Missbrauchsfall: Marvin musste in desolaten Zuständen leben - „Es war eine Zumutung“

dzProzess

Der Betreuer des Angeklagten berichtet von völlig desolaten Wohnverhältnissen, in denen der 15-Jährige hatte leben müssen. Die Vernehmung des Teenagers wurde derweil überraschend verschoben.

Bochum

, 09.06.2020, 18:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dieser Fall wird immer trauriger. Im Prozess um das Schicksal des zweieinhalb Jahre lang vermissten Marvin aus Duisburg ist am Dienstag bekannt geworden, unter welch desolaten Wohnverhältnissen der Teenager zweieinhalb Jahre lang gelebt hat.

„Alles war dreckig, alles war schmierig – und unaufgeräumt sowieso“, sagte der ehemalige Betreuer des Angeklagten den Richtern am Bochumer Landgericht. „Es war eine Zumutung, sich länger als fünf Minuten dort aufzuhalten.“ Er selbst habe die Wohnung in Recklinghausen deshalb zuletzt gar nicht mehr betreten und sich nur noch auf der Straße mit dem 45-Jährigen getroffen.

Angeklagter stand unter Betreuung

Die Betreuung war 2009 vom Amtsgericht Recklinghausen eingerichtet worden, nachdem bekannt geworden war, dass der Angeklagte nicht mehr krankenversichert war und sich auch sonst nicht mehr um seine finanziellen Belange kümmerte. Der 45-Jährige leidet seit einem Unfall in der Kindheit unter epileptischen Anfällen, muss regelmäßig Medikamente einnehmen.

Von 2016 bis 2017 hatte er über seinen Betreuer noch einmal einen Job in einem Altenheim bekommen. Doch auch der war dem Angeklagten am Ende offenbar völlig egal.

„Völlig zufrieden, arbeitslos zu sein“

„Er hat sich mit seiner Situation eingerichtete“, sagt auch der Bewährungshelfer, der den Angeklagten nach dessen Verurteilung zu zehn Monaten Haft auf Bewährung wegen Kinderpornographie im März 2018 betreut hat. „Er ist völlig zufrieden damit, arbeitslos zu sein und in den Tag hineinzuleben.“

Den damals 13-Jährigen Marvin soll der Angeklagte über eine WhatsApp-Gruppe kennengelernt haben, die sich Jungs aus Jugendwohngruppen eingerichtet hatten, um Computerspiel-Links hin und her zu schicken.

Der Link mit dem Namen „Gaming“ schien auf den ersten Blick auch dazuzugehören. Tatsächlich verbarg sich dahinter jedoch ein Pädophilen-Chat, in dem sich möglicherweise auch der Angeklagte getummelt hat. „Ich hatte den Link schon weitergeleitet, bevor ich wusste, was das für ein Schweinkram war“, sagte ein 17-Jähriger den Richtern am Dienstag. Auf diese Weise sei er bei einem Freund und anschließend möglicherweise auch bei Marvin gelandet.

Vernehmung des Teenagers erst im Juli

Der heute 16-Jährige, der von dem Angeklagten zweieinhalb Jahre lang in dessen Recklinghäuser Wohnung versteckt und immer wieder sexuell missbraucht worden sein soll, hätte eigentlich am Mittwoch als Zeuge vernommen werden sollen. Dieser Termin ist nun jedoch kurzfristig auf Juli verschoben worden. Grund ist ein Trauerfall in Reihen der Justiz. Marvins Anwältin Marie Lingnau hat bereits beantragt, für die Dauer der Vernehmung des Teenagers die Öffentlichkeit und auch den Angeklagten auszuschließen.

Der 45-Jährige selbst macht vor Gericht weiter von seinem Schweigerecht Gebrauch.

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