Neuer bundesweiter Fall von schwerem Kindesmissbrauch: Polizei nimmt elf Verdächtige fest

Bundesweiter Missbrauchsfall

In einem neuen schweren Kindesmissbrauchsfall hat die Polizei in Münster sieben Beschuldigte in Haft genommen. Sie sollen Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren mehrfach stundenlang missbraucht haben.

Münster

06.06.2020, 14:56 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nach Ermittlungen zu schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern hat die Polizei in mehreren Bundesländern Tatverdächtige festgenommen.

Nach Ermittlungen zu schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern hat die Polizei in mehreren Bundesländern Tatverdächtige festgenommen. © picture alliance/dpa

In einem neuen schweren Kindesmissbrauchsfall hat die Polizei Münster elf Verdächtige festgenommen. Sieben Beschuldigte befinden sich in Untersuchungshaft, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Samstag in Münster mitteilten.

Drei Kinder seien als Opfer identifiziert worden. Sie seien 5, 10 und 12 Jahre alt. Bei den mutmaßlichen Tatorten spielt wieder eine Kleingartenanlage eine Rolle. Der Hauptbeschuldigte ist ein 27-Jähriger aus Münster. Bei den sechs weiteren Beschuldigten, gegen die Haftbefehl erlassen wurde, handele es sich um dessen 45 Jahre alte Mutter aus Münster sowie um Männer aus Staufenberg bei Gießen (30 Jahre alt), Hannover (35), Schorfheide in Brandenburg (42), Kassel (43) und Köln (41).

Jungen wurden über Stunden schwer sexuell missbraucht

Die Ermittler hätten „unfassbare“ Bilder sehen müssen, sagte der Leiter der Ermittlungen, Joachim Poll. Mindestens vier der Männer sollen wechselweise einen 5- und einen 10-Jährigen Jungen in einer Gartenlaube in Münster über Stunden schwer sexuell missbraucht und die Taten teils gefilmt haben.

Die Mutter des Hauptbeschuldigten sei Nutzerin der Hütte; sie soll ihrem Sohn die Schlüssel überlassen und den sexuellen Missbrauch der Kinder in Kauf genommen haben. Bei den beiden Opfern handelt es sich laut den Ermittlern um den 10-jährigen Sohn der Lebensgefährtin des Münsteraners und um den 5-jährigen Sohn des Beschuldigten aus Staufenberg. Das habe die Auswertung einer bereits gelöschten Festplatte ergeben, die die Ermittler versteckt in einer Zwischendecke gefunden hätten, sagte Poll.

Komplett eingerichteter Serverraum für die Daten in Münster

Bei dem dritten Opfer handelt es sich den Ermittlern zufolge um den 12-jährigen Neffen des Beschuldigten aus Kassel. Dieser soll den Jungen missbraucht haben, wie aus sichergestellten Daten des 27-jährigen Münsteraners hervorgehe. In einem Keller in Münster habe man einen komplett eingerichteten, klimatisierten Serverraum gefunden. Er sei dem 27-jährigen Tatverdächtigen zuzurechnen, einem IT-Techniker, sagte Poll.

Das Speichervolumen der sichergestellten Daten liege nach ersten Erkenntnissen bei über 500 Terrabyte. Poll sprach von mehreren Hundert Asservaten an gefundener IT-Technik. Die Datenträger seien hochprofessionell verschlüsselt worden. Den Ermittlern sei es bis heute nicht gelungen, alle Daten zu entschlüsseln.

Poll sprach von aufwendigen, kniffligen und mit viel Technik verbundenen Ermittlungen. Der 27-Jährige aus Münster sei in einem landwirtschaftlichen Betrieb im Kreis Coesfeld für die IT-Technik tätig gewesen. Ausgangspunkt der Ermittlungen sei ein Verfahren aus dem Jahr 2018 gewesen; damals habe eine unbekannte Person Daten mit Kinderpornografie übers Internet angeboten. Über eine ermittelte IP-Adresse habe die Spur zu dem landwirtschaftlichen Betrieb im münsterländischen Kreis Coesfeld geführt.

Hauptverdächtiger war bereits wegen Kinderpornografie vorbestraft

Der 27 Jahre alte Hauptverdächtige war wegen Kinderpornografie bereits vorbestraft. Das Jugendschöffengericht in Münster habe ihn am 13. Januar 2016 zu einer zweijährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt, sagte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Samstag.

Gegenstand seien Taten von September 2010 bis September 2013 wegen Zugänglichmachens kinderpornografischer Schriften im Internet und Besitzes solcher Schriften gewesen. Dem Mann habe die Auflage bekommen, „eine Therapie für die von ihm so weit wir wissen auch immer offen bekundeten pädophilen Neigungen fortzusetzen“. Dieser Auflage sei er nach bisherigen Erkenntnissen auch nachgekommen.

Eine weitere Verurteilung folgte laut Botzenhardt am 8. Juni 2017 durch das Schöffengericht Münster, bei der er eine zweijährige Gesamtfreiheitsstrafe auf Bewährung bei nahezu identischem Tatvorwurf bekommen habe. Die entsprechenden Taten hätten sich von September 2014 bis Dezember 2014 ereignet - also vor der Verurteilung vor dem Jugendschöffengericht und somit nicht während der laufenden Bewährung, betonte Botzenhardt.

Erneut schwerer Fall von Kindesmissbrauchs in NRW

Nordrhein-Westfalen war seit Anfang 2019 wegen mehrerer Fälle von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern in die Schlagzeilen geraten. Auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe hatten mehrere Männer Kinder hundertfach über Jahre schwer sexuell missbraucht. Ermittlungen zu einem bundesweiten Kinderpornografie-Tauschring hatten im Oktober 2019 in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen und erstrecken sich mittlerweile auf sämtliche Bundesländer.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte nach dem Fall Lügde das Thema Kindesmissbrauch zur Chefsache erklärt und die Arbeit der Ermittlungsbehörden in diesem Bereich verstärkt.

dpa

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