Lünerin (53) muss ihre demente Mutter (79) ins Heim bringen: „Wir haben beide geweint“

dzSerie „Wenn die Eltern älter werden“

Der Umzug ins Pflegeheim - eine Entscheidung, die oft verschoben wird. So war es auch bei einer Lünerin, die lange zögerte, als ihre Mutter dement wurde. Sie erzählt ihre Geschichte.

Lünen

, 21.03.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie waren immer ein eingeschworenes Mutter-Tochter-Gespann: Bettina Engster (53, alle Namen geändert) und ihre Mutter Helga (79). Das begann ganz früh, als Bettina Engster gerade zwei Jahre alt war und ihre Eltern sich trennten. „Es ist eine sehr enge Bindung gewesen, aber eher freundschaftlich. Wenn meine Mutter einen Rat wollte, hat sie mich gefragt. Wir hatten immer ein großes Vertrauensverhältnis“, sagt die Lünerin.

Bis zu ihrem 60. Lebensjahr war Helga Müller berufstätig, dann genoss sie ihren Ruhestand, ging gerne ins Theater und Kino, besuchte Konzerte. „Sie war immer sehr kontaktfreudig und offen, interessierte sich auch für Politik.“ Nur die Gesundheit spielte nicht mit, Helga Müller bekam zwei künstliche Hüften und auch die Knie mussten operiert werden. Davon ließ sich die Seniorin aber nicht unterkriegen.

Als ihre Mutter 73 Jahre alt ist, bemerkt Bettina Engster, dass sich die Seniorin verändert. „Wir sind dann zu einer Neurologin gegangen, die aber sagte, es sei keine Demenz. Meine Mutter sei nur etwas vergesslich und die Veränderungen lägen auch an ihrer Schwerhörigkeit.“

Oft vergesslich

Nach Feierabend besucht Bettina Engster ihre Mutter oft - zum Kaffee oder Abendessen. Immer öfter jedoch hat die Mutter gar nichts vorbereitet, scheint sich an die Verabredung nicht wirklich zu erinnern.

„Dann steigerte sie sich in ihre Sammelleidenschaft“, erzählt die Tochter. Sie streicht die Brötchentüten vom Bäcker glatt und bewahrt sie ebenso auf wie leere Joghurtbecher, die sie ausspült. „Sogar Einkaufszettel hat sie aufgehoben. Erst später hab ich gemerkt, warum. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wie die Wörter geschrieben werden und hat sie immer neu abgeschrieben, wenn sie einkaufen gehen wollte.“ Auch in Küchenschränken findet sie kleine Zettel, die ihre Mutter geschrieben hat. Sie will sich so Brücken bauen, damit niemand merkt, dass sie immer mehr Dinge vergisst.

Die Hausärztin von Helga Müller überweist ihre Patientin an die geriatrische Ambulanz einer Klinik in Dortmund. „Meine Mutter war einverstanden, als ich es ihr erklärt habe. Insgesamt waren wir dann etwa zehn Mal zu Gesprächen dort.“ Es gibt zwar Medikamente, die die dementielle Veränderung verlangsamen, aber die darf ihre Mutter wegen ihres Asthmas nicht nehmen.

Bettina Engster informiert sich, besucht verschiedene Pflegekurse für Angehörige und hört sich auch Fachvorträge über Demenz an.

Nichts gegessen

Ihre Mutter kauft derweil zwar noch alleine für sich ein, vergisst dann aber zu kochen oder weiß nicht, ob sie etwas gegessen hat. Bettina Engster bestellt für die Mutter „Essen auf Rädern“, doch es wird nicht besser. „Sie hat es nicht gegessen oder wusste nicht, ob sie es gegessen hatte.“

Ihren Haushalt und die Blumen auf dem Balkon versorgt die Seniorin aber weiterhin wie früher. Eine Putzfrau geht ihr zur Hand. „Dann beginnt sie, die Uhrzeiten durcheinander zu bringen. Steht ein Termin bei Arzt, Fußpflege oder Friseur an, muss Bettina Engster ihre Mutter immer abholen.

Weil Helga Müller Angst hat, am nächsten Morgen, wenn die Tochter klingelt, nicht rechtzeitig fertig zu sein, zieht sie sich schon am Abend vorher komplett an - samt Mantel und Handtasche, setzt sich in den Sessel und schläft dort ein. So schlafend findet sie ihre Tochter dann am Morgen.

Inzwischen besucht Bettina Engster ihre Mutter jeden Tag vor und nach der Arbeit. Auch ihre Partnerschaft leidet - weil sie nicht nur zeitlich eingespannt ist, sondern sich auch die Gespräche mit ihrem Mann fast nur noch um diese Sorgen drehen.

Als Bettina Engster und ihr Mann in den Urlaub fahren, kümmert sich ein Pflegedienst um Helga Müller, die ihrer Tochter den Urlaub gönnt. Auch wenn sie gar nicht mehr richtig mitbekommt, was eigentlich Urlaub bedeutet.

