Mehr Corona-Fälle: aber keine landesweiten Schulschließungen

Die Corona-Infektionen sind deutlich gestiegen. Schulschließungen wie in Italien sind für die Landesregierung zwar kein Thema. Dafür aber der potenzielle „Fall X“ in einem Gefängnis.

05.03.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Landesweite Schulschließungen wie in Italien kann sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) trotz deutlich steigender Coronavirus-Infektionen nicht vorstellen. Wenn - rein theoretisch - eine solche Entscheidung getroffen würde, „dann würde sich ja auch die Frage stellen, wer betreut eigentlich die Kinder unserer Krankenschwestern, unserer Ärztinnen und Ärzte“, sagte er am Donnerstag dem WDR. Allerdings sei der Prozess dynamisch. In vier oder acht Wochen könne die Situation anders sein. „Das liegt daran, wie das Virus sich verbreitet.“

Die Zahl der bestätigten Infektionen stieg am Donnerstag im Vergleich zum Vortag noch einmal deutlich auf landesweit 302, wie das NRW-Gesundheitsministerium (Stand 16.00 Uhr) mitteilte. Allein im Kreis Heinsberg lag die Zahl demnach bei 197. Am Vorabend waren es den Angaben nach noch 150 in Heinsberg und 172 landesweit.

Ein Auslöser des Anstiegs sind die Diagnostikzentren, die einige Städte eingerichtet haben, um potenziell Infizierte zu testen. Es wird jetzt schlicht mehr untersucht, wie der Kreis Heinsberg schon vorher deutlich gemacht hatte. Allein in einem Zentrum in Gangelt waren am Vortag 200 Proben entnommen worden. Das zweite Zentrum im Kreis hatte den Betrieb erst aufgenommen.

Mit diesem Vorgehen würden die ärztlichen Praxen entlastet, sagte die Sprecherin des Kreises Heinsberg, Jennifer Grünter: „Wenn man solche Tests durchführt, sind eine Reihe Hygienemaßnahmen für die Ärzte und die Praxis vonnöten. Und wenn sich die Hausärzte damit schon nicht mehr rumschlagen müssen, dann ist das schon viel wert.“

Auch Aachen erwartete nach dem Start eines solchen Zentrums einen weiteren Anstieg der Fallzahlen. Kreis und Städteregion gaben am Donnerstag insgesamt 33 nachgewiesene Infektionen an. Die Region ist damit nach Heinsberg am zweitstärksten in NRW betroffen. Wieder gab es am Donnerstag aber auch eine Infektionsmeldung aus einer bis dahin nicht betroffenen Region: Der Rhein-Sieg-Kreis teilte seinen ersten Corona-Fall mit.

In der Städteregion Aachen ist die Liste der vorsorglich geschlossenen Schulen länger geworden: Das Gymnasiums der Stadt Baesweiler wird vorerst bis zum 15. März geschlossen wegen eines bestätigten Coroanfalls bei einem Schüler, der sich in häuslicher Quarantäne befinde. Die Krisenstäbe von Stadt und Städteregion Aachen wollen am Freitag bekanntgeben, wie es für die sechs Einrichtungen in der kommenden Woche weitergeht, die bis zum 8. März geschlossen sind. Das sind im Einzelnen vier Schulen, ein Berufskolleg sowie eine Kita. Der Kreis Viersen teilte mit, dass ein Gymnasium in Schwalmtal bis einschließlich 18. März geschlossen bleiben wird. Die Mutter einer Schülerin hat sich den Angaben zufolge mit dem Virus infiziert.

Die Stadt Düsseldorf teilte mit, dass ein junger Erzieher einer Kita positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Da alle Erzieherinnen und Erzieher der Kita derzeit unter Quarantäne stünden, müsse die Kita vorerst ihren Betrieb einstellen. Die 15 engen Kontaktpersonen des Mannes und die 60 Kinder der Kita seien bisher nicht erkrankt.

Die Uniklinik in Münster (UKM) reagierte auf das sich ausbreitende Virus mit einer neuen Regelung: Patienten sind gebeten, pro Tag nur noch einen Besucher zu empfangen. „Hintergrund ist die erhöhte Gefahr einer Weiterverbreitung des Corona-Virus durch zu viel Publikumsverkehr“, so die Uniklinik in einer Mitteilung. Das Klinikum sagte zudem alle eigenen Veranstaltungen ab und wies die Mitarbeiter an, die dienstliche Teilnahme an größeren Veranstaltungen abzusagen und keine Dienstreisen zu machen. Bis einschließlich Ende März dürfen Mitarbeiter nicht an Kongressen, Messen oder Fortbildungen mit mehr als 25 Personen teilnehmen. In der Klinik war ein 51-Jähriger behandelt worden, der aus dem Urlaub im Iran zurückgekehrt und positiv getestet worden war. Er wurde inzwischen in die häusliche Quarantäne entlassen.

Auch der am Donnerstag bekannt gewordene Fall eines Patienten in Polen macht deutlich, wie schnell das Virus große Strecken überwindet: Der erste nachgewiesene Infizierte in Polen hatte sich nach Angaben der behandelnden Universitätsklinik zuvor längere Zeit in Heinsberg aufgehalten. „Der Mann hat uns in einem Gespräch erklärt, dass er etwa zwei Wochen während der Karnevalssaison dort war“, sagte die Sprecherin der polnischen Klinik.

Unterdessen bereitet sich der Strafvollzug in Nordrhein-Westfalen auf das Coronavirus vor. Als erstes NRW-Gefängnis lässt die JVA Heinsberg derzeit keine Besucher hinein. „Wir empfangen nur Rechtsanwälte, wenn sie die Besuche nicht aufschieben können“, sagte Franz-Josef Bischofs, stellvertretender Anstaltsleiter in Heinsberg auf dpa-Anfrage.

Auch Hafturlaube und Freigänge seien derzeit ausgesetzt - ebenso wie Transporte in andere Gefängnisse. Die JVA Heinsberg liegt mit derzeit rund 380 Gefangenen und gut 300 Mitarbeitern im mit Abstand am stärksten von der Epidemie betroffenen Kreis Nordrhein-Westfalens.

Der Soldat der Flugbereitschaft am Militärflughafen Köln-Wahn, der mit dem Coronavirus infiziert war, hat das Koblenzer Bundeswehrzentralkrankenhaus wieder verlassen können. „Unser Soldat ist gestern Nachmittag als geheilt entlassen worden“, teilte ein Sprecher des Sanitätsdienstes der Bundeswehr mit. Der Soldat wohnt in Gangelt im Kreis Heinsberg. Dort soll er sich im Karneval mit dem Virus Sars-CoV-2 angesteckt haben.

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