Mordverdacht gegen Kita-Erzieherin: Die erschütternde Chronologie der Fälle

NRW

Eine Kita-Erzieherin wird mittlerweile nicht nur verdächtigt, ein Mädchen (3) in Viersen getötet zu haben, auch an anderen Kitas soll es zu Vorfällen gekommen sein. Eine Chronologie der Fälle.

Viersen

29.05.2020, 10:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Grablichter stehen vor der städtischen Kindertagesstätte „Steinkreis“ in Viersen.

Grablichter stehen vor der städtischen Kindertagesstätte „Steinkreis“ in Viersen. © picture alliance/dpa

Im Fall der toten Greta (3) aus Viersen (Nordrhein-Westfalen) haben die Ermittler am Donnerstag in Mönchengladbach bekanntgegeben, dass es bereits in drei anderen Kitas zuvor zu ähnlichen Fällen gekommen ist. Kinder sollen ebenfalls wegen Atemnot oder sogar einem Atemstillstand ins Krankenhaus gebracht worden sein, die beschuldigte Erzieherin (25) wird mit den Vorfällen in Zusammenhang gebracht. Eine Chronologie der Fälle:

1. August 2017, Kita in Krefeld: Die Beschuldigte beginnt in der Kita ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin. In der Krefelder Einrichtung merkte man den Angaben der Polizei nach schon in den ersten Tagen, dass das der falsche Job für die Frau war: keine Empathie, kein Zugang zu Kindern, keine Fähigkeit, Grenzen aufzuzeigen. Am Ende, 2018, bekam sie es dann schriftlich: „wenig geeignet“ stand in der Bewertung. Trotzdem machte sie am Ende ihre Prüfung zur staatlich geprüften Erzieherin.

November 2017, Kita in Krefeld: Die Ermittler gehen davon aus, dass es zu diesem Zeitpunkt zu dem ersten Übergriff auf ein Kind gekommen ist, ebenfalls in einer Schlafsituation wie nun auch in Viersen. Die Erzieherin soll die Schlafüberwachung der Kinder übernommen haben und nach 25 bis 30 Minuten zu den anderen Erzieherinnen gegangen sein und ihnen teilnahmslos gesagt haben, dass mit einem dreijährigen Jungen etwas nicht in Ordnung sei. Das Kind wurde später als zu dem Zeitpunkt spannungslos, nicht ansprechbar und mit merkwürdig verdrehten Augen beschrieben. Es musste in eine Klinik, hatte aber keinen Atemstillstand. Es folgten immer wieder Krampfanfälle bei dem Kind, doch eine Ursache dafür wurde nicht gefunden. Es ist noch unklar, ob die beschuldigte Erzieherin mit dem Kind alleine war. Das Kind sei laut Angaben der Mutter später ungern in die Kita gegangen und habe Angst gehabt. Als die Erzieherin die Kita wechselte, sei der Junge plötzlich wieder gern dort hingegangen.

31. Juli 2018, Kita in Krefeld: Die Erzieherin schließt ihr Anerkennungsjahr an der Kita ab. In der Kita soll es zu insgesamt fünf Übergriffen auf ein Kind gekommen sein. Keiner der Vorfälle war der Polizei gemeldet worden.

1. August 2018 bis 31. Juli 2019, Kita in Kempen: Die Beschuldigte ist nun staatlich anerkannte Erzieherin und arbeitet in der Kita. Laut Ermittlern soll es dort zu vier ähnlichen Vorfällen gekommen sein. Es handelt sich dabei um einen damals zweijährigen Jungen, der Atemnot und krampfartiges Verhalten zeigte. Es seien wie vorgeschrieben Unfallanzeigen über das Jugendamt an die Unfallkasse geleitet worden, berichtete ein Stadtsprecher am Donnerstag.

