Mütter schildern Corona-Hysterie: Leere Regale und Angst vor hustenden Kindern in Lünen

dzHamsterkäufe

Menschen werden schief angeguckt, wenn sie husten. Eltern werden angegangen, weil sie mit ihren Kindern einkaufen gehen. Wir haben drei Beispiele für die Corona-Hysterie in Lünen beleuchtet.

Lünen

, 04.03.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sylvana Martens-Hohendorf wollte für ihre Tochter zum 8. Geburtstag einen Kuchen backen. Doch daraus wurde nichts, dank der „Idioten, die wegen Corona übertriebene Hamsterkäufe tätigen und sämtliche Vorräte an Milch und Mehl etc. leergekauft haben“, wie sie auf Facebook schreibt.

Auf Nachfrage bestätigt die 37-Jährige, dass sie an einem Tag sieben Läden in Lünen und Hamm abgeklappert hätte. „Überall das gleiche Bild: Leere Regale.“ Natürlich wiesen auf Facebook einige Nutzer daraufhin, dass es durchaus noch voll bestückte Läden gäbe. „Aber ich hatte nach dem siebten Laden definitiv die Schnauze voll.“

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Dass sie in anderen Läden hätte Erfolg haben können, sei ihr ohnehin klar. „Aber es geht mit auch darum, dass es Menschen gibt, die nicht x Läden anfahren können.“

Hilfe aus dem Tiefkühlregal

Am meisten ärgert die Mutter natürlich, dass ihre nun achtjährige Tochter nicht den gewünschten Kuchen bekommen hat. „Ich musste ihr erklären, warum ich bestimmte Zutaten nicht kaufen konnte.“

Allerdings gab es auch eine positive Seite: „Viele haben mir Hilfe angeboten.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Familie schon selbst geholfen - mit einem Fertigkuchen aus dem Tiefkühlregal, das ironischerweise nicht leergekauft war. „Bei Lebensmitteln wie frischer Milch oder Eiern muss einem doch klar sein, dass die nicht ewig halten.“

Aber wirklich wundern dürfte sich Sylvana Martens-Hohendorf wohl über nichts mehr. Zumal mittlerweile selbst ein einfaches Husten zu sozialer Isolation und gesellschaftlicher Ächtung führen kann. So berichtet eine Mutter ebenfalls auf Facebook, dass die Leute in einem Supermarkt in Alstedde die Flucht ergriffen, nachdem ihre kleine Tochter gehustet hatte.

„Ich habe die erstmal nur böse angeguckt“, erzählt die Frau im Gespräch mit unserer Redaktion. „Danach habe ich selbst gehustet, um mal zu sehen, wie die anderen reagieren.“ Sagen wir es so: Die Dame hatte danach viel Platz.

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Gleiches galt für eine Mutter, die mit ihrer Tochter in einem anderen Supermarkt in der Schlange stand. Nachdem das Kind gehustet hatte, hätten die anderen Leute zunächst einen Schritt zurückgemacht. Die Aktion habe schließlich in dem Vorwurf gegipfelt, dass es doch unverantwortlich sei, „so nach draußen zu gehen und die Leute anzustecken“.

Zusammengerissen und Vorbild geblieben

Die Äußerungen der Damen auf Facebook haben teilweise mehr als 200 Kommentare hervorgerufen, von denen eine ganze Reihe ähnliche Schilderungen sind. Das Erstaunliche daran: In allen Fällen haben sich die Betroffenen zusammengerissen und nichts gesagt. Das ist vorbildlich gegenüber den beteiligten Kindern. Und großes Glück für eine Gesellschaft, die offensichtlich am Rande des Wahnsinns steht.

Kommentar von daniel claeßen

Die Angst vor dem Ende

Schon klar: Wir, also die Medien, sind Schuld an der ganzen Hysterie. Würden wir nicht über das Coronavirus und seine Folgen berichten, wären alle ganz gewiss glücklich und entspannt, nicht wahr? Aber über den Punkt möchte ich heute auch gar nicht diskutieren (zumal es viele Menschen mit dem Diskutieren ja ohnehin nicht so haben). Dass Leute Läden leerkaufen, sich im Krankenhaus heimlich Desinfektionsmittel in Plastikflaschen abfüllen und vor hustenden Kindern reißaus nehmen, ist eigentlich zum Lachen. Aber leider zeigt es den traurigen Zustand, in dem sich unsere Gesellschaft gerade befindet: Das Coronavirus scheint etwas zu sein, auf das einige geradezu gewartet haben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass viele Menschen derzeit damit rechnen, dass irgendetwas zu Ende geht - allerdings weiß niemand, was eigentlich genau. Ebensowenig wie niemand weiß, was danach kommt. Da ist das Coronavirus eine dankbare, weil greifbare Erklärung für dieses Gefühl, das man seit einiger Zeit hat. Vielleicht, weil man vor 100 Jahren schon einmal so weit war und es heute durch diverse Dokus und Serien und Romane vorgehalten bekommt. Vielleicht aber auch, weil es stimmt, und wir wirklich am Beginn einer neuen Ära stehen. Das muss kein Grund zu Panik sein, im Gegenteil. Schließlich wissen wir nicht, wohin die Reise geht. Was wir aber wissen: Hamsterkäufe werden uns dabei nicht helfen.
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