„Niemand radikalisiert sich alleine“: Die Mission der Nebenklägerinnen im Halle-Prozess

Rechtsextremismus

Seit Wochen steht der Attentäter von Halle vor Gericht - auch heute wieder. Zwei der Nebenklägerinnen fahren immer wieder zu Gericht. Sie wollen verstehen, warum Stephan B. sie töten wollte.

Berlin

01.09.2020, 12:05 Uhr / Lesedauer: 5 min
Der angeklagte Stephan Balliet sitzt zu Beginn des achten Prozesstages im Landgericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13 Straftaten vor, unter anderem Mord und versuchten Mord.

Der angeklagte Stephan Balliet sitzt zu Beginn des achten Prozesstages im Landgericht. Die Bundesanwaltschaft wirft dem Attentäter von Halle 13 Straftaten vor, unter anderem Mord und versuchten Mord. © picture alliance/dpa

Am Dienstag wird der Prozess gegen den Attentäter von Halle fortgesetzt. Auch Sabrina Slipchenko wird dann wieder nach Magdeburg fahren und Stephan B. gegenübersitzen. Er wollte sie töten. Nun steht er vor Gericht, und sie will verstehen, was ihn dazu trieb.

Die 23-jährige Amerikanerin, die in Berlin lebt, war zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur zu Gast bei der Gemeinde in Halle. Sie gehört zu den Überlebenden des Attentats und zu den Nebenklägern des Prozesses. Sie fährt nach Magdeburg, weil der mörderische Rassismus des Täters Teil ihres Lebens geworden ist.

Und weil sie dafür sorgen will, dass dieser Rassismus aus der Gesellschaft verschwindet. Das ist eine große, vielleicht zu große Aufgabe für einen Menschen und auch noch eine zu große Aufgabe für einen Gerichtsprozess. Aber welche andere Möglichkeit hat Sabrina Slipchenko?

Nebenklägerin sitzt Attentäter gegenüber

Ein Treffen in einem Berliner Café, während der kurzen Sommerpause des Gerichts. Die 23-Jährige trägt ihre Haare lila gefärbt, an den Seiten abrasiert. Sie spricht präzise und ernst. Der Prozess wird sich noch bis mindestens November hinziehen, jeden Dienstag und Mittwoch wird verhandelt. Bereits jetzt, noch nicht einmal zwei Monate nach Prozessbeginn, beginnt das Verfahren aus dem Fokus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Es scheint schon alles klar zu sein. Stephan B., 28, ein Rechtsextremer, ein Verlierertyp, ein Einsamer im Internet, ein psychopathischer Einzeltäter. Er ist geständig, er wird lange Zeit ins Gefängnis gehen. Warum noch die Aufmerksamkeit?

Weil es nicht anders geht, sagt Sabrina. „Es ist wichtig für mich, dort zu sein. Dieser Prozess ist ein Teil meiner Selbst, und ich will nicht, dass darüber ohne mich verhandelt wird.“ Sie sitzt Stephan B. gegenüber, um ihm zu zeigen, dass sie keine Angst vor ihm hat. Und weil sie ihn nicht für ein Monster hält, sondern für einen Menschen. Einen, der das ausführte, was viele denken. „Ich sehe eine Verpflichtung zu verstehen, so genau es mir möglich ist, wie rechtsextreme Radikalisierung wirkt, wie rechtsextreme Mobilisierung heutzutage funktioniert“, sagt sie. „Ich will wissen, wie jemand so wird, um so etwas verhindern zu können.“

„Stephan B. ist kein Psychopath“

Stephan B., der während des Prozesses immer wieder höhnisch-überlegen grinst, sei kein Psychopath, sagt sie. „Er ist von einem Ideologie-Virus befallen, er ist eine Art Fundamentalist. Er ist nur ein kleines bisschen militanter als der Durchschnittsbürger. Seine Rhetorik ist dieselbe wie bei anderen Rechtsradikalen. Er sieht den Auftrag zum Handeln. Das ist alles, was ihn unterscheidet.“

Die junge Frau aus Philadelphia versucht jetzt, das ländliche Sachsen-Anhalt zu verstehen. Wie wächst jemand in Benndorf auf? In dem Ort im Mansfelder Land wohnte Stephan B. bei seiner Mutter. Über das abgeschlossene Kinderzimmer, die Waffen im Bettkasten, die Computer weiß Deutschland, weiß auch Slipchenko inzwischen Bescheid. Aber was wussten Familie, Nachbarn, Bekannte darüber, was im Kopf des späteren Attentäters vorging?

