Paukenschlag in der Corona-Krise: Kommt jetzt das Notabitur?

Coronavirus

Wegen der Corona-Krise sind Schulen gerade geschlossen. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin hat angekündigt, sie wolle die Abiturprüfungen absagen. Doch die Initiative birgt einige Probleme.

Berlin

24.03.2020, 18:47 Uhr / Lesedauer: 3 min
Gibt es in diesem Jahr Abiturprüfungen – oder ein Notabitur?

Gibt es in diesem Jahr Abiturprüfungen – oder ein Notabitur? © picture alliance/dpa

Es ist ein Paukenschlag. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat angesichts der Corona-Krise angekündigt, sie wolle alle Schulabschlussprüfungen absagen – auch die für das Abitur. In der derzeitigen Lage halte sie diese Entscheidung für „geboten“, sagte Prien am Dienstag.

Die Abiturnoten soll es nach ihrem Vorschlag auf der Basis bisheriger Noten geben. Dafür will sie auch in der Kultusministerkonferenz werben. Wann und wie der Unterricht wieder aufgenommen werden könne, sei noch nicht absehbar, begründete sie ihre Initiative.

Die Debatte über das Abitur hatte bereits vorher erheblich an Fahrt aufgenommen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatte erklärt, ein Abitur ohne eigene Prüfungen sei denkbar. „Entscheidend ist, dass die Schülerinnen und Schüler keine Nachteile haben und die Schulzeit nicht verlängert wird“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schule, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Ein sogenanntes ‚Notabitur‘ ist dabei eine Lösung.“

Die bereits gesammelten Punkte sollen zählen

Hoffmann erläuterte: „Der Großteil der Punkte, die in die Abiturnote einfließen, wurde ja schon in den Kursen in der Oberstufe erworben.“ Diese Noten könnten – wenn keine Prüfungen möglich seien – auch allein die Grundlage für die Abiturnote sein, sagte sie. Eine andere Möglichkeit sei, die Prüfungen, soweit möglich, zu verschieben. Auch der Deutsche Philologenverband verwies darauf, dass zwei Drittel der Abiturnote ja ohnehin schon durch die Punkte in den Kursen erbracht worden sind.

In der Corona-Krise herrscht Unsicherheit unter Eltern und Schülern. Wie soll es weitergehen, wenn der Unterricht noch lange Zeit ausfallen sollte? Könnte vielleicht sogar das ganze Schuljahr annulliert werden? Nein, hat die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stefanie Hubig, versprochen. „Das Schuljahr 2019/2020 wird auf jeden Fall gewertet“, sagte die SPD-Politikerin, die zugleich Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz ist, dem RND.

Gibt es eine einheitliche Linie?

Auch in Sachen Abitur hatte Hubig angekündigt, es werde eine für alle akzeptable Lösung geben. Die Länder würden ihr Abitur auf jeden Fall gegenseitig anerkennen. Allein: Eine einheitliche Linie dürfte jetzt gar nicht so leicht zu finden sein, zumal in einigen Ländern schon Prüfungen abgenommen wurden.

Der Bundeselternrat dringt auf eine gemeinsame Lösung beim Abitur. „Wir Eltern appellieren dringend an die Kultusminister: Einigt euch untereinander, damit in diesem Jahr trotz Corona das Abitur in den unterschiedlichen Bundesländern einigermaßen vergleichbar ist“, sagte der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, dem RND. „Es wäre nicht hinnehmbar, wenn es in den einen Ländern richtige Abiturprüfungen gibt – in anderen aber nicht“, sagte er. „So viel Vergleichbarkeit sind die Minister denen, die sich bald um Studienplätze bewerben, schuldig.“

Drei Kinder auf drei Schulen

Nicht nur in Sachen Abitur herrscht großer Trubel – auch die Frage, wie Schüler zu Hause mit Lernaufgaben versorgt werden, sorgt für Diskussionen. Wassmuth hat fünf Kinder, von denen drei noch in die Schule gehen – an drei verschiedene Schulen. „In der Corona-Krise läuft es bei zwei Schulen gut: Die Kinder und Jugendlichen bekommen E-Mails mit Aufgaben und Hinweisen, wo es sinnvolles Material im Internet gibt“, sagte er. „An der dritten Schule läuft gar nichts.“ Er fände es schwer erträglich, dass die Unterschiede so groß seien. „Bildung wird für die Kinder so zum Glücksspiel.“

Im Bundeselternrat hofft man insbesondere, dass aus der Krise auch für die Zukunft gelernt wird. „Als Eltern beobachten wir entsetzt, dass es für eine Situation wie jetzt in der Corona-Krise überhaupt keinen vorbereiteten Notfallplan gibt“, sagte Wassmuth. „Daraus müssen die Kultusminister lernen und das Bildungssystem auch auf solche außergewöhnlichen Situationen besser vorbereiten.“

Was den Schülern jetzt in Sachen digitales Lernen geboten werde – oder nicht –, hänge auch davon ab, ob eine gute Schulleitung das Thema früh vorangetrieben habe. „Es ist erbärmlich, wie wenig sich beim Thema Digitalisierung in der Schule in den vergangenen Jahren getan hat.“

Und was sagen Lehrer zum Stand der Digitalisierung an den Schulen? Kathrin Staniek, die seit 15 Jahren am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg unterrichtet, sagte, der Digitalpakt starte gerade erst. „Welche Schule ist wie weit, wer macht was? Das ist ein Flickenteppich.“ Die Realität sehe aber auch so aus: „Am Ende hat nicht jedes Kind einen funktionierenden Drucker oder belastbares Internet zu Hause.“ Auch diese Kinder dürften nicht benachteiligt werden.

RND

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