Nachhaltiges Palmöl – geht das?

Umweltschutz

Palmöl findet immer häufiger Verwendung zur Herstellung von Lebensmitteln und Biokraftstoffen. Die Plantagen sorgen jedoch für Umweltschäden wie die Rodung von Regenwald.

Berlin

18.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Palmölplantagen sind nicht nur gewinnbringende Monokulturen für die Industrie, sondern auch eine Gefahr für den Regenwald und das Klima.

Palmölplantagen sind nicht nur gewinnbringende Monokulturen für die Industrie, sondern auch eine Gefahr für den Regenwald und das Klima. © picture alliance/dpa

Auf den ersten Blick ist es nur eine unscheinbare Ölfrucht aus den Tropen. Doch Palmöl sorgt seit Jahren für reichlich Diskussionsstoff. Umweltschützer sehen in der zunehmenden Palmölproduktion eine Gefahr für Regenwald, Artenvielfalt und Klima. Die Industrie dagegen betrachtet die produktive Pflanze als Segen.

Das in der Palme enthaltene Öl findet sich in zahllosen Produkten hiesiger Supermärkte: Süßigkeiten, Tütensuppen, Backwaren, Reinigungsmittel, Lippenstifte – sogar in Kraftstoffen und zur Strom- und Wärmegewinnung wird das vielseitig einsetzbare Palmöl verwendet. Aber warum schwören so viele Firmen auf die ursprünglich aus Afrika stammende Ölpalme (Elaeis guineensis)?

Das liegt vor allem an ihrer Produktivität: „Es gibt keine Ölpflanze, die so ertragreich pro Hektar ist wie Palmöl“, erläutert die Bioökonomin Maria Backhouse, Expertin für Bioökonomie an der Universität Jena. „Das heißt: Für alle anderen Ölpflanzen wie Raps, Sonnenblume oder Soja müssten vergleichsweise mehr Flächen bepflanzt werden.“

Nachfrage nach Palmöl hat sich verdreifacht

Ein Blick auf die Zahlen veranschaulicht das besondere Interesse am Palmöl: Weltweit habe sich die Nachfrage in den Jahren von 2000 bis 2018 Jahren mehr als verdreifacht: Von 20 Millionen Tonnen auf mehr als 70 Millionen Tonnen, schrieb ein Team um Hannah Cooper von der Universität Nottingham jüngst in der Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Neben den wirtschaftlichen Vorteilen des Palmöls schätzt die Industrie auch seine praktischen Eigenschaften als Lebensmittel: Margarine, Schokoladencreme und Brotaufstriche würden durch Palmfett streichfähig, erläutert das Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP). Zudem sei es ohne chemische Härtung bei Zimmertemperatur fest, geschmacksneutral, sehr hitzestabil und lange haltbar.

In Deutschland flossen im Jahr 2017 etwa 246.500 Tonnen Palmöl in die Lebensmittelproduktion. Das entspricht jedoch nur rund 22 der hierzulande verwendeten Menge. Rund die Hälfte hingegen – also 581.400 Tonnen – wurde für die Energiegewinnung und die Herstellung von Biokraftstoffen eingesetzt, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht. Der Rest wurde unter anderem für Futtermittel, Wasch-, Pflege- und Reinigungsmittel, Kosmetik, Pharmazie und sonstige Chemie verwendet.

Für Palmölplantagen werden Regenwälder gerodet

Das schlechte Image der Ölpalme bei Umweltschützern hat hauptsächlich mit der Kultivierung zu tun: Für neue Anbauflächen, etwa in den größten Produktionsländern Malaysia und Indonesien, werden regelmäßig gigantische Flächen Regenwald gerodet.

In Indonesien zum Beispiel bedecken Palmölplantagen laut dem Verein „Rettet den Regenwald“ rund neun Millionen Hektar Fläche (90.000 Quadratkilometer), fast 5 Prozent des gesamten Landes. Das entspricht etwa der Größe von Bayern und Thüringen zusammen.

Darunter leidet die Artenvielfalt: Tropischer Regenwald bedeckt zwar nur wenige Prozent der Erdoberfläche, beheimatet darauf aber einen Großteil der Tier- und Pflanzenarten.

