Nur Hass, keine Reue – der erste Prozesstag gegen den Halle-Attentäter

Rechtsextremismus

Vor Gericht tut Stephan Balliet etwas, was Opfern und Angehörigen vorkommen muss wie ein weiterer Anschlag: Er redet. Als der Angeklagte seine rassistische Weltsicht ausbreitet, ermahnt ihn die Richterin.

Magdeburg

21.07.2020, 19:41 Uhr / Lesedauer: 3 min
Am Landgericht Magdeburg begann am 21. Juli 2020 der Prozess gegen den Attentäter von Halle, Stephan Balliet.

Am Landgericht Magdeburg begann am 21. Juli 2020 der Prozess gegen den Attentäter von Halle, Stephan Balliet. © picture alliance/dpa

Es ist sehr warm an diesem Dienstagmorgen in Magdeburg. Zweieinhalb Stunden müssen Besucher und Medienvertreter vor dem Landgericht in der prallen Sonne warten, dann Dutzende Justizbeamte passieren, mehrere Sicherheitsschleusen durchlaufen, wieder warten. Im Sitzungssaal C24 ist es eng, die Luft schnell schwer, die Verhandlung startet mit zwei Stunden Verspätung erst um kurz vor 12 Uhr. Doch dass dieser Prozessauftakt so schwer erträglich ist, liegt allein am Angeklagten selbst.

Stephan Balliet, der sich für den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 mit zwei Toten verantworten muss, tut etwas, was Opfern und Angehörigen vorkommen muss wie ein weiterer Anschlag: Er redet.

Als der 28-Jährige um kurz vor 12.00 Uhr mit Hand- und Fußfesseln von Spezialkräften in den Saal gebracht wird, ist ihm seine Entschlossenheit anzusehen. In dunkler Jeans, schwarzer Jacke und Turnschuhen fixieren die tiefliegenden Augen des kahlgeschorenen Mannes die Kameras, eine nach der anderen. Er versteckt sich nicht hinter einem Ordner oder einer Kapuzenjacke. Sein Gesicht soll jeder sehen, genau wie seine Gesinnung. Als die vorsitzende Richterin Ursula Mertens die üblichen Formalien abgefragt hat, kündigt er an: „Ja, ich würde eine Aussage machen.“

121 Seiten Anklageschrift

Zunächst aber wird die Anklageschrift verlesen, und allein deren Umfang macht deutlich: Das Verfahren gegen Stephan Balliet ist eines der größten und bedeutendsten in der Geschichte Sachsen-Anhalts. Mehr als 30 Minuten braucht Generalbundesanwalt Kai Lohse, um die 121 Seiten vorzutragen. 13 Straftaten werden dem 28-jährigen Deutschen vorgeworfen, darunter Mord, versuchter Mord, Volksverhetzung, Körperverletzung, schwere räuberische Erpressung. Etliche der 43 Nebenkläger sitzen ihm dabei mit ihren Anwälten direkt gegenüber.

Zu beeindrucken scheint den Angeklagten das nicht eine Sekunde, im Gegenteil, es scheint ihn nur weiter zu frustrieren, seine selbsternannte Mission nicht erfüllt zu haben. „Kill all jews“ war die Maxime, nach der er handelte an Jom Kippur im Oktober, dem höchsten jüdischen Feiertag, den 52 Gläubige in der Synagoge in Halle feierten, als er töten wollte – und an der Tür scheiterte.

Gerüstet wie ein Krieger, verfolgt von Zuschauern im Livestream – Stephan Balliet trug Helm, Schutzweste und acht Waffen bei sich. Die Generalbundesanwaltschaft ist überzeugt: Er handelte aus einer antisemitischen, fremdenfeindlichen und rassistischen Haltung heraus. Er hatte es lange geplant. Und er war inspiriert vom Christchurch-Attentat in Neuseeland einige Monate zuvor.

