Pflege ist nicht nur weiblich: Lüner kümmert sich um seine demente Mutter

dzSerie „Wenn die Eltern älter werden“

Pflege ist oft weiblich: Ehefrauen und Töchter kümmern sich hauptsächlich um Partner oder Eltern. Doch es gibt Ausnahmen - zum Beispiel einen Lüner, der uns seine Geschichte erzählt hat.

Lünen

, 07.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Harald Siebert (Name geändert) weiß wie Ansprechpartner sind, die die Ansprüche von Pflegebedürftigen kennen. Der 55-Jährige kümmert sich um seine 90-jährige Mutter.

Die alte Dame lebt mittlerweile seit fast drei Jahren im Seniorenheim. Sie ist dement. Die Krankheit verlief relativ schleichend. „Anfangs hab ich eigentlich nichts gemerkt. Sie fuhr auch nach dem Tod meines Vaters noch alleine in Urlaub und da passierte etwas, das mich stutzig machte“, erinnert sich der Lüner.

Zum Umsteigen in den richtigen Zug keine Lust gehabt

Seine Mutter war mit dem Zug nach Ostfriesland unterwegs, musste dazu aber in Bremen umsteigen. „Sie hatte ihr Handy dabei und als ich sie anrief, ob alles in Ordnung ist, sagte sie mir, sie wäre in Hamburg, weil sie keine Lust hatte, umzusteigen.“ Ein Schaffner war Retter in der Not, er nahm die alte Dame mit nach Bremen und setzte sie dann in den richtigen Zug nach Ostfriesland.

Nach diesem Erlebnis wollte die Mutter nicht mehr verreisen, und ihr Sohn machte sich Gedanken. Sie lebte noch allein in ihrer Wohnung. Allerdings rief sie ihren Sohn abends täglich zwischen 30 und 50 mal an.

„Meine Mutter war in Gruppen der Kirchengemeinde, hatte auch soziale Kontakte dadurch, aber durch die fortschreitende Krankheit wurde das immer weniger.“ Dafür ging sie fünf Mal am Tag zum Friedhof, um das Grab ihres Mannes zu besuchen. Den Weg kannte sie, er war nicht weit entfernt von ihrem Zuhause. Da in der Nähe auch die Wohnung ihres Sohnes und der Schwiegertochter lag, kam sie dort öfter vorbei.

Vorfall beim Einkaufen

„Ich bin nach der Arbeit meistens bei ihr vorbei gefahren, hab ihr Fertiggerichte gekauft, damit sie etwas zu essen hatte. Hinterher hat sie sich trotzdem nur von Brot ernährt.“ Bei den zahlreichen Telefonaten erinnerte der Sohn seine Mutter auch immer daran, ausreichend zu trinken.

Die Einkäufe erledigten Sohn und Mutter anfangs noch gemeinsam. Dabei gab es einen Vorfall: „Meine Mutter blieb im Auto vor dem Supermarkt an der Kamener Straße, weil ich nur zwei, drei Teile kaufen wollte.“ Als Siebert zurück kam, war die Mutter spurlos verschwunden. Er schaltete die Polizei an, die sich später bei ihm meldete. Seine Mutter war bis in die Siedlung hinter der Bußmann-Schule gelaufen, weil die Häuser ähnlich wie die aussahen, in denen sie wohnte. „Zum Glück ist sie zwei Frauen aufgefallen, und die haben die Polizei angerufen.“

Danach wollte sie nicht mehr mit zum Einkaufen. Körperlich war sie fit, aber das Gedächtnis ließ immer mehr nach. Harald Siebert musste sie an Termine der Frauengemeinschaft oder Gemeinde erinnern.

Der 55-Jährige begleitete seine Mutter zum Hausarzt, der dann riet, einen Neurologen aufzusuchen. Dort absolvierte die alte Dame einen Test. Für den Sohn kein leichter Moment, als seine Mutter die einfachsten Aufgaben nicht mehr lösen konnte.

Ich finde es erschreckend, dass von den 20 bis 25 Senioren im Wohnbereich nur fünf regelmäßig Besuch bekommen.
Harald Siebert (Name geändert)

Siebert kümmerte sich um eine Vollmacht und schaltete den Medizinischen Dienst der Krankenkassen ein, damit seine Mutter einen Pflegegrad bekam. Er engagierte einen Pflegedienst, um der Mutter zwei Mal die Woche beim Duschen zu helfen. Denn in der Wohnung befand sich nur eine Badewanne, da brauchte die Mutter Hilfe, um überhaupt hinein zu kommen. „Beim Duschen war ich dann doch dabei, meine Mutter wollte sich nicht von der Pflegerin helfen lassen, obwohl es eine Frau war.“ Der Pflegedienst kümmerte sich dann auch darum, dass sie einen höheren Pflegegrad bekam.

