert und eine neue Bewegung angestoßen. Derweil mauert sich Präsident Trump hinter hohen Zäunen im Weißen Haus ein.

Washington

von Karl Doemens

, 07.06.2020, 11:31 Uhr / Lesedauer: 3 min
dpatopbilder - 06.06.2020, USA, Washington: Ein Demonstrant streckt während eines Protests in der Nähe des Weißen Hauses seine Faust in die Höhe. Weltweit drücken Menschen ihre Anteilnahme nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten am 25. Mai in der US-Stadt Minneapolis aus. Foto: Alex Brandon/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ |

dpatopbilder - 06.06.2020, USA, Washington: Ein Demonstrant streckt während eines Protests in der Nähe des Weißen Hauses seine Faust in die Höhe. Weltweit drücken Menschen ihre Anteilnahme nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen weißen Polizisten am 25. Mai in der US-Stadt Minneapolis aus. Foto: Alex Brandon/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | © picture alliance/dpa

Um kurz nach elf Uhr morgens sind die großen gelben Letter auf dem Asphalt verschwunden. Der stete Strom von Menschen, der von Norden über die 16th Street im Zentrum Washingtons zum Weißen Haus zieht, verdeckt komplett die Buchstaben.

Bürgermeisterin Muriel Bowser wirkt zufrieden: Sie hatte den Demonstranten mit dem riesigen Schriftzug „Black Lives Matter“ (etwa: die Leben von Schwarzen sind wichtig) über mehrere Straßenblocks hinweg quasi einen Willkommensteppich ausgerollt.

Am südlichen Ende der Prachtstraße fällt der Empfang nicht ganz so herzlich aus. Ein mit schweren Betonplatten gesicherter Zweieinhalb-Meter-Zaun verwährt den friedlichen Proteslern mit ihren Plakaten gegen Rassismus und Polizeigewalt den Zugang zum Lafayette-Park.

Präsident Donald Trump hat neben seinem Amtssitz auch die Grünfläche und mehrere Regierungsgebäude über eine Strecke von drei Kilometer abtrennen und wie eine Festung sichern lassen. Zudem hat er mehrere Tausend Nationalgardisten in der Hauptstadt beordert. „Law and Order!“ (Recht und Gesetz!) barmt er am Samstag auf der anderen Seite des Zauns bei Twitter.

Trump wäre wohl gern der eisenharte Hüter der Ordnung

Allzu gerne würde Trump die Demonstranten, die seit dem Erstickungstod des Afroamerikaners George Floyd bei einer brutalen Polizeiaktion im ganzen Land auf die Straße gehen, als gewalttätige Chaoten und sich selbst als eisenharten Hüter der Ordnung präsentieren.

Die Plünderungen der ersten Tage in Minneapolis, New York oder Los Angeles schienen dazu die passende Folie zu bieten. Doch die Gewalttäter waren von Anfang an klar in der Minderzahl. Inzwischen gewinnt die Bewegung derer, die entschieden, aber friedlich grundlegende Veränderungen zugunsten der schwarzen Bevölkerungsminderheit fordern, immer mehr Zulauf.

Wohl mehrere zehntausend Menschen sind es, die am Samstag in sechs Demonstrationszügen durch Washington ziehen. Seit anderthalb Wochen schon versammeln sie sich abends vor dem Lafayette-Park. Doch so bunt und stark war der Protest noch nie. Es sind Junge und Ältere, Weiße und Schwarze und Farbige.

Einige sind von Anfang an dabei, andere erst in den vergangenen Tagen dazugestoßen, seit immer neue Videos von brutalen Polizeiaktionen das Land erschüttern. „Kein Frieden ohne Gerechtigkeit“ steht auf ihren Schildern. Oder: „Stopp Rassismus jetzt“. Oder: „Schweigen ist Verrat“.

76 Prozent der Amerikaner halten Rassismus in ihrem Land für ein Problem

Manch einer wird drastisch: „Fuck Trump!“ kann man auch lesen. Nach einer aktuellen Umfrage der Monmouth Universität halten inzwischen 76 Prozent der Amerikaner Rassismus und Diskriminierung für ein großes Problem ihres Landes. Vor fünf Jahren waren es nur 50 Prozent gewesen.

„Nimm besser ein Sandwich mit, es wird ein langer Tag!“, fordert ein Helfer vor dem Old Ebbitt Grill an der 15th Street die vorbeiziehenden Demonstranten auf. Die Stulle ist kostenlos. Privatleute und Sponsoren haben Lunchpakete, Wasser und selbst Desinfektionsmittel gespendet. Fast jeder Kundgebungsteilnehmer trägt eine Maske. Die Stimmung ist positiv und deutlich entspannt, seit die Bürgermeisterin die nächtliche Ausgangssperre aufgehoben und den Abzug der martialischen Armeeverbände aus anderen Bundesstaaten erzwungen hat.

Über die konkreten Ziele herrscht noch keine Einigkeit

Doch die Proteste in Washington und anderen großen Städten der USA werden nicht zentral organisiert. Dahinter stehen vielmehr zahlreiche Graswurzelbewegungen. Entsprechend vielfältig ist das Bild der Demonstrationszüge: Mal wirken sie eher wie ein Familienausflug, mal wie eine Party mit Funk-Musik und mal wie eine ernste politische Agitation. Diese Breite macht die Stärke des gesellschaftlichen Aufbegehrens aus. Es riecht nach Aufbruch. Aber noch ist nicht klar, zu welchen Ufern.

So muss sich noch herauskristallisieren, was genau das politische Ziel der Bewegung ist. Die anfangs geforderte Verurteilung der vier Polizisten, die für Floyds Tod verantwortlich sind, wird den meisten sicher nicht reichen. Aber ist das Problem mit Reformen der polizeilichen Ausbildung und strikteren Vorgaben für die Anwendung von Gewalt zu lösen, wie sie etwa die Bundesstaaten Minnesota und Kalifornien angekündigt haben?

Pragmatiker: Trump muss zuerst aus dem Amt gejagt werden

Oder müssen die Budgets der Polizei radikal gekürzt und zugunsten sozialer Projekte für Minderheiten umgeschichtet werden? Was ist mit staatlichen Reparationszahlungen für die Sklaverei? Das alles werde es nie geben, wenn nicht zuerst Trump aus dem Amt gejagt wird, halten die Pragmatiker dagegen

Zu dieser Gruppe zählt auch Washingtons Bürgermeisterin Bowser. „Heute sagen wir Nein. Im November sagen wir: der Nächste!“, ruft sie am Samstag den Protestlern zu. Viele applaudieren. Aber nicht alle sind einverstanden.

So greift ausgerechnet die örtliche Gruppe der Bürgerrechtsorganisation Black Lives Matter die demokratische Politikerin seit Längerem scharf an, weil sie das Polizeibudget nicht kürzen will. Der gelbe Schriftzug auf der Straße hat die Aktivisten nicht umgestimmt. Weltweit hat die Provokation von Trump Beachtung gefunden. Für die radikalen Aktivisten vor Ort aber ist sie nichts anderes als eine „Shownummer“.

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