Balliet beschreibt sein Weltbild

Daraus macht auch Balliet selbst keinen Hehl. Ausführlich beschreibt er vor Gericht sein Weltbild, seine Wut, seine Bewaffnung. „Seit 2015 habe ich mich entschieden, nichts mehr für diese Gesellschaft zu tun“, sagt er, „eine Gesellschaft voller Muslime und Neger.“ Richterin Mertens ermahnt ihn deutlich, menschenverachtende Äußerungen zu unterlassen und droht mit Ausschluss vom Verfahren. Balliet aber sieht nicht davon ab, seinen Hass auf Juden, Muslime und Zuwanderer immer wieder anzubringen.

Wie diese Menschen sein Leben beeinflussen, will die Richterin wissen, wie sein Leben überhaupt abgelaufen ist, wie er sich so entwickeln konnte. Doch die meisten Fragen dazu blockt Balliet ab. „Das hat nichts mit der Tat zu tun“, sagt er mehrfach. Es ginge dem Gericht ja bloß darum, solche Taten zu verhindern. „Daran habe ich kein Interesse“, sagt er. Er habe die Tat live gestreamt, weil die Übertragung wichtiger sei, als die Tat selbst. Er habe andere animieren wollen. Und tut es noch.

Balliet: Nur das Internet, keine Freunde oder Hobbies

Im echten Leben hatte Stephan Balliet keine Freunde, keine Hobbies, keine Interessen – nur das Internet, in dem er sich vom Kinderzimmer aus über Waffenbau informierte. Ausgetauscht haben will er sich im Netz kaum, gemeinsam geplant habe er die Tat „natürlich nicht“: „Ich kenne niemanden“, sagt er und lacht, „schon gar nicht so gut, um gemeinsam einen Terroranschlag zu planen“.

Also tat er es allein und scheiterte – jedenfalls, was den Anschlag auf die Synagoge betrifft. Den Dönerimbiss habe er vorher nicht gekannt, die Fahrt dahin nicht geplant. Ebenso wenig, zwei Unbeteiligte zu töten: Eine 40-Jährige Passantin nahe der Synagoge, nachdem er die Tür nicht aufbekommen hat, und einen 20-jährigen Dönerimbissbesucher, den er für einen Muslimen hielt. Beide Opfer waren Deutsche.

Mord an Passantin als angebliche „Kurzschlussreaktion“

Eine „Kurzschlussreaktion“ sei es bei Jana L. gewesen, dem ersten Opfer. Weil sie sein Vorhaben störte, ihm in die Quere kam, einen Kommentar abgab, nichtsahnend. Deshalb erschoss er sie. „Hätte ich es nicht gemacht, hätte man mich ausgelacht! Wenn sie nichts gesagt hätte, wäre sie noch am leben“, sagt Balliet. Er habe auf keinen Fall aufgehalten werden wollen. Im Nachhinein bereue er das. „Es tut mir sehr leid, dass ich sie erschossen habe. Das war nicht geplant und nicht gewollt.“

Als die Richterin fragt, ob er nicht bemerkt habe, dass Kevin S., sein zweites Opfer im Dönerimbiss, minutenlang um sein Leben wimmerte. „In dem Moment hatte ich noch nicht verloren“, sagt Balliet, als wäre alles bloß ein Computerspiel. Er habe weitermachen wollen, völlig egal, was er noch vernommen habe vom Opfer. Er habe Kevin S. als Muslim eingeordnet. Er würde ja keine „Weißen“ anschießen, betont er immer wieder regelrecht pikiert.

Mindestens 17 weitere Verhandlungstage folgen

Sein Ziel war es, an diesem Tag möglichst viele Juden, Schwarze und Muslime zu töten, bis er selbst von der Polizei getötet wird. So beschreibt es der 28-Jährige über Stunden am ersten Prozesstag. Immer wieder wird er laut oder lacht verächtlich, wenn die Richterin seiner Logik nicht folgen mag. Mal wirkt er frustriert, mal stolz, mal voller Hass, vor allem auf sich selbst, den „Versager“. Die Polizei erschoss den Attentäter nach der Verfolgungsjagd letztlich nicht. Stephan Balliet wird sich vor Gericht verantworten müssen, mindestens 18 Verhandlungstage lang. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt.

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