Pestizide und Düngemittel töten Insekten

Einige Palmölplantagen seien so groß, dass man beim Anflug vom Flugzeug aus nichts anderes sehe als Ölpalmen, so weit das Auge reiche, berichtet Jacey Bingler von der Umweltorganisation Urgewald. Bingler besuchte im Jahr 2017 – damals noch für das Start-up-Unternehmen Ecosia – ein Aufforstungsprojekt in Kalimantan im indonesischen Teil der Insel Borneo und machte sich einen Eindruck von der dortigen Palmölproduktion.

„Um die wenigen noch intakten Regenwälder Kalimantans zu erreichen, muss man meist mehrere Stunden durch Plantagen fahren“, sagt Bingler. „Alles sieht gleich aus, es gibt nichts außer Ölpalmen und vereinzelten Abwassergräben.“

Anders als in intakten Regenwäldern, wo man Affen, Vögel und laut summende Insekten hören würde, sei es auf den Plantagen totenstill. Grund dafür seien auch die zur Schädlingsbekämpfung eingesetzten Pestizide und Düngemittel im Boden.

Deutsche Firmen profitieren vom Palmölanbau

Die Organisation Roundtable On Sustainable Palm Oil (RSPO), ein internationaler Zusammenschluss von Industrie, Handel und Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie etwa der Umweltgruppe WWF, vergibt Zertifikate an Unternehmen für nachhaltig produziertes Palmöl.

Das tun auch andere, ähnlich zusammengesetzte Organisationen wie RSB (Rountable Sustainable Biomaterials), ISCC (International Sustainability and Carbon Certification), POIG (Palmoil Innovation Group) und Rainforest Alliance. Die Mitgliederliste des RSPO enthält auch deutsche Namen wie die Alfred Ritter GmbH (Rittersport), Aldi, Bahlsen und Bayer – allesamt Unternehmen, die von der Ölpflanze profitieren.

RSPO-Zertifikat weist Kontrolllücken auf

Und genau dafür gibt es Kritik vom Aktionsbündnis „Regenwald statt Palmöl“: Zumindest in seiner gegenwärtigen Form sei das RSPO-Zertifikat ungeeignet und diene Profiteuren der Palmölproduktion zum sogenannten „Greenwashing“, schreibt der Verein auf seiner Internetseite.

Kritisiert wird auch, dass die RSPO sich selbst kontrolliere: „Es ist unklar, wie die tatsächlichen Kontrollen vor Ort aussehen, beziehungsweise wie engmaschig sie sind“, heißt es.

Monokulturen schaden den Böden

Eine nachhaltige Palmölproduktion sei durchaus möglich, etwa durch die Nutzung vorhandenen Brachlandes, sagt Julia Cissewski vom Aktionsbündnis. Allerdings seien Regenwaldflächen für neue Plantagen lukrativer, wegen der Tropenhölzer. „Durch den Verkauf der Hölzer können die ersten Jahre, in denen die Palmen heranwachsen und noch keine Früchte tragen, finanziert werden“, so Cissewski.

Der Verein Urgewald, der Zertifikate für nachhaltiges Palmöl ablehnt, geht noch weiter und sagt, nachhaltiges Palmöl sei auf industrieller Ebene nicht realisierbar. Denn durch die Monokultur seien die Böden der Palmölplantagen nach wenigen Jahren ausgelaugt, weshalb zwangsläufig immer neuer Regenwald abgeholzt werden müsse.

Giftstoffe machen weiteren Anbau unmöglich

Ausgediente Plantagen lägen meist brach und seien durch die Masse an giftigen Stoffen im Boden für weitere landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet. „Dieses Problem besteht selbst dann, wenn man versucht, das Ganze so nachhaltig wie möglich anzugehen“, sagt Bingler.

Ähnlich sieht es die Jenaer Expertin Backhouse: „Bisher hat nichts zu einem Stopp der weltweiten Expansion der Palmölplantagen geführt.“ Andere Ölpflanzen seien zwar nicht so ertragreich, allerdings müssten sie – im Gegensatz zu Palmöl – nicht alle in den Tropen gepflanzt werden.

