Neue Erkenntnisse: Auch Atemluft könnte das Coronavirus übertragen

Coronavirus

Je länger die Corona-Pandemie anhält, desto mehr Informationen gibt es auch über die Übertragungswege. Viele Gerüchte entpuppen sich als schierer Unfug, es gibt aber auch neue Erkenntnisse.

08.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Passanten und Jogger genießen trotz des Coronavirus die milden Temperaturen beim Spaziergang.

Passanten und Jogger genießen trotz des Coronavirus die milden Temperaturen beim Spaziergang. © picture alliance/dpa

Es gibt viele Informationen darüber, wie das Coronavirus von Mensch zu Mensch übertragen wird. Vorrangig geschieht das durch Tröpfcheninfektion. Leider gibt es dazu auch Falschmeldungen und Gerüchte, gerade im Internet. Doch es gibt ebenso neue Forschungsergebnisse, etwa was Übertragungen in der Luft betrifft.

Auch Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, der unter anderem durch seinen täglichen Corona-Podcast beim NDR populär geworden ist, hält etwa eine Infektion durch Luftbewegungen für möglich – und somit einen wissenschaftlichen Beleg für den Selbstschutz von Masken für nicht gegeben, zumindest nicht für die Standard-OP-Masken, den „Mund-Nasen-Schutz, den man sich auch selbst nähen kann“, wie er in seinem Podcast sagt. „Bei diesen Masken gibt es keine wissenschaftliche Evidenz für einen Nutzen für den Selbstschutz“.

Auswertung der gesamten Atemluft über 30 Minuten

Insgesamt lag der Fokus der Infektionen auf den oberen Atemwegen, das Alter der Probanden umfasste junge und mittelalte Erwachsene. Die Testpersonen wurden für die Dauer von 30 Minuten vor eine trichterförmige Absaugvorrichtung gesetzt. Alles, was die Probanden in dieser Zeit von sich gaben, beim Atmen und beim etwa alle 60 Sekunden auftretenden Husten, wurde in der Apparatur gesammelt und konserviert, so dass man später auswerten konnte, ob sich Viren in der ausgeatmeten Luft befanden. Das schloss auch feine Tröpfchen von 5 Mikrometern ein. „Die großen Tröpfchen über 5 Mikrometer (µm)“, schildert Drosten, „können etwa 100 Mikrometer, ein Zehntel Millimeter groß sein, sodass man sie wirklich schon sieht mit bloßem Auge. Das sind jene Tröpfchen, von denen wir bei einer Tröpfcheninfektion sprechen. Das, was bei einer feuchten Aussprache oder beim Husten und Niesen herauskommt und dann in einem Radius von 1,5 bis 2 Metern auch gleich zu Boden fällt.“

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Die Erkältungsforschung ist sich ziemlich sicher, dass der allergrößte Teil dieser auf solche Art abgegebenen Viren bei Erkrankungen der oberen Atemwege aus diesen großen Tröpfchen besteht, die zu Boden fallen. Vieles an den Vorkehrungen und Infektionsschutzüberlegungen basiere auf dieser Erkenntnis, erläutert Drosten. Zusätzlich gebe es aber noch die Aerosole, deren Größe unter 5 Mikrometern liegt. Deren Größenbereich sei aber ebenfalls nicht hart abgegrenzt – bei einem richtigen, länger in der Luft bleibenden Aerosol seien die Tröpfchen sogar noch viel kleiner, unter einem Mikrometer groß. Je kleiner das Tröpfchen sei, desto länger und leichter könne es in der Luft bleiben. Andererseits gelte aber auch, je kleiner es sei, desto größer sei die Möglichkeit, dass das Virus austrockne und das Tröpfchen nicht mehr infektiös sei.

Doppeleffekt auch beim aktuellen Coronavirus

Das Problem bei diesem Doppeleffekt ist, dass man beim aktuellen Coronavirus bisher noch nicht weiß, wie es sich verhält. Im Labor, so die Studie der University of Hongkong, die im Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, hält sich das Virus im Aerosol drei Stunden lang – jedoch unter Laborbedingungen mit einem hochinfektiösen Virus. Allerdings, so Drosten in seinem Podcast, konnte in der Studie, in der ein Teil der Probanden schlichte Mund-Nasen-Schutzmasken trug und der andere nicht, bei keinem der elf Maskenträger nach Ablauf der 30 Minuten ein Virus in der Atemluft nachgewiesen werden – weder in Tropfen über 5 Mikrometer noch darunter. In der anderen zehnköpfigen Probandengruppe, die keine Masken trugen, seien bei sieben Patienten Viren in der Atemluft nachgewiesen worden. Zwar sei die Dauer von 30 Minuten extrem, aber immerhin, so Drosten, gebe diese Studie belastbare Zahlen über das Verhalten des Coronavirus her.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt die Gefahr einer Aerosolinfektion so ein: „Die bisherige Studienlage liefert keine Hinweise für eine Übertragung von Sars-Cov-2 über Aerosole im normalen gesellschaftlichen Umgang.“

Eine weitere, noch nicht veröffentlichte, Studie aus Singapur untersuchte drei Sars-Cov-2-Patienten. In deren Fall wurde über mehrere Tage die Raumluft analysiert. Bei einem Patienten, der schon bei Infektionstag neun war, habe sich in der Luft nichts nachweisen lassen, bei den anderen beiden Patienten, von denen einer Symptome aufwies und der andere nicht, habe man in der Raumluft sowohl kleine als auch große Tröpfchen nachweisen können, berichtet Drosten in seinem Podcast.

Theoretische Übertragungsmöglichkeit durch in der Luft stehendes Virus

Das könnte bedeuten, dass das Virus eben auch über die normale Atemluft übertragen werden kann, wenn das Virus in der Luft steht. Bei der Luftübertragung würde dann eine schlichte Maske nicht mehr helfen. Allerdings gibt es bei uns im öffentlichen Raum wie in Supermärkten, so starke Luftumwälzungen, etwa durch Klimaanlagen, dass das Risiko, sich durch stehende Viren zu infizieren, praktisch nicht existent ist.

Die Singapurer Studie hat zudem noch einen interessanten Nebeneffekt. Man nahm Wischproben in 30 verschiedenen Krankenzimmern von Sars-Cov-2-Infizierten von allen möglichen Oberflächen und testete die auf Viren. In Fußbodenproben waren zwar mehr als 50 Prozent Viren nachweisbar, aber immer nur in der ersten Symptomwoche. Nach einer Krankheitswoche hört also das Virus-Rieseln aus der Luft auf. Allerdings, so Drosten, könne immer nur die RNA, also die genetische Struktur des Virus nachgewiesen werden – auch wenn die Spuren schon längst nicht mehr ansteckend seien. Eine Oberflächenübertragung des Sars-Cov-2 sei wissenschaftlich eher nicht relevant.

Auf den normalen Haushalt heruntergebrochen heißt das: Das präventive Desinfizieren von Flächen ist nicht notwendig.

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