Medizinstudenten sollen Examen verschieben und sofort in den Krankenhäusern arbeiten

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Es gibt Pläne, wegen der Corona-Krise das bundesweit für April angesetzte 2. Staatsexamen in Medizin zu verschieben. Die Studenten sollen stattdessen sofort in Krankenhäusern arbeiten.

Dortmund

, 20.03.2020, 11:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es geht um bundesweit 4616 junge Männer und Frauen, die den universitären Teil ihre Ausbildung zum Mediziner abgeschlossen haben. An drei Tagen zwischen dem 14. und 17. April sollten sie in jeweils fünf Stunden in einer bundesweit einheitlichen, schriftlichen Prüfung ihr 2. Staatsexamen ablegen. Daran hätte sich das Praktische Jahr (PJ) angeschlossen, an dessen Ende in einer mündlichen Prüfung das 3. Staatsexamen und damit die Approbation zum Arzt und zur Ärztin gestanden hätte. Doch das Coronavirus wirbelt diese Pläne durcheinander.

Jetzt gibt es sehr konkrete Überlegungen, dass für diese 4616 Studierenden der Medizin das 2. Staatsexamen um ein Jahr auf den April 2021 verschoben werden soll. Stattdessen sollen sie sofort zum PJ zugelassen werden und möglichst umgehend in den Kliniken eingesetzt werden. Das 2. Staatsexamen sollen sie dann im April 2021 gleichzeitig mit dem 3. Staatsexamen, das aus einer mündlichen Prüfung besteht, ablegen. Eine entsprechende Empfehlung hat die Deutsche Hochschulmedizin ausgesprochen. Das ist der als Verein organisierte Dachverband, der die Interessen der 34 deutschen Universitätskliniken und der 38 Medizinischen Fakultäten in Deutschland vertritt.

Ratschlag: Vorgaben fürs Praktische Jahr lockern

Dieser Dachverband empfiehlt weiter, dass die bisher geltenden Regelungen für das PJ geändert werden. Bisher bestand das PJ aus drei je vier Monate dauernden Ausbildungsstationen: Chirurgie, Innere Medizin und ein Wahlpflichtfach. Letzteres ist in der Regel das Fach, in dem man später seine Ausbildung zum Facharzt absolvieren möchte. Die Verpflichtung, Erfahrungen in verschiedenen Sektoren der Medizin zu sammeln, solle wegfallen. Außerdem rät der Dachverband, die im Mai anstehenden Prüfungen zum 3. Staatsexamen zu vereinfachen und das Infektionsrisiko durch Änderungen zu senken, denn: Eigentlich gehören auch Untersuchungen an Patienten zu diesem Examen.

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Noch ist offenkundig keine Entscheidung gefällt worden. „Wir befinden uns mit allen beteiligten Behörden und Stellen im Abstimmungsprozess“, sagt Volker Schillings, Abteilungsleiter im IMPP. Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) mit Sitz in Mainz. Das ist zuständig für den inhaltlichen Teil des Staatsexamens. Das IMPP koordiniert die bundesweit einheitlichen Prüfungstermine, erstellt die Prüfungsfragen und stellt diese dann den Landesprüfungsämtern zur Verfügung. Die wiederum kümmern sich in Abstimmung mit den Medizinischen Fakultäten der Universitäten um Organisatorisches, wie die Bereitstellung geeigneter Räume und Prüfer.

Das Problem von 89 benötigten Räumen

Letzteres könnte sich zu einem der größten Probleme bei dem Versuch auswachsen, doch noch das 2. Staatsexamen jetzt abzulegen. Dazu müssten bundesweit 89 Räume zur Verfügung stehen, in denen die strengen Hygienevorgaben eingehalten werden können. „Das ist in der Tat ein großes Problem“, sagt beispielsweise Prof. Dr. Bernhard Marschall, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Münster. Und: „Dem Landesprüfungsamt brechen einfach die Räumlichkeiten weg, weil viele öffentliche Gebäude inzwischen geschlossen sind.“

Prof. Dr. Bernhard Marschall, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Uni Münster.

Prof. Dr. Bernhard Marschall, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Uni Münster. © picture alliance / dpa

Die Entscheidung über eine Absage könne an verschiedenen Stellen fallen. „Letztlich kann selbst der einzelne Prüfer eine Prüfung absagen, wenn er etwa zu einer Risikogruppe gehört. Und die Zahl der Ersatzprüfer ist begrenzt“, sagt Marschall.

Examenskandidaten kämpfen um ihre Prüfung

Er verstehe das Interesse der Betroffenen sehr gut, nach monatelanger Vorbereitung jetzt auch die Prüfung ablegen zu wollen. Das sei absolut nachvollziehbar, aber eine Entscheidung darüber müsse eben nach einer bundeseinheitlichen Abstimmung erfolgen, sagt Marschall.

Die Raumfrage müsste doch eigentlich zu lösen sein, glaubt David Lücht (24). Er studiert an der Uni Münster Medizin und ist einer der 4616 Betroffenen, die jetzt möglicherweise ihr Examen nicht ablegen können. „89 Räume braucht man in ganz Deutschland, das muss doch machbar sein, auch wenn es definitiv wegen der Hygienevorschriften Mehraufwand ist“, sagt er.

Die Argumente der Betroffenen

David Lücht vermutet, dass der Hauptgrund darin liegt, dass man möglichst schnell viel medizinisches Personal für die Krankenhäuser rekrutieren möchte. „Das kann ich prinzipiell sogar verstehen“, sagt er. Allerdings stünden die angehenden Mediziner bereits ab dem 18. April mit einem bestandenen Examen zur Verfügung. Diese Zeit müsse doch zu verkraften sein.

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„Man muss doch auch sehen, dass wird uns alle seit Weihnachten intensiv auf diese Prüfung vorbereiten. Diese Monate wären für uns jetzt verloren“, sagt Lücht. In einem Jahr müsse die Vorbereitung von vorne beginnen.

Auch eine Frage des Geldes

„Dann aber müsste die Vorbereitung neben der Arbeit im PJ laufen.“ Das sei bei vielen aber gar nicht machbar: „Viele von uns müssen nebenher noch jobben, um unser Leben zu finanzieren“, sagt Lücht. Die Arbeit im PJ sei nämlich zum großen Teil unbezahlt: „Da gibt es maximal eine Aufwandsentschädigung von 20 Euro am Tag. Davon kann man nicht leben“, sagt er.

Inzwischen gibt es eine Online-Plattform, die sich an die Leiterin des IMPP wendet und gegen die Pläne der Examens-Verschiebung protestiert. Darin heißt es unter anderem: „Sie behandeln uns zur Zeit wie Reservisten des Gesundheitssystems, die man mal ebenso verpflichten kann, sich in die erste Reihe zu stellen. Das ist nicht fair!“ Über Kompromisse könne man reden: „Wir Studenten wären gegebenenfalls bereit, unverzüglich mit dem PJ zu starten, sofern das M2 (2. Staatsexamen, Anm. d. Red.) nächsten Monat stattfindet und die Bestehensgrenze gesenkt wird!“ Bis Freitagmorgen (20. März, 10 Uhr) hatten gut 8700 Menschen die Petition unterschrieben.

Noch ist keine Entscheidung getroffen worden. Das soll nach Informationen unserer Redaktion am Montag (23. März) geschehen.

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