Neue EU-Regelungen: Landwirte in Lünen und Selm fühlen sich bevormundet

dzEU-Agrar-Beschlüsse

Nistplätze einrichten, Äcker ertragreich halten, seltene Früchte anbauen: Für all dies sollen Landwirte künftig höhere Prämien erhalten. Das halten Landwirte aus Lünen und Selm davon.

Lünen, Selm

, 17.11.2020, 16:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn Landwirte bestimmte Umweltauflagen erfüllen, bekommen sie Bonuszahlungen aus den Töpfen der EU. Dazu gehört zum Beispiel Blühstreifen am Feldrand anzulegen, große Monokulturen zu vermeiden oder Hecken zu pflanzen, in denen Vögel brüten können. Das System ist komplex. Unterm Strich soll es auch Verluste ausgleichen, die Landwirte beispielsweise eventuell durch den Anbau einer hohen Fruchtfolge haben.

Während ihres jüngsten Treffens hatten sich die Agrarminister der Europäischen Union auf die weitere Ausrichtung der „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (GAP) für die nächste Förderperiode ab 2023 verständigt. Als einer der Kernpunkte wurde beschlossen, das System der Förderprämien umzustrukturieren.

Umsetzung muss praktikabel sein

„Die Basisprämie wird heruntergefahren und die Umweltauflagen heraufgefahren“, fasst Carl Schulz-Gahmen, Lünens Ortslandwirt, zusammen. „Der Nachhaltigkeitsgedanke wird jetzt in den Mittelpunkt gestellt“, bewertet Jochen Westermann, Landwirt in Selm, die Ergebnisse der Verhandlungen.

Die neuen Beschlüsse sehen vor, Ausgleichszahlungen von mindestens 20 Prozent für Umwelt- und Klimaschutzprogramme, so genannte ECO-Schemes, zu reservieren.

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Wie genau die Eco-Schemes künftig gestaltet sein sollen, steht noch nicht fest. Für Deutschland zeichnet sich lediglich ab, dass biologische Vielfalt im Mittelpunkt der künftigen Öko-Regelungen steht.

„Jetzt ist es wichtig, dass die Umsetzung für uns Landwirte zumindest annähernd praktikabel wird“, kommentiert Hans-Heinrich Wortmann, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, die Beschlüsse. Häufig wolle man alles auf einmal erreichen, die „eierlegende Wollmichsau“ gebe es aber nicht. „Es gibt zahlreich Zielkonflikte“, sagt er und führt als Beispiel auf: „Setzen wir weniger Pflanzenschutz ein, müssen wir das Unkraut mechanisch bekämpfen und häufiger über den Acker fahren, was einen höheren CO2 –Ausstoß verursacht.“

„Wir denken in Generationen“

Lünens Ortslandwirt Carl Schulz-Gahmen sieht das EU-System der Umweltprämien kritisch: „Wir Bauern sitzen seit mehr als 1000 Jahren auf den Höfen und haben unsere Ländereien nach bestem Wissen und Gewissen behandelt. Wir denken nicht in hohen Erträgen für die nächsten vier oder fünf Jahren, sondern wir denken in Generationen. Ein Bauer ist natürlich sehr interessiert, seine Lebensgrundlage auch noch für seine Kinder und Enkel zu erhalten.“ Das müsse man nicht aus Brüssel oder Berlin oder Düsseldorf gesagt bekommen.

Viele der Maßnahmen zielten laut Schulz-Gahmen darauf ab, Städtern das ländliche Seherlebnis zu verschönern. „Aber wir müssen auch wirtschaftlich denken“, sagt er, „und die richtige Balance zwischen Ökologie und Ökonomie finden.“

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Schon jetzt breite Fruchtfolge

Der Selmer Landwirt Jochen Westermann sieht die EU-Vorhaben unaufgeregt. „Wir haben auf dem Hof jetzt schon keine Monokulturen, sondern eine breite Fruchtfolge“, sagt er. „In unserem Bereich ist Nachhaltigkeit vorausgesetzt.“

Seine Schweine werden demnach nicht nur mit Mais, sondern auch mit Weizen, Tritikale, Gerste und Roggen gefüttert. „Ich wünsche mir nur, dass es unbürokratisch abläuft. Auch, um es für die Verbraucher nachvollziehbarer zu machen.“

Eigentlich müsste die Prämie nur den landwirtschaftlichen Betrieben gezahlt werden, nicht den Industriellen wie Aldi oder Oetker“, ergänzt Sabine Goertz, Landwirtin in Lünen. „Solange die Preise nicht stimmen, sind die landwirtschaftlichen Betriebe auf die Prämien angewiesen.“ Ohne sie hätten sie keine Überlebenschance. „Wir Bauern versuchen händeringend zu erklären, dass wir nachhaltig wirtschaften“, sagt auch sie, „aber wir kommen gar nicht mehr durch. Politiker handelten emotional, das nötige Fachwissen aber fehlt ihnen.“

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