Lüner entdeckt Bruder nach Jahrzehnten zufällig und besucht ihn in den USA

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Raimund Böhm aus Lünen-Brambauer hat einen Bruder, den er lange nicht kannte. Sein Vater war einst als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert, die Mutter war gebürtige Lünerin.

Lünen

, 01.03.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Alles begann im August 2019, als Angelika Könneke (56), die Schwester von Raimund Böhm (73), auf dem Dachboden alte Fotos und Liebesbriefe der gemeinsamen Mutter fand. Zu diesem Zeitpunkt war den beiden noch nicht bewusst, dass Raimund Böhm einen Halbbruder in Amerika hat.

Zeitreise ins Jahr 1945

Nach Ende des Zweiten Weltkreigs blieben weiterhin amerikanische Soldaten in Deutschland. Unter ihnen auch Raymond Lepsch, der als Soldat der US-Army im hessischen Dillenburg stationiert war. Bei einem Tanzfest 1945 lernte der junge Amerikaner seine große Liebe Elisabeth Backhaus aus Lünen-Brambauer kennen, die zu dieser Zeit in Dillenburg arbeitete.

Das junge Paar verlobte sich, Elisabeth wurde schwanger und brachte 1946 mit 20 Jahren einen gesunden Jungen zu Welt: Raimund. Weil der Krieg vorbei war, wurden die amerikanischen Soldaten nach und nach abgezogen. Auch Raymond Lepsch wurde zurück in die Heimat beordert und ließ schweren Herzens seine geliebte Elisabeth und den kleinen Sohn zurück in Deutschland.

Alte Briefe und Fotos belegen die Beziehung von Böhms Mutter zu einem amerikanischen Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg.

Alte Briefe und Fotos belegen die Beziehung von Böhms Mutter zu einem amerikanischen Soldaten nach dem zweiten Weltkrieg. © Hahn

Gemeinsames Leben war nicht möglich

Die Trennung sollte eigentlich nicht von Dauer sein. Der Soldat, von allen Ray genannt, hatte geplant, gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau und dem Sohn in Amerika zu leben. Die Reise war geplant, die Papiere besorgt. Der Soldat hielt Kontakt über Telegramme, die dann jahrelang auf dem Dachboden verstaubten.

Als Elisabeth am Flughafen in Frankfurt mit Kind und Koffern bereit stand, um ins neues Leben zu starten, gab es Probleme mit den Papieren. Ihr wurde die Reise in die USA nicht gestattet. „Von diesem Zeitpunkt an war alles anders“, sagt Raimund Böhm mit Tränen in den Augen. Später hat seine Mutter in Deutschland neu geheiratet.

Der Kontakt zum Vater ihres Sohnes blieb aber bis ins Jahr 1952 bestehen. In zahlreichen Briefen schreiben die beiden, wie sehr sie sich vermissen und wie gerne Ray seinen Sohn sehen würde. Jeder Brief des Soldaten endet mit den Worten „gib meinem Sohn einen Kuss von mir.“

Doch der Briefkontakt brach ab. Alles was danach blieb, war eine Adresse. „Vermutlich war der Schmerz für meine Schwiegermutter zu groß“, sagt Silvia Böhm, die Frau von Raimund Böhm. Die Familie fand die Briefe erst 2019 wieder. Der Vater und frühere US-Army Soldat Raymond „Ray“ Lepsch lebt nicht mehr. Und auch Elisabeth, geborene Backhaus verstarb, als sie 50 Jahre alt war.

Die Brüder David Lepsch (l.) und Raimund Böhm (r.) aus Lünen-Brambauer. Sie haben sich nach über 70 Jahren das erste Mal gesehen. Bei einem Besuch in Amerika.

Die Brüder David Lepsch (l.) und Raimund Böhm (r.) aus Lünen-Brambauer. Sie haben sich nach über 70 Jahren das erste Mal gesehen. Bei einem Besuch in Amerika. © Privat

Erster Kontakt zum Bruder

Nachdem Raimund Böhm und seine Schwester Angelika Könneke die Briefe gelesen hatten, war klar: Raimund Böhm musste einen Halbbruder haben. Seine Schwester Angelika nicht, denn sie hat einen anderen Vater. Reinmunds Vater Raymond hatte in Amerika neu geheiratet und schreibt in den Briefen von einem Sohn.

Sein ganzes Leben lang hatte Raimund Böhm nichts von seinem Halbbruder gewusst. Im November 2019 flog er ins amerikanische „Victor“ in der Nähe von Buffalo und besuchte ihn. David Lepsch (65) begrüßte ihn mit den Worten: „You’re coming home“ (deutsch: Du kommst nach Hause).

Die Halbbrüder sehen sich nicht nur sehr ähnlich, sie verstehen sich auch auf Anhieb als sie die ersten zwei Wochen ihres Lebens zusammen verbringen. „Wir wurden mit offenen Armen empfangen, obwohl wir uns noch nie gesehen haben“, sagt Raimund Böhm über den ersten Aufenthalt bei seinem Bruder.

Unzertrennliche Brüder

Der Abschied nach der gemeinsamen Zeit fiel schwer. „Wir mussten alle weinen, wollen uns aber wieder sehen“, erklärt Böhm. Die Entfernung soll in Zeiten des Internets kein Hindernis zwischen den Brüdern sein. Sie halten Kontakt über Video-Chats und wollen sich „nie wieder aus den Augen verlieren“, sagt Böhm.

Als Nächstes geplant ist ein Familientreffen in Deutschland. Der Amerikaner möchte im Mai nach Lünen kommen. Auch um zu sehen, wo sich sein Vater 1945 einst verliebt hat.

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