Mittlerweile weiß Bettina Engster, dass der Umzug ihrer Mutter in ein Pflegeheim wohl unumgänglich ist. Sie schaut sich mehrere Einrichtungen ein, erst nur mit ihrem Mann. „Aber Mutti hat immer geweint, wollte nicht in ein Heim.“ Diese Haltung verstärkt sich noch, als sie mit ihrer Mutter ein Heim besucht und dort eher Abschreckendes sieht.

Freundschaft geschlossen

Bettina Engster stellt ihren Entschluss wieder in Frage. Dann soll ihre Mutter in die Kurzzeitpflege, während Tochter und Schwiegersohn Urlaub machen. Doch die Ärztin macht Bettina Engster klar, dass ihre Mutter nicht mehr allein in ihrer Wohnung leben kann, einen dauerhaften Pflegeheimplatz braucht.

Unmittelbar bevor das Paar in den Urlaub startet, bekommt die Mutter einen Platz in einem Lüner Pflegeheim. „Ich musste ihren Koffer packen, wir haben beide geweint und ich hab ihr gesagt, wenn es ihr nicht gefällt, kommt sie zurück.“

Zuerst zieht die Mutter in ein Doppelzimmer, freundet sich dort mit ihrer älteren Zimmergenossin an. Trotzdem hat Helga Müller Eingewöhnungsprobleme. „Ich bin jeden Tag heulend da raus, hatte das Gefühl, ihr Vertrauen missbraucht zu haben.“ Nach vier Wochen hat sich die Mutter mit dem neuen Zuhause abgefunden.

Viereinhalb Jahr lebte Helga Müller dort, bis sie vor zwei Jahren starb. Bettina Engster - heute 60 - fand nicht alles gut in dem Heim, weiß aber, dass „es im Nachhinein der richtige Schritt war. Mein Mann hatte es schon vorher gesagt, aber ich musste mich innerlich damit abfinden und das Ganze selbst entscheiden. Vielleicht hätte sie auch mehr von den Angeboten gehabt, hätte ich den Entschluss fürs Heim eher getroffen.“

  • Wenn eine häusliche Pflege nicht mehr möglich ist, betragen die Leistungen der Pflegeversicherung für die vollstationäre Pflege/Pflege im Heim monatlich bei Pflegegrad II 770 Euro, bei Pflegegrad III 1262 Euro, bei Pflegegrad IV 1775 Euro und bei Pflegegrad V 2005 Euro.
  • Infos zum Thema Pflegeheim gibt es hier:
  • Pflegestützpunkt Lünen – Beratung für gesetzlich Versicherter ALLER Krankenkassen, Arndtstraße 4 (im Haus der Knappschaft), Ansprechpartner: Falko Lange, Tel. (02306) 70 03 - 92, E-Mail: psp-luenen@kbs.de oder falko.lange@kbs.de
  • Compass Pflegeberatung – Beratung für Versicherte privater Krankenkassen, Tel. (0800) 101 88 00, zuständige Beraterin für Lünen: Stephanie Schuh, Tel. (0221) 93 332 229, E-Mail: stephanie.schuh@compass-pflegeberatung.de, www.compass-pflegeberatung.de
Das sind die Pflegeheime in Lünen:
  • AWO-Seniorenzentrum „An der alten Gärtnerei, Waltroper Str. 25 (Brambauer), Tel. (0231) 98 68 09 102, www.awo-rle.de
  • AWO-Seniorenzentrum „Minister Achenbach“, Hermann-Schmälzger-Str. 5 (Brambauer), Tel. (0231) 87 83-1, www.awo-rle.de
  • Caritas-Altenzentrum St. Norbert, Laakstr. 78 (Nordlünen), Tel. (02306) 70 08 0, www.caritas-luenen.de
  • Caritas-Seniorenzentrum an der Lippe, Mersch (Mitte), Tel. (02306) 76 51 50, www.caritas-luenen.de
  • Coldinne-Stift Lünen, Alstedder Str. 150 (Alstedde), Tel. (02306) 9 10 11 0,
  • Evangelisches Altenzentrum Lünen, Bebelstr. 200 (Lünen-Süd), Tel. (02306) 9 44 77 0, www.diakoniedortmund.de
  • Pflegeeinrichtung „Fünf Wände“, Rudolph-Nagell-Str. 17 (Nordlünen), Tel. (02306) 9 10 34 98, www.fuenfwaende.de
  • Residenz Osterfeld, Günter-Kleine-Str. 1 (Mitte), Tel. (02306) 9 29 44 0, www.alloheim.de
  • Seniorenzentrum Beckinghausen, Kamener Str. 224 (Beckinghausen, Tel. (02306) 9 84 84 0, www.alloheim.de
  • Seniorenhaus Wethmar Mark, Wethmar Mark 76 (Wethmar), Tel. (02306) 30 50 0, www.seniorenhaus-wethmar-mark.de
Die Heimfinder-App in NRW gibt es hier: https://www.heimfinder.nrw.de/ Infos der Verbraucherzentrale, wie man das passende Heim findet, gibt es ebenfalls im Internet.
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