NRW will Besuche in Heimen ermöglichen

Das Coronavirus ist vor allem für alte, kranke Menschen riskant. In Pflegeheimen werden sie daher von Besuchen abgeschirmt. So kann das nicht bleiben, sagt NRW-Gesundheitsminister Laumann. Er will jetzt schnelle Lösungsvorschläge von Wissenschaftlern.

08.04.2020, 12:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bewohner der nordrhein-westfälischen Pflegeheime sollen trotz Corona-Krise möglichst bald wieder Besuch empfangen dürfen. Er habe bei Wissenschaftlern der Hochschule für Gesundheit in Bochum Vorschläge für kurzfristige Lösungen in Auftrag gegeben, kündigte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch in Düsseldorf an. Wie und wann das umgesetzt werden könne, sei aber noch offen.

„Das sind ja alles Menschen mit einer ohnehin noch sehr verkürzten Lebenserwartung“, sagte Laumann zur Situation in den Pflegeheimen. „Wir müssen alles daran setzen, dass diese Menschen ihre restliche Lebenszeit nicht in Isolation verbringen müssen.“ Die rigorosen Besuchssperren seien sowohl für die Pflegebedürftigen als auch für ihre Angehörigen sehr belastend.

Bei Überlegungen zu Exit-Stragien aus corona-bedingten Einschränkungen bleibe die Situation hochbetagter vorerkrankter Menschen meist außen vor, kritisierte der Gesundheitsminister. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz bezeichnete Exit-Strategien in diesem Bereich hingegen als „hochgefährlich“, da ein ausreichender Grundschutz in den Altenheimen und der ambulanten Pflege fehle. „Es wäre lebensgefährlich für Menschen der Hochrisikogruppe, hier falsche Erwartungen in der Bevölkerung zu wecken“, warnte Stiftungsvorstand Eugen Brysch in einer Mitteilung. „Das Erreichte wird aufs Spiel gesetzt.“ Nötig seien stattdessen mehr Personal, Geräte sowie Corona-Tests für alle Heimbewohner mit Grippe-Symptomen

Trotz der angespannten Situation lehnt Laumann einen Aufnahmestopp für Pflegeheime in NRW weiterhin ab. „Wir müssen die Heime für neue Fälle offen halten“, bekräftigte er. Für viele Menschen gebe es auf Grund ihrer schweren Erkrankungen - etwa infolge eines Schlaganfalls - gar keine Alternative zur stationären Pflege. „Auch Krankenhausbetten können nur frei werden, wenn man diese Menschen unterbringen kann.“

NRW gehe dabei bewusst andere Wege als Bayern oder Niedersachsen. Wegen des Todes mehrerer mit dem Coronavirus infizierter Pflegebedürftiger in Heimen hatten diese Bundesländer einen Aufnahmestopp verhängt. „Ich will das aber, wenn es eben geht, weiter nicht“, sagte Laumann.

Auch pauschale Ausgangsbeschränkung für ältere Menschen aufgrund der Coronavirus-Pandemie lehnt der 62-Jährige ab. „Das Lebensalter sagt nicht alles über den Gesundheitszustand eines Menschen aus“, stellte Laumann fest. Es gebe mit Sicherheit 70-Jährige, die in besserer Verfassung seien, das Virus zu überstehen als mancher 50-Jährige. „Eine Ausgangssperre vom Lebensalter abhängig zu machen, finde ich problematisch“, sagte Laumann. Auch für Ältere gelte das Recht auf Selbstbestimmung.

Unterdessen verlangsamt sich das Tempo der Corona-Epidemie in NRW weiter. Die zur Beurteilung der Dynamik entscheidende Verdoppelung der Infektionszahlen liege jetzt bei zwölf Tagen, erklärte der Minister. „Wir sind jetzt eindeutig seit eineinhalb Wochen auf einem Weg, dass sich der Abstand der Verdopplungen erheblich erhöht.“

Wenn es in dem Tempo weitergehe, werde NRW dennoch zum Monatsende rund 164 000 Corona-Infizierte haben - am Dienstagnachmittag waren es fast 23 000. Ziel sei es nun, auf einen Verdoppelungszeitraum von 16 Tagen zu kommen, sagte Laumann. Dann wären es rund 97 000 Infizierte.

Die Landesregierung befürchtet bei zu hohen Infektionszahlen eine Überlastung des Gesundheitssystems. Das „Nadelöhr“ seien die Beatmungsgeräte, sagte Laumann. Etwa 2,5 Prozent der Corona-Infizierten seien auf Beatmung angewiesen - bei 164 000 Infizierten wären das bereits 4100 Beatmungspatienten. Die Krankenhäuser bauten die Zahl der Beatmungsplätze aber weiter aus, so Laumann. Gab es Mitte März erst rund 4200, seien es inzwischen schon knapp 5000.

Derzeit liegen nach Angaben Laumanns 1900 Corona-Infizierte in NRW in Krankenhäusern. Von ihnen seien 682 auf Intensivstationen - 547 dieser Patienten müssten beatmet werden.

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