Später kam dann jeden Tag eine Betreuungskraft vorbei, die mit der Mutter spielte, sich mit ihr unterhielt und spazieren ging. Denn Siebert ist voll berufstätig, konnte sich nur nach Feierabend kümmern. Auch eine Belastung für seine Beziehung - obwohl seine Frau Verständnis für die schwierige Situation hatte.

Als das Duschen mal wieder nur mit lautem Schreien und Widerwillen der Mutter abging, kam ein Anruf von einem Lüner Wohlfahrtsverband. In einem Lüner Seniorenheim, in dem Siebert seine Mutter schon auf die Warteliste hatte setzen lassen, war ein Zimmer frei geworden.

Viel Bürokratie

„Dann musste alles ganz schnell gehen. Am nächsten Morgen musste sie vor Ort sein, mit Koffer. Ein paar persönliche Einrichtungsgegenstände hab ich dann später noch gebracht.“ Nun kam viel Bürokratisches auf den 55-Jährigen zu. Anträge stellen, Versicherungen und die Wohnung kündigen.

Doch er ist froh, dass seine Mutter gut im Heim zurecht kommt. „Ich komme immer nach der Arbeit zu ihr und hab noch nie jemanden gesehen, der sich nicht lieb um meine Mutter gekümmert hätte.“

Dennoch weiß er noch genau, wie es war, als er zum ersten Mal weggefahren war und die Mutter im Heim zurück blieb: „Das war für uns beide ein schrecklicher Moment.“ Siebert hatte lange überlegt, ob er seine Mutter im Pflegeheim anmelden soll: „Natürlich sollte sie so lange wie möglich in der gewohnten Umgebung bleiben. In ihrer Wohnung hat sie seit 1958 gelebt.“

Er hat noch eine ältere Schwester, die sich aber nicht um die Mutter kümmert. Ihre Tochter jedoch schaute immer nach ihrer Oma, wenn Siebert im Urlaub war. Sie besucht sie auch im Seniorenheim.

Fast jeden Tag ist Siebert bei ihr und freut sich, dass sie dort soziale Kontakte und eine feste Tagesstruktur hat. „Ich finde es aber erschreckend, dass von den 20 bis 25 Senioren im Wohnbereich nur fünf regelmäßig Besuch bekommen. Einige bekommen nie Besuch, obwohl sie auch Kinder haben.“

Pflegende Angehörige

Hier gibt es Infos zur Pflege

  • Rund 3,4 Millionen BürgerInnen in Deutschland sind pflegebedürftig. Davon werden 76 % zuhause versorgt. Hiervon 51,7 % durch Angehörige und 24,3 % mit Unterstützung oder durch Pflegedienste.
  • 61,4 % der pflegenden Angehörigen sind weiblich, 39,6 % männlich.
  • Wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird, bekommt man bei folgenden Stellen Informationen zu Themen wie „Rund um die Pflege“, Finanzierung oder Entlastungsmöglichkeiten:
  • Pflegestützpunkt Lünen – Beratung für gesetzlich Versicherter ALLER Krankenkassen, Arndtstraße 4 (im Haus der Knappschaft), Ansprechpartner: Falko Lange, Tel. (02306) 70 03 - 92, E-Mail: psp-luenen@kbs.de oder falko.lange@kbs.de
  • Compass Pflegeberatung – Beratung für Versicherte privater Krankenkassen, Tel. (0800) 101 88 00, zuständige Beraterin für Lünen: Stephanie Schuh, Tel. (0221) 93 332 229, E-Mail: stephanie.schuh@compass-pflegeberatung.de, www.compass-pflegeberatung.de
  • Wohnberatung im Kreis Unna, Bebelstraße 67 (Seniorenladen), Tel. (02306) 25 95 61, Ansprechpartnerin: Bettina DeSacco, E-Mail: desacco@caritas-luenen.de
  • Aufsuchende Hilfen Stadt Lünen, Rathaus (EG, Raum 6), Willy Brandt-Platz 1, Ansprechpartnerin: Katharina Lorenz, Tel. (02306) 104 - 1447, E-Mail: katharina.lorenz.16@luenen.de
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