Mai 2019: Die Erzieherin gibt bei der Polizei an, Opfer eines Verbrechens geworden zu sein, wie der Leiter der Mordkommission sagte. Ein Gerichtsmediziner habe aber anschließend festgestellt, dass sie sich Ritzverletzungen selbst beigebracht hatte. Damals habe man ihr geraten, sich psychologisch behandeln zu lassen. Das Verfahren wegen Vortäuschung einer Straftat wird eingestellt.

September 2019, Kita in Tönisvorst: Die Beschuldigte beginnt, als Erzieherin in der Kita zu arbeiten.

29. Oktober 2019, Kita in Tönisvorst: Ein zweijähriges Mädchen hat in der Kita einen Atemstillstand und muss unter Notarzteinsatz in eine Klinik gebracht werden, wie die Ermittler mitteilen. Wie Greta aus Viersen war das Kind gesundheitlich vorher komplett unauffällig. Es soll unmittelbar vor dem Atemstillstand mit der beschuldigten Erzieherin, die zu dem Zeitpunkt in der Kita arbeitete, allein an der Wickelstation gewesen sein. Das Kind überlebte und erwähnte im Nachgang, dass die Erzieherin ihr fest mit der Hand auf den Bauch gedrückt hatte.

30. November 2019, Kita in Tönisvorst: Die Kita trennt sich noch in der Probezeit wieder von der beschuldigten Erzieherin. Sie seien nicht zufrieden mit ihrer Arbeitsauffassung gewesen, heißt es von den Ermittlern.

1. Januar 2020, städtische Kita „Steinkreis“ Viersen: Die Verdächtige beginnt, als Erzieherin an der Kita zu arbeiten.

21. April 2020, Kita in Viersen: Die Mutter der kleinen Greta hatte ihr Kind an dem Tag nach Wochen wieder einmal in die Corona-Notgruppe der Kita gebracht, wie der Leiter der Mordkommission Guido Boßkamp sagte. Davor war das Kind gut behütet bei der Patentante: ein robustes, fröhliches und gesundes Mädchen. An jenem Tag war Greta das einzige Kind in dieser Notgruppe - betreut von der 25-jährigen tatverdächtigen Erzieherin und einem Kollegen. Um 13 Uhr gab es Mittagessen, dann wurde die Kleine müde: Zwischen 13.20 Uhr und 13.30 Uhr wurde sie ins Bett gebracht. Der Betreuer verabschiedete sich. Die 25-jährige Erzieherin war nun alleine mit dem Kind. In Abständen von 15 Minuten will sie den Atem geprüft haben, indem sie die Hand auf Gretas Brust legte, wie sie laut Boßkamp in einer Vernehmung angab. Um 14.45 Uhr will die Erzieherin keine Atmung mehr festgestellt haben. Das Kind war nicht ansprechbar, der Körper blass und blau. Der Notarzt brachte die Kleine in die Kinderklinik nach Viersen. Das Kind wurde mit Maschinen am Leben erhalten.

29. April 2020, Viersen: Der Arzt der Kinderklinik meldet den Vorfall laut Ermittlern der Polizei, nachdem er die Rechtsmedizin zurate gezogen hatte.

30. April 2020, Viersen: Eine Mordkommission nimmt die Ermittlungen auf. Erzieherinnen, die Mutter des Kindes und weitere Personen werden vernommen. Am Tatort werden Spuren gesichert.

4. Mai 2020, Kinderklinik Viersen: Der Hirntod des vorher so fröhlichen und gesunden Kindes tritt ein.

5. Mai 2020, Viersen: Die Obduktion zeigt: Greta hatte einen Hirnschaden aufgrund von Sauerstoffmangel.

19. Mai, Viersen: Die Beschuldigte wird nach einer zweiten Anhörung festgenommen.

20. Mai, Viersen: Die Verdächtige wird dem Haftrichter vorgeführt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Sie verweigert seither die Aussage.

Der Artikel „Mordverdacht gegen Kita-Erzieherin: Die erschütternde Chronologie der Fälle“ stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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