Intensivpflegerin: Immer das Gefühl, dass das Virus nochmal zuschlägt

dzCovid-19

Wie geht das Personal in der Intensivstation mit Corona um? Eine Pflegerin erzählt von unsicheren Anfängen über Todesfälle bis zum Gefühl, wie unwirklich die niedrigen Zahlen jetzt seien.

Schwerte

, 30.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine laminierte Tafel vor dem Eingang zu dem großen Krankenzimmer zeigt es an: „Isolationsbereich Covid-19“. Hinter der Glastür steht eines der Intensivbetten, in denen in den vergangenen Wochen jene Schwerter behandelt wurden, die schwer an Covid erkrankten. Maschinen, Bildschirme, Schläuche und elektronische Geräte türmen sich in großer Anzahl rund um das Bett. Drei Schwerter starben auch hier im Marienkrankenhauses an oder mit Covid-19.

Schild an der Intensivstation im Marienkrankenhaus.

Schild an der Intensivstation im Marienkrankenhaus. © Heiko Mühlbauer

Wie verkraftet das Personal die Pandemie?

Doch wie geht eigentlich das Personal mit der Belastung der vergangenen Wochen um? Sarah Reddig ist Abteilungsleiterin der Intensivstationen an den beiden Standorten des Marienkrankenhauses. Sie und die übrigen 57 Mitarbeiter der beiden Intensivstationen sind es gewohnt, mit Patienten umzugehen, die sich an der Schwelle vom Leben zum Tod befinden. Menschen, die medizinisch einen großen Aufwand benötigen - nicht nur Apparate, sondern auch vom Pflegepersonal. Und auch der Tod ist hier kein seltener Gast.

Dennoch, was vor allem um die Ostertage herum auf das Personal zukam, war schon eine Ausnahmesituation. Schließlich kannten alle die Bilder aus Italien, wussten, dass sich dort oft auch das Krankenhauspersonal angesteckt hatte. „Ich würde es nicht Angst nennen, aber wir hatten schon Respekt“, so Sarah Reddig. Dennoch hätten alle Mitarbeiter die Aufgabe angenommen. „Wir haben uns vorbereitet wie auf einen unsichtbaren Feind und hatten natürlich Angst, dass es so werden könnte wie in Italien.“

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Niemand wusste viel über die neue Krankheit

Das war gut, denn das neue Virus stellte auch erfahrene Pflegerinnen und Pfleger vor neue Aufgaben. Zwar ist man vertraut mit Patienten, die wegen ansteckender Krankheiten isoliert werden müssen, aber niemand wusste zuvor etwas über den Krankheitsverlauf und wie genau die Ansteckungswege sind. Das galt für Pfleger und Ärzte weltweit. Ständig musste man sich austauschen, täglich kamen neue Erkenntnisse hinzu, wer hat was beobachtet.

Sarah Reddig (37) ist Fachkrankenschwester für Intensivmedizin und leitet die Intensivabteilung an beiden Standorten des Marienkrankenhauses.

Sarah Reddig (37) ist Fachkrankenschwester für Intensivmedizin und leitet die Intensivabteilung an beiden Standorten des Marienkrankenhauses. © Heiko Mühlbauer

Und auch die Hygienestandards wurden verschärft. Neben dem üblichen Schutz und der Maske trugen die Mitarbeiter noch ein Visier. Und mussten sich gegenseitig kontrollieren, ob auch alles korrekt angezogen war. Wobei nicht das Anlegen des Anzuges, sondern das Ausziehen das große Risiko birgt. Handschuh, Maske und Einwegkittel wurden direkt entsorgt.

Apotheke hat Großes geleistet

Während andere Kliniken Probleme mit dem Verbrauchsmaterial hatten, kam man im Marienkrankenhaus relativ unbeschadet über die Coronazeit. „Es gab immer Zeiten, wo wir Angst hatten, das Material reicht nicht, aber da hat unsere Apotheke hervorragende Arbeit geleistet“, sagt Sarah Reddig. Und manchmal habe man auch improvisiert. Zum Beispiel, als der Teamleiter der Intensivstation, Daniel Guillin Vieites, über das Theater Hagen genähte Masken besorgte.

Zudem wurde die komplette Intensivstation umorganisiert, um Platz für die Covid-19-Patienten zu schaffen. Am Ende kam es dann doch nicht so dicke wie befürchtet. Sechs der insgesamt 29 bestätigten Covid-19-Patienten mussten auf der Intensivstation behandelt werden. Und nur zwei von ihnen brauchten einen der viel diskutierten Beatmungsplätze. Aber es gab auch drei Tote. Zwei starben mit Corona, einer an der Krankheit.

Befürchteter großer Ansturm blieb aus

„Erstickt ist aber niemand von denen“, versichert die erfahrene Fachkrankenschwester. Die Todesursachen sind vielfältig, eher sterben die Menschen am Multiorganversagen oder Immunversagen. Letztlich blieb die befürchtete große Anzahl an Intensivpatienten aber aus.

Mittlerweile steuern die Klinik und ihre Intensivmedizin zurück in das normale Fahrwasser. „Wir können aber jederzeit wieder Kapazitäten für Covid-19-Patienten schaffen.“ Verdachtsfälle gebe es immer noch, aber seit Wochen keinen bestätigten Covid-19-Fall.

Daniel Vieitis, Teamleiter der Intensivstation des Marienkrankenhauses, in der Corona-Schutzkleidung.

Daniel Vieitis, Teamleiter der Intensivstation des Marienkrankenhauses, in der Corona-Schutzkleidung. © Heiko Mühlbauer

„Das Team hat so gut zusammengehalten“

Und jetzt atmet das Personal wieder auf? „Aufatmen ja, aber die niedrigen Zahlen fühlen sich irgendwie noch unrealistisch an. Ich habe immer das Gefühl, dass das Virus nochmal zuschlägt“, sagt Sarah Reddig.

Und dann betont sie noch einmal ausdrücklich, wie dankbar sie ihrem Team sei: „Die haben so gut zusammengehalten, an beiden Standorten. Die haben wirklich Dank und Lob verdient.“

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