Für die Expertin gibt es deshalb nur eine Alternative: „Es muss weniger Palmöl beziehungsweise insgesamt weniger Pflanzenöl verbraucht werden.“

EU will Palmöl aus Biokraftstoffen verbannen

Einen einseitigen Appell nur an die Verbraucher hält Bingler von Urgewald nicht für sinnvoll: „Ich glaube, dass man dadurch sehr schnell auch die Politik aus ihrer Verantwortung entlässt“, sagt sie. Das Problem könne nicht allein von einzelnen Menschen gelöst werden, es müsse Reglementierungen geben.

Die gibt es immerhin in Ansätzen: Die EU bemüht sich darum, Palmöl zumindest aus Biokraftstoffen zu verbannen. Eine Richtlinie aus dem Jahr 2018 zu erneuerbaren Energien sieht vor, dass der Palmölanteil in Biokraftstoffen bis 2030 schrittweise auf Null gesenkt wird.

Bund unterstützt Forum Nachhaltiges Palmöl mit Fördermitteln

Mit der Richtlinie will die Staatengemeinschaft sogenannte indirekte Umweltrisiken zurückdrängen: Weil Feldfrüchte für Biokraftstoffe auf Flächen angebaut werden, die zuvor für Nahrungsmittel genutzt wurden, weichen diese wiederum auf andere Flächen wie etwa Wälder und Moore aus, die Kohlendioxid speichern. Dem will die EU mit der Richtlinie einen Riegel vorschieben.

Oliver Ramme vom Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) hält Zertifizierungssysteme wie RSPO für geeignet, um die nachhaltige Produktion von Palmöl und die sich anschließenden Lieferketten auf Einhaltung der Standards zu überwachen. Ähnlich wie beim RSPO sind die Mitglieder des FONAP Unternehmen und NGO. Auch die Bundesregierung unterstützt FONAP, unter anderem mit Fördergeldern.

Die im RSPO-System zugelassenen Zertifizier prüften genau, ob eine für den Anbau vorgesehene Fläche schützenswert sei, erklärt Ramme. „Wenn dem so ist, darf da keine Plantage angelegt werden, und zum Beispiel Torfböden müssen erhalten bleiben.“

RSPO klassifiziere Flächen anhand von Schutzkonzepten

Die Zertifizierer, auch Auditoren genannt, seien unabhängige Prüfer wie etwa der TÜV, sagt Ilka Petersen von WWF. Es gibt auch ein Onlinebeschwerdesystem, der Verstöße von Mitgliedern auflistet und den Bearbeitungsstand der Beschwerde öffentlich zugänglich anzeigt.

Die Flächen klassifiziere der RSPO anhand von international anerkannten Schutzkonzepten, die sowohl ökologische als auch soziokulturelle Schutzwerte beinhalten, sagt Oliver Ramme. Schützenswert sind beispielsweise Torfböden oder Flächen mit hohem Kohlenstoffgehalt, aber auch Friedhöfe von indigenen Bewohnern.

Entwässerung von Torfsumpfwäldern setzt Treibhausgase frei

Ramme appelliert an Unternehmen, sich für nachhaltig zertifiziertes Palmöl zu entscheiden. Als hypothetische Alternative zur Einfuhr von Palmöl nennt er den lokalen Anbau von Pflanzenöl. Allerdings gebe es hierzulande nicht genug Anbauflächen dafür. „Auch das wichtigste europäische Pflanzenöl, das Rapsöl, könnte die steigende globale Nachfrage nach Pflanzenölen nicht decken“, sagt Ramme.

Hannah Cooper von der Universität Nottingham kritisiert vor allem die Entwässerung von tropischen Torfsumpfwäldern zum Anbau von Palmöl, wie etwa im Norden des malaysischen Bundesstaates Selangor. Diese führten dazu, dass große Mengen Kohlenstoff und andere Treibhausgase in die Atmosphäre gelangten.

Torfsumpfwälder nehmen Kohlenstoff aus der Umwelt auf und dienen so als Kohlenstoffspeicher. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz bedecken sie zwar nur 3 Prozent des Festlandes, binden in ihren Torfschichten aber ein Drittel des weltweit in der Erde befindlichen Kohlenstoffs.

RND


Der Artikel "Nachhaltiges Palmöl – geht das?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.