Waffen auf dem Grundstück des Vaters ausprobiert

Im Berliner Straßencafé, umweht von Mopedknattern, sagt die Amerikanerin: „Ich möchte etwas über sein Dorf herausfinden und darüber, wie Radikalisierung gestoppt werden kann. Wir dürfen die Umgebung nicht außer Acht lassen, auch nicht bei Tätern, die sich im Internet radikalisieren. In ihrer Umgebung erfuhr der Täter Zustimmung für rassistische Sprüche, oder Schweigen, das er als Zustimmung werten kann. Er geht eine Strecke des Weges mit seinem Umfeld – und den Rest des Weges mit seinen Freunden aus dem Internet.“

Die Freunde aus dem Internet - wer können sie gewesen sein? Slipchenko kennt sie genauso wenig wie das Gericht, aber eines ist für sie klar: „Niemand ist alleine im Internet. Niemand radikalisiert sich alleine.“

Seit einer Woche läuft der Prozess wieder im Gebäude des Landgerichts in Magdeburg. Die vergangenen beiden Prozesstage nach der Sommerpause haben für Unruhe gesorgt. Es wurde deutlich, wie viele Anzeichen es letztlich doch gegeben hatte, dass Stephan B. in eine rechtsextreme, antisemitische und letztlich auch gewalttätige Ecke abdriftete. Selbst die Waffen hat er - entgegen voriger Aussagen - auf dem Grundstück seines Vaters mitten in Helbra, dem Nachbarort von Benndorf, ausprobiert. Niemand hat anscheinend etwas gehört.

Wissenslücken, Zuständigkeitsgrenzen, Ahnungslosigkeit

Und die Prozess-Öffentlichkeit bekam eine irritierende Vorführung der Arbeitsweise des Bundeskriminalamts (BKA) über Ermittlungen im Internet: Ein Zeuge nach dem anderen offenbarte Wissenslücken, Zuständigkeitsgrenzen, Ahnungslosigkeit. Was Stephan B. auf anonymen Foren, sogenannten Imageboards, trieb - von Deutschlands Top-Ermittlungsbehörde scheint es nicht herauszufinden zu sein.

Unter den Nebenklage-Anwälten ist eine ganze Reihe mit Erfahrungen aus früheren Rechtsterror-Prozessen, vom NSU bis zur „Gruppe Freital“. Der Berliner Sebastian Scharmer ist einer von ihnen, im Verfahren gegen Beate Zschäpe vertrat er die Kinder des Dortmunder NSU-Opfers Mehmet Kubasik. Mit diesen Erfahrungen sieht er nicht einfach Unfähigkeit im Vorgehen des BKA, sondern System.

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt er: „Es ist zu kurz gegriffen zu sagen, das BKA habe sich bei der Ermittlung des Internetverhaltens des Angeklagten keine Mühe gegeben. Das BKA hatte anscheinend von Anfang an eine Ermittlungsthese, die es bestätigt sehen wollte: Die vom Einzeltäter ohne jede Unterstützung, der sich alleine im Netz radikalisiert hat.“ Bereits im NSU-Prozess sei deutlich geworden, „dass rechtsextreme Strukturen nicht gerne als das ermittelt werden, was sie sind“.

Er hofft immer noch, dass im Prozess Kontakte, Verbindungen und Unterstützer von B. festgestellt werden können. „Und sei es die Feststellung, dass wir nicht wissen, mit wem der Täter sich ausgetauscht hat.“ Der Angeklagte schweigt dazu, er will „seine Leute schützen“, wie er zu Prozessbeginn gesagt hat. Für Scharmer und die Nebenklägerinnen aber ist eines bereits klar: „Stephan B. hat alleine geschossen, er hat vielleicht auch die Waffen alleine gebaut, aber solch eine Tat entsteht doch nicht aus dem Nichts.“

Auch Bundespolitiker schauen irritiert auf den Offenbarungseid des BKA im Halle-Prozess. Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz sagt dem RND: „Ob Christchurch, Halle oder Hanau - Fragen zum digitalen Agieren und zur Vernetzung der Täter stellen sich nach praktisch allen rechtsterroristischen Taten. Auf dieses Problem haben wir auch im Parlament immer wieder hingewiesen. Die entsprechenden Plattformen müssen endlich stärker in den Blick genommen und die sich nun erneut offenbarten Lücken bei der Strafverfolgung auf diesem Gebiet schnellstmöglich geschlossen und digitale Kapazitäten endlich aufgebaut werden.“

Ein Ausflug zum höchsten jüdischen Feiertag

In den kommenden zwei Wochen werden die Besucher des Jom-Kippur-Gottesdienstes aussagen. Der Gemeindevorsteher Max Privorozki soll kommenden Dienstag aussagen, auch Sabrina Slipchenkos Termin ist für nächste Woche vorgesehen, ebenso der von Naomi Henkel-Gümbel, ihrer Freundin aus dem Umfeld der international geprägten jüdischen Gemeinschaft Base Berlin. Sie haben zum höchsten jüdischen Feiertag einen Ausflug nach Halle gemacht, Amerikaner, Deutsche, Israelis, sie wollten einmal aus Berlin raus.

Und nun sitzen sie auf den Nebenkläger- und Zeugenbänken im Landgericht Magdeburg. Ein deutscher Attentäter, international radikalisiert, trifft jetzt auf eine internationale Gemeinschaft seiner potenziellen Opfer, die verstehen wollen, warum er sie töten wollte. Vielleicht bekommt nur durch sie dieser Prozess die Möglichkeit, mehr zu werden als die Verurteilung eines geständigen Doppelmörders.

Und er bietet für sie die Möglichkeit, ihren Frieden zu machen mit dem Land, in dem Stephan B. handeln konnte, ohne vorher aufgehalten zu werden. Naomi Henkel-Gümbel, 29, wuchs in Deutschland auf, studierte in Israel, ging dann nach Berlin - und wusste nach dem Tag in der Synagoge erst einmal nicht mehr, wohin sie gehörte. „Ich habe nach dem Anschlag sehr lange mit der Frage gehadert, inwieweit ich mich in Deutschland sehe“, sagt sie.

Gerade liegt ihre Heimat in der Gemeinschaft von Base Berlin, sagt sie: „Zu meinem großen Glück haben die Menschen in meinem Umfeld, in der Gemeinde, daran geglaubt, dass ich wieder auf die Beine komme. Auch dann, als ich es selbst nicht geglaubt habe.“

„Wir müssen die Gesellschaft verändern“

Am Dienstag, mit als erster, tritt Jeremy Borovitz in den Zeugenstand, der Rabbiner von Base Berlin. Er will über die Ereignisse in der Synagoge sprechen und über den problematischen Umgang der Polizei mit den Betenden. Wie bereitet er sich vor? „Ich werde das Psalmenbuch meines Vaters mitnehmen und daraus lesen“ sagt er. „Das gibt mir hoffentlich die Stärke, dem Täter gegenüber zu treten.“

Vermutlich kurz vor Jahresende wird Stephan B. verurteilt. Einige Nebenkläger wünschen ihm, dass er nie wieder in Freiheit kommt. Ismet Tekin vom „Kiez-Döner“ sagt das. In dem Imbisslokal erschoss Stephan B. den 20-jährigen Malerlehrling Kevin S. Auch Kevins Vater Karsten Lissau fordert, dass B. bis an sein Lebensende im Gefängnis bleiben wird.

Wäre das eine gerechte Strafe? Sabrina Slipchenko schaut kurz ins Berliner Straßengewühl und denkt nach: „Ich weiß es nicht. Ich fühle mich sicherer, wenn ich weiß, dass er nicht in Freiheit ist und mich töten kann. Aber ich fühle mich erst dann sicher, wenn wir etwas gegen diese Art von Radikalisierung, gegen diesen Hass tun. Ich würde mir wünschen, dass er im Gefängnis diesen Hass, diese Ideologie ablegt. Niemand sollte Jahrzehnte hinter Gittern vegetieren. Das ist keine Lösung. Wir müssen die Gesellschaft verändern